zurück zur Bildschirmversion über den "zurück"-Button Ihres Browsers

Paukenschlag am Donnerstag No. 30/2008 vom 24. Juli 2008
Kommentare zum Zeitgeschehen von Egon W. Kreutzer

Nicht einfach
zur Flasche greifen

 

Das ZDF-Morgenmagazin schickt Profi-Bewerber gegen die Arbeitslosigkeit im Sommerloch ins Feld.

Heute Morgen im ZDF-Morgenmagazin:
Die Arbeitslosenzahlen, die in ein paar Stunden in Nürnberg offiziell verkündet werden, sind, wie vorab bekannt wurde, gestiegen.

Das war die Nachricht - danach folgte die Belehrung - und die war ein echtes Kabinettstückchen professionell-selektiver Information.

Für den Anstieg der Arbeitslosenzahlen, plaudert die Moderatorin munter dahin, gäbe es sicherlich (!) mehrere (!) Gründe. Dann folgt die Aufzählung:

Das waren dann die "mehreren Gründe" und die waren allesamt mehr oder minder grober Unfug:

Allerdings ist es den Konstrukteuren dieses Beitrags damit gelungen, immerhin drei Ursachen aufzuzählen, die - zusammengenommen geeignet sind, ungefähr folgenden Wirrwarr im Kopf der Zuschauer hervorrufen:

Obwohl die Konjunktur pausiert, versuchen die Unternehmen, selbst noch im Sommerloch, Leute einzustellen, der Anstieg der Arbeitslosenzahlen liegt also nur daran, dass die Bewerber nicht ausreichend qualifiziert sind. Die sollen sich auf den Hosenboden setzen, die Faulenzer... 

Und, weil genau diese Wirkung vorhersehbar, wenn nicht gar beabsichtigt war, setzt das Morgenmagazin noch einen drauf und lässt wissen, dass man etwas dagegen machen kann, gegen die nicht ausreichend qualifizierten Bewerber.

Von da an gerät der Beitrag vollends zur Farce.

Ohne auch nur einen Rest von Scham wird dem Publikum vermittelt, worauf es ankommt, damit die Arbeitslosigkeit sinkt:

Arbeitslose müssen zu Profi-Bewerbern umgeschult werden.

Ein konkreter Fall wird vorgestellt, ein 25-jähriger mit dem Berufstwunsch "Koch", der angibt in seinem ganzen Leben ungefähr 200 bis 300 Bewerbungen geschrieben zu haben, wird als Musterfall für jene rund 6 Millionen Arbeitslosengeldempfänger, denen nichts fehlt, als ein Bewerbungstraining, um in Deutschland wieder die Vollbeschäftigung ausrufen zu können.

"Drei Jahre bewerben, ohne Erfolg. Jetzt sind Profis gefragt."

Mit diesem optimistischen Slogan wird die Reportage über die Erlebnisse des Aspiranten im Bewerbungstraining anmoderiert. Dann der Schlüsselsatz:

"Die Arbeitsagentur schickt (den Bewerber) ins Projekt Job Act."

Kein Wort darüber, was dieses Projekt ist, was damit bezweckt wird, was es kostet, wie die Erfolgsquoten sind - Hauptsache ein schöner, wohlklingender Titel. Dass der für englischsprachige Menschen ebenso nichtssagend ist, wie für das deutsche Publikum, das macht nichts. "Job Act" ist heute Morgen im ZDF Morgenmagazin die Patentlösung für den Arbeitsmarkt.

Unser Bewerber erfährt in einem zeitrafferartigen Zusammenschnitt
(so ein Bewerbungstraining zieht sich in der Realität oft über zwei, drei oder auch vier Wochen hin; dem folgt im direkten Anschluss häufig ein ein-, zwei- oder dreimonatiges unbezahltes Praktikum)
zunächst alles Wichtige über den Lebenslauf:

In einer weiteren Szene wird das Bewerbungsgespräch perfektioniert, denn "gerade hier liegen die Stolperfallen."

Ein Bewerber sollte sich auf das Vorstellungsgespräch vorbereiten und sich über das Unternehmen, bei dem er sich bewirbt, gut informieren. Hat er das versäumt, wie in dem im Beitrag gezeigten Rollenspiel, dann wird er vom Profi von Job act aufgeklärt:

"Du warst sehr desinformiert!"

Aber hat man sich informiert, und begeht man nicht einen der beiden Kardinalfehler, verkrümmt und verschlossen herumzusitzen, statt sich dem Arbeitgeber offen zu zeigen, oder gar unaufgefordert zur Flasche zu greifen, dann steht der baldigen Einstellung nichts mehr im Wege.
(Vorausgesetzt, auch der Arbeitgeber hat den Rat "Nicht einfach zur Flasche greifen" richtig interpretiert.)

Und damit auch dem letzten Zuschauer vollkommen klar wird, dass jeder für seine Arbeitslosigkeit selbst die Verantwortung zu tragen hat, weist das ZDF-Morgenmagazin abschließend darauf hing, dass es den Kurs "Bewerbungstraining" bei den Volkshochschulen schon für 30 Euro gibt, erwähnt auch, dass private Bildungsträger teurer sind, bis zu 1.500 Euro ("...da schwanken die Preise"), um zuletzt triumphierend zu verkünden, dass es Bildungsgutscheine vom Arbeitsamt gibt, mit denen das Bewerbungstraining für den Bewerber kostenlos ist.

Die Abmoderation:

 "Lebenslauf, Anschreiben und Gespräch sitzen -

(...) ist schon ein fast perfekter Bewerber.

Und sein nächstes Vorstellungsgespräch, das stimmt ihn optimistisch."


Schön, nicht wahr? Wo ist das Problem?

Schön. Nicht wahr.
Das ist das Problem.

 

Um den im Beitrag aufgetretenen "Profi" zu zitieren:

Die Macher dieses Beitrags wirkten sehr desinformiert.

Wenn nicht gar desinformierend, desinformativ.

Ob Absicht, Dummheit oder Unwissen dahintersteckt, wird nicht abschließend geklärt werden können. Nicht bestritten werden kann,

Lassen Sie mich mit einigen wenigen Sätzen den hier vorgetragenen Optimismus ad absurdum führen:


Der ZDF-Beitrag ist als Video beim ZDF abzurufen.

Einen Beitrag über die Realität liefert Isabel Horstmann in ihrem Buch "Im Dschungel der Maßnahmen".


Es ist im EWK-Verlag mit der ISBN 978-3-938175-40-8 erschienen, 202 Seiten stark und kostet 11,90 Euro. Das ist zwar etwas teurer, als die anteiligen Fernsehgebühren für den MOMA-Beitrag, aber dafür um einiges realistischer und informativer.




Mein besonderer Dank gilt dem ZDF-Morgenmagazin, dass mir in dieser öden Sommerlochzeit doch noch ein Thema für den heutigen Paukenschlag geschenkt hat.

Sonst hätte ich womöglich noch einmal über Clement schreiben müssen. Der hat aber soviel Aufmerksamkeit gar nicht verdient.