Paukenschlag am Donnerstag
No. 25/2008
vom 19. Juni 2008 (Deutschland-Portugal)

Kommentare zum Zeitgeschehen
von Egon W. Kreutzer

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Frageansatz: Tswaansig_tswaansig?

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Leserbriefe
 
Paukenschläge 2008 (ältere)
1 Knut Beck
2 Bürgerkriech
3 Estate, real estate
4 Nur Börsencrash?
5 Unsere Freiheit 1
6 Unsere Freiheit 2
7 Zumwinkel, Klaus
8 Unsere Freiheit 3
9 Begrüßenswertes Urteil
10 Zur Schandtat unfähig
11 Feuer frei!
12 Die Welle
13 Fröhliches Aufsichtsraten
14 Über den Untersch. zwischen Privatisierung
15 945 Mrd. US$ Spurlos verschwunden
16 Zuvermismus
17 Christlich Soziales Versammeln
18 Narrenschiff - Narrenbahn
19 Frühjahrsmüdigkeit
20 Manneszucht
21 Verfassungsgut Kapitalismus
22 Protagonisten der Pataphysik
23 Straubinger, Max, Sprecher
24 Naomi Klein
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Frageansatz:

Tswaansig_tswaansig?

 

Richtig. Gemeint ist 2020.

Aber wenn eine Assoziation zur betulich-bedeutsam betonenden Aussprache des Präsidenten aller Deutschen erzeugt werden soll, dann ist das mit ZweiNullZweiNull einfach nicht zu schaffen - mit Twaansig_twaansig schon.

In den Medien wurde Horst Köhler für seine jüngste Berliner Rede, die darin gipfelte, der Agenda 2010 müsse nun eine Agenda 2020 (2010+10?) folgen, nicht gerade mit Lob überschüttet.

Was hat das zu bedeuten?

Man könnte sich klar gemacht haben, dass Köhler damit nichts anderes gefordert hat, als Chruschtschow oder Breschnew, Ulbricht oder Honnecker, wenn sie in ihren berüchtigten vielstündigen Marathonreden die Aufstellung des nächsten 10-Jahres-Planes ankündigten, doch dass Journalisten von selbst auf solch kritische Ideen kämen, das glauben die ja selbst nicht mehr.

Ja. Doch.

Am Wochenende trafen sich in Hamburg 600 Journalisten
(so viele gibt es also mindestens noch) auf Einladung der Journalistenvereinigung netzwerk recherche, um über wichtige Themen ihres Berufsstandes zu beraten.

Herausgekommen ist dabei wenig Erfreuliches, jedoch einiges Bedenkliches.

Überspitzt auf den Punkt gebracht heißt eine Erkenntnis der Tagung:

Die journalistische Recherche ist tot.

 

Entweder es fehlt die Zeit,

weil eben auch die Redaktionen radikal ausgedünnt wurden, so dass der einsame Meldungsauswähler vom Dienst nur noch selten vom Bildschirm weg und auf jene Stelle am Teppichboden blickt, wo unausrottbare, dicke schwarze Flecken die letzte Erinnerung an den eingesparten Kaffeeautomaten und die an diesem kommunikativen Treffpunkt einst so munter diskutierende Kollegenschar wachhalten.

Und wenn es an der Zeit nicht fehlt,

dann gebricht es den akut berichterstattenden Kollegen der schreibenden Zunft schlicht am eigenen
Frageansatz. Soll heißen:

Es fällt ihnen zu dem,
worüber sie Bericht erstatten,

selbst nichts ein.

 

Stephan Russ-Mohl hat das schon im letzten Jahr in seinem Aufsatz:

"Warum der PR-Falle kaum zu entkommen ist",

so auf den Punkt gebracht:


Der Trend ist eindeutig und durch zahlreiche wissenschaftliche Studien belegt:

Journalismus wird auf immer subtilere Weise von Public Relations ferngesteuert, immer mehr Medienberichterstattung stützt sich auf Nachrichten, die von PR-Agenturen und von Presseabteilungen all derer stammen, die öffentliche Aufmerksamkeit suchen.

"Kommunikationsmanagement" ist eine Wachstumsbranche: Unternehmen, Regierungen, Behörden und Non-Profit-Einrichtungen lassen es sich Unsummen kosten, ihr Bild in der Öffentlichkeit zu polieren.


Dagegen schrumpfen viele Redaktionen - und mit ihnen die Recherche-Kapazität des Journalismus. Stellen werden gestrichen, ganze Ressorts "outgesourct". Und weil freie Journalisten meist miserabel honoriert werden, öffnet sich auch hier das Einfallstor für PR. Wer von Zeilenhonoraren leben soll, wie sie Redaktionen zahlen, ist auf ein Zubrot angewiesen: Freelancer sind zur Mischkalkulation gezwungen. Oft übernehmen sie nebenbei PR-Aufträge. Auch der Versuchung, perfekt getextete Pressemitteilungen zumindest gelegentlich ohne Zusatzrecherche per Mouseclick in Journalismus zu verwandeln, können sie schwerlich widerstehen.

Anders als in den Lehrbüchern vorgesehen, stützen sich die allermeisten Journalisten bei den Meldungen, welche sie verbreiten, längst nur noch auf eine Quelle - und das ist eben meist eine Pressestelle.


Der vollständige Aufsatz ist hier zu finden:
 EJO European Journalism Observatory

Thomas Leif, Chefreporter Fernsehen beim Südwestrundfunk in Mainz,

sagte in einem Interview mit Peter Wolter über die Tagung von netzwerk recherche:

"Recherche ist zur Zeit offenbar ein Stiefkind des Journalismus - ich glaube, dass mit wenigen strukturellen Veränderungen und vor allen Dingen mit einer anderen Berufseinstellung mehr möglich wäre."

Wenn also statt kritischer, hinterfragender, an Aufklärung interessierter Journalisten allüberall nur noch humanoide Kopiermaschinen agieren, die verbreiten, was andere vorbereitet haben,

dann lautet mein Frageansatz:

"Wer hat wohl das Original der allgemein übernommen Köhler-Kritik getextet und in Umlauf gebracht?",

und

"Wer hat den Auftrag dazu gegeben und das Honorar ausgeschüttet?",

und

"Welcher so außerordentlich großer Nutzen könnte dadurch entstehen, dass Horst Köhler derart angerempelt wird?"

Hat da jemand bei Wikipedia unter Horst Köhler nachgesehen und dort die folgenden Sätze gefunden?

Von 1990 bis 1993 war Köhler Staatssekretär im Bundesfinanzministerium als Nachfolger von Hans Tietmeyer. Er war verantwortlich für finanzielle und monetäre Beziehungen und damit der maßgebliche deutsche Unterhändler bei den Verhandlungen zum Vertrag von Maastricht und teilweise bei jenen für die Deutsche Wiedervereinigung.

Köhler, der mit Russland Milliardenzahlungen für den Abzug der Sowjetarmee aus Deutschland aushandelte, regelte auch die deutsche Finanzhilfe für den Golfkrieg 1991, d. h. die Zahlung von ca. 12 Mrd. DM an die USA.

Als so genannter Sherpa des Bundeskanzlers Helmut Kohl sowie als dessen persönlicher Vertreter bereitete er die G7-Wirtschaftsgipfel in Houston (1990), London (1991), München (1992) und Tokio (1993) vor.

Laut Lorenz Maroldt, Chefredakteur des Tagesspiegels, war Köhler in seiner Eigenschaft als Staatssekretär hauptverantwortlich für die Gestaltung der Währungsunion, die, nach Aussage des Bundesrechnungshofes, die ostdeutschen Betriebe und Banken zugunsten der westdeutschen Unternehmen und Finanzinstitute übervorteilte und den bundesdeutschen Haushalt mit einem zusätzlichen Schuldenaufkommen von 200 Milliarden Euro belastete.

Im Jahr 2000 wurde Köhler auf Vorschlag von Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) zum Geschäftsführenden Direktor des Internationalen Währungsfonds (IWF) bestellt, als achter für eine Amtszeit von fünf Jahren. Köhler ist darüber hinaus Mitglied der Trilateralen Kommission. Inwieweit Köhler sich von der Politik seiner Vorgänger gelöst hat*), ist unklar, seine Nominierung zum Amt des deutschen Bundespräsidenten durch die später in der Bundestagswahl unterlegene wirtschaftsliberale Koalition aus FDP und CDU verdankte er sicher seinem Ruf als Vertreter dieser politischen Richtung.

*) Anmerkung von EWK:
Gemeint ist die für viele Staaten verheerende Politik des radikalen Neoliberalismus, welcher der IWF sich verpflichtet fühlt.

Nein, auch die Wiki-Informationen können nicht die Ursache sein, denn für diejenigen, die einflussreich genug sind, um Köhler durch negative Presse beschädigen zu lassen, ist das alles weder neu, noch erschreckend - im Gegenteil; die meisten haben gut daran mitverdient

....und dass Matthias Richling dahintersteckt,

weil er es leid ist, trotz wechselnder Jahreszeiten immer wieder die nahezu gleiche und aus kabarettistischer Sicht wenig anspruchsvolle Parodie auf Köhler abzuliefern, ist ebenfalls unwahrscheinlich. Wenn Richling solchen Einfluss hätte, dann wäre Köhler ganz bestimmt nicht Präsident geworden.

 

Den Erklärungstheoretikern geht es übrigens nicht anders als Matthias Richling, sie müssen für jedes unerklärliche Ereignis immer wieder in die ewig gleiche Mottenkiste greifen, in welcher außer

  • den Terminen und Gästelisten von Bilderbergertreffen,
  • einer Auflistung aller auf Dollar-Noten angebrachten grafischen Elemente
  • und Vermutungen über die geheimen Riten der Freimaurer
  • nur noch ein paar alte rassistische Vorurteile
  • und gefälschte Protokolle

herumliegen.


Das einzige, was dafür spricht, dass die von den Erklärungstheoretikern beschriebenen Verschwörungen tatsächlich existieren, ist die Tatsache, dass sie in den Medien, die sich sonst in nachrichtenarmen Zeiten mit Eifer auf alles Unerklärliche (Yeti, Nessi, UFOs etc.) stürzen, praktisch nicht erwähnt werden. Nicht vorstellbar, was Journalisten, die den Namen verdienten, herausfinden könnten, wagten sie es nur, sich einen eigenen
Frageansatz zurechtzulegen.

Doch was hilft der schönste Frageansatz, was die herausragendste Recherche, wenn sich anschließend kein Verleger findet, der es wagt, seine Werbekundschaft mit solchen skurrilen Artikeln zu verschrecken.

Es sind doch nicht die Journalisten, die bestimmen, was ins Blatt gehoben wird, sondern die Eigentümer der Verlage, die ihre eigene Vorstellung davon haben, was die Kundschaft erfahren soll, und was nicht.
So muss das ganze schöne netzwerk recherche - Treffen vom letzten Wochenende doch letztlich wohl als ein publikumswirksamer Akt der Selbst- und Öffentlichkeitstäuschung angesehen werden.
Die Abhängigkeiten sind zu eindeutig und zu erdrückend, als dass ein verändertes Berufsbild und eine neue Hinwendung zur professionellen Recherche die Information der Öffentlichkeit verbessern könnten.
Gerne wiederhole ich auch an dieser Stelle Kurt Tucholskys Erkenntnis:

Das ist der Zeitung tiefer Sinn: Die besseren Sachen steh'n nicht drin.

Was dann aber wieder drinsteht, ist die unglaubliche Schlagzeile:

 

Wirtschaftsweise:
Landesbanken gefährden Bankensystem

Ja, das ist ja richtig, die rein privatwirtschaftlich betriebenen Geldinstitute verlieren Jahr für Jahr Milliarden möglicher Zins- und Spekulationsgewinne, weil ihnen die landeseigenen Geldinstitute auf dem Markt der Finanzdienstleistungen Konkurrenz machen.

Damit stabilisieren sie aber das Geldsystem.

Solange die öffentlichen Hände über die Sparkassen und die Landesbanken noch die Möglichkeit haben, Finanzmittel für wichtige und nützliche Projekte bereitzustellen, die der private Bankensektor aus den unterschiedlichsten, nicht immer nur rein sachlichen Gründen, verweigert, solange besteht ein dem Gemeinwohl verpflichteter Gegenpol, der verhindert, dass die Kosten des Geldes zugunsten der Profite der Bankaktionäre ebenso explodieren, wie die Benzin und Strompreise. Im Energiesektor ist die Privatisierung nahezu vollständig vollzogen und niemand ist mehr da, der in der Lage wäre, die Abzocker in Schranken zu halten.

Dass die Landesbanken in der jüngsten Vergangenheit - ebenso wie eine große Zahl privater Bankinstitute - in den Strudel der Dollar-Krise geraten sind, hat nichts mit deren ursprünglicher Aufgabenstellung und Funktion zu tun. Es ist auch nicht so, dass - wie die Weisen behaupten - die Landesbanken kein Geschäftsmodell hätten.

Da müsste sich so ein Wirtschaftsweiser nur einmal auf die Suche machen, dann könnte er fündig werden. Aber wer immer nur nach Businessplänen und Geschäftsmodellen sucht, wer den Staat klein halten und dem Privatkapital alle Rechte einräumen will, der neigt leicht dazu, Gesetze und Satzungen zu übersehen.


Für Landesbanken gelten aber spezielle Landesgesetze und die Satzungen der Institute. Ein Beispiel:


Im Gesetze über die Landesbank Baden-Württemberg, Fassung 19. Juli 2005, heißt es zum Beispiel in §2 Aufgaben, Satz 2 klipp und klar:

Die Landesbank stärkt den Wettbewerb im Kreditgewerbe.
Sie erbringt ihre Leistungen für die Bevölkerung, die Wirtschaft und die öffentliche Hand unter Berücksichtigung der Markterfordernisse.


Dass die Landesbanken in Schwierigkeiten geraten sind, hat viel damit zu tun, dass alle Landesregierungen ihre Wirtschafts- und Finanzpolitik in hohen und höchsten Graden an neoliberalen Grundsätzen orientierten, was dazu führte, dass der politische Einfluss die Banken zu riskanten Experimenten eher ermutigte, während die politische Kontrolle - wie es dem schwachen Staat der Friedman'schen Lehre gebührt - eher zurückhaltend ausgeübt wurde.

Wenn die Wirtschaftsweisen also räsonieren, es gäbe nach den Erfahrungen der derzeitigen Finanzmarktkrise keine Rechtfertigung dafür, dass für die Verluste der Landesbanken "immer Sparkassen und die öffentliche Hand eintreten müssen", dann entbehrt dieser Satz jeglicher Logik.

Mit einem eigenen Frageansatz hätte ein Journalist feststellen können, dass es ein Grundsatz unseres Wirtschaftssystems ist, dass die Eigentümer von Unternehmen nicht nur die Gewinne einstreichen, sondern im Fall der Fälle auch Verluste zu tragen haben. Können oder wollen sie das nicht, bleibt immer noch der Weg der Insolvenz.

Was also ist nicht zu rechtfertigen, wenn den Eigentümern von Landesbanken die Verluste von Landesbanken angerechnet werden?

Aber solche bewusst irreführenden Sätze werden von Wirtschaftsweisen in die Welt gesetzt und von den Medien vollkommen unreflektiert verbreitet, mit dem Ziel, das öffentliche Bankwesen im Bewusstsein der Bevölkerung schlecht zu reden, um es schlussendlich dem Privatkapital als Beute in den Rachen zu werfen. Ein Feldzug, der überall geführt wird, wo die öffentliche Hand noch über Mittel und Instrumente verfügt, um sich und die Bürger unabhängig und autark zu halten. Die Angriffe auf die Rentenversicherung, die Demontage der Arbeitslosenversicherung, die Minimalisierung der Krankenversicherung - alles das soll die Kapitalströme aus öffentlichen Systemen ab- und den privaten Anlegern zuleiten.

Nichts anderes ist es, wenn der Vorsitzende des Sachverständigenrates, Bert Rürup, die Idee der Verlängerung der Altersteilzeitregelung bemäkelt.

Ja, es ist richtig, die Betriebe werden dies nutzen, um sich auf Kosten der öffentlichen Hand von älteren Arbeitnehmern trennen zu können, aber das ist ja nicht eine befürchtete Folge, sondern die gute (wenn auch wahltaktische) Absicht!

Dass zudem die Förderung künftig daran gekoppelt sein soll, dass als Ersatz jüngere Arbeitnehmer eingestellt werden, verstärkt den positiven Effekt und verhindert eben diese, von Rürup als Schein-Argument vorgeschobene, geräuschlose Entsorgung von Personalüberhängen.

Rürups Argumente befördern nicht die arbeitsmarktpolitische Vernunft, sondern nur die wachsende Angst vor der Altersarmut und damit die Neigung, immer größere Teile der verfügbaren Einkommen in private Sicherungssysteme zu stecken, statt in den Konsum.


So wird, ganz im Sinne der Erfinder, die Binnennachfrage geschwächt, mit der Folge, dass die Arbeitslosigkeit in den Wirtschaftszweigen, die nicht für den Export arbeiten wächst und dass immer ausreichend viele, billige und willige Arbeitskräfte anstehen, um das künftige Exportwachstum aus dem Boden zu stampfen.

Gleichzeitig werden die eingesammelten Spargroschen in wüsten Spekulationen über den Globus gejagt, bis eines Tages den Sparern verkündet wird, dass die eine oder andere, vollkommen unvorhersehbare Finanzkrise leider, leider und zum tiefsten Bedauern, die Ersparnisse aufgefressen hätte.


Wie gesagt, ein eigener
Frageansatz könnte solche Zusammenhänge zum Vorschein bringen. Für den inneren Frieden ist es allerdings gut, dass solche Frageansätze weitgehend ausgestorben sind.

 

Die Gerüchte um radikale Veränderungen bei den privaten Krankenkassen wären auch ein schönes Thema für einen eigenen Frageansatz:

Warum hört denn der Zustrom zur privaten Vollversicherung auf?

Doch nicht, weil die Einstiegstarife für junge, erfolgreiche, gutverdienende Menschen nicht mehr attraktiv wären.
Auch nicht, weil junge, erfolgreiche und gutverdienende Menschen inzwischen über die Geschäftspraktiken der Privaten Krankenversicherer so gut aufgeklärt wären, dass sie deshalb auf einen kurzfristig winkenden Gewinn verzichten würden.
Es gibt nur eine Erklärung:

Das Aussterben des Mittelstandes führt dazu, dass unter den jungen und erfolgreichen Menschen Jahr für Jahr weniger sind, deren Leistung auch so gut honoriert wird, dass sie die gesetzliche Hürde, nämlich das Mindesteinkommen, das den Weg in die PKV erst frei macht, überhaupt noch überspringen könnten.

Daher fordert die PKV jetzt - mit unterschiedlichsten und widersprüchlichen Stimmen - aber von den humanoiden Kopiermaschinen in den Redaktionen getreulich, Statement für Statement, verbreitetet - dass es künftig nur noch eine Grundversicherung geben solle (und die bieten dann die gesetzlichen Krankenkassen an) und darüber hinaus möge sich mit Zusatztarifen bei den Privaten versichern, wer immer genügend Angst vor einer minimalisierten medizinischen Versorgung hat.

Das ist der Versuch, massiv in den Markt der gesetzlichen Krankenversicherung einzubrechen - und wenn das Tor erst einmal offen ist, wird es kommen, wie beim Internetangebot von ARD und ZDF, alles was lukrativ und gewinnversprechend ist - also wegen großer Furcht vor bestimmten Leiden hohe Prämien abwirft, aber wegen geringer Wahrscheinlichkeiten nur geringe Leistungen abverlangt, das wird aus Katalog der gesetzlichen Krankenversicherung herausgebrochen und den Privaten in den Rachen geworfen.

Die Krankenversicherung in Deutschland wird dadurch nicht billiger, die Gesundheitsvorsorge und die Versorgung der Kranken nicht besser, aber bisher verschlossene Gewinnquellen für das Privatkapital werden erschlossen.

Schade, das wäre doch auch ein schöner
Frageansatz, oder?

Ebenfalls nahezu kritiklos wird darüber berichtet, dass von der Inhaberin des Amtes des Bundeskanzlers und ihrer Kabinettsriege das größte aller Klimaschutzpakete verabschiedet worden ist.

Vergessen ist, dass durch die gerade eben nicht gefassten Beschlüsse zur Energieeinsparung im Kfz-Bereich (Besteuerung nach Schadstoffemission) ein Großteil der möglichen Schadstoffreduzierung im Interesse und zum Nutzen der Aktionäre der Automobilindustrie schlicht aus der Hand gegeben wurde.

Stattdessen wird ein Konjunkturprogramm für die darniederliegende Bauindustrie aufgelegt und als Klimaschutzgesetz verkauft.

Insbesondere die Dämmstoffindustrie und die Gewerke, welche von der Bodenplatte im Keller bis zum Dachfirst die Dämmstoffe montieren, sollen davon profitieren. Zahlen muss, wer baut oder renoviert.

Der Umweltminister erklärt, das sei die reine Sparbüchse für den Hausbesitzer - und über die Hausbesitzer für die Mieter.

Abgesehen davon, dass wirtschaftlich vernünftige Maßnahmen sich ganz von alleine durchsetzen würden, abgesehen davon, dass die Herstellung, der Transport und die Montage von Dämmstoffen ebenfalls einen nicht unerheblichen Beitrag zum Energieverbrauch und zur Schadstoffbelastung beitragen,

abgesehen von alledem könnten die Durchschnittstemperaturen, wenn sie denn so steigen, wie prognostiziert wird, durchaus dazu führen, dass per Vorschrift und Gesetz vollgedämmte Neubauten sich bald als ein klassischer Schildbürgerstreich entpuppen. Wäre das nicht auch ein schöner
Frageansatz?

(...außerdem: Was nützt die schönste Vollverdämmung, wenn Sommer wie Winter, Tag und Nacht in der Mehrzahl der bewohnten Gebäude ein Großteil der Fenster gekippt bleiben? Dagegen hilft auch der allerschönste Klimapass nichts, aber einfache und preiswerte mechanische Vorrichtungen, die ihre Energie schlicht aus der Umgebungswärme beziehen, könnten Abhilfe schaffen. Kleingewächshäuser haben so etwas längst.)

Ach was. Wozu fragen?
Hauptsache, Siegmar Gabriel ist zufrieden.


Das schönste Beispiel für den Kopiermaschinenjournalismus ist jedoch die Berichterstattung über die Entscheidung der Bürger Irlands, den
EU-Reformvertrag nicht annehmen zu wollen.

Darüber ist viel geschrieben worden.

  • Wahlweise 2 Millionen oder auch nur 800.000 Iren dürften nicht über das Schicksal von 400 Millionen oder einer halben Milliarde Europäern entscheiden.
  • Irland müsse aus der EU ausscheiden.
  • Irland müsse die Abstimmung einfach wiederholen.
  • Der Regierung Irlands müsse geholfen werden, einen Weg zu finden ...

Und im Hintergrund stets das allmächtige Schlagwort:

"Die EU-Krise"

 

Verdammt, es gibt keine EU-Krise.

Auch wenn Wolfgang Münchau, der Leiter des Informationsdienstes Eurointelligence.com dazu geschrieben hat:

In diesem Fall würde "Minderheitenschutz mit Demokratie verwechselt", das irische Referendum sei nicht Ausdruck eines demokratischen Willens und gute Demokraten müssten die Wahl der Iren nicht respektieren.

Er meint weiter, es sei "vollkommen absurd, aus dem irischen Referendum heraus irgendeine Aussage über die richtige demokratische Legitimierung des Lissabon-Vertrags zu treffen. Hier haben etwas mehr als 800.000 Bürger in einem Europa mit einer halben Milliarde Einwohner abgestimmt. Man respektiert die Wahl insofern, als wir geltendes Europarecht respektieren."

Und dann greift auch er auch noch das Märchen auf, das schon Kanzler Schröder oft und ohne zu erröten auftischte, indem er schreibt:

"Das Verbot einer Volksabstimmung ist in Deutschlands Verfassung genauso fest verankert wie das Gebot eines Referendums in Irland."

Aber ebenso, wie er abrät, das Volk über den Vertrag abzustimmen zu lassen, weil er so kompliziert sei, dass er für Nichtexperten nur mit Mühe lesbar sei, hat er sich wohl auch selbst davon abgeraten, sich im Grundgesetz auf die Suche nach dem Verbot der Volksabstimmung zu machen. Das gibt es dort nämlich nicht.

Im Gegenteil, das Grundgesetz nennt

Wahlen und Abstimmungen

als die Methoden, die dem Volk zur Willensäußerung zur Verfügung stehen.

Wenn dann auch noch getönt wird (und auch das haben andere gerne und fröhlich und ohne eigenen Frageansatz übernommen):

sogar der irische Premierminister Brian Cowen und der irische EU-Kommissar Charlie McCreevy haben zugegeben, den Vertrag nicht gelesen zu haben,

dann ist das ein Grund, sich die Frage zu stellen, mit welcher Berechtigung diese Männer sich anmaßen, die Geschicke ihres Landes zu bestimmen, wenn sie sich in derart existienziellen Fragen nicht einmal die Mühe machen, herauszufinden, was sie da tatsächlich unterschreiben wollen.

Da könnte man ja auch jeden beliebigen Hanswursten in Amt und Würden bringen - solange er brav den Anweisungen der Regie folgt, kann nichts schiefgehen.

Ein Parlamentarier, ob in Irland oder in Deutschland, oder sonstwo in Europa, der diesem Vertrag zustimmt, ohne ihn vollständig gelesen und verstanden zu haben, ist in meinen Augen eine Schande für das Parlament und für sein Land.

Die Kritik an diesem Vertragswerk wird seit Jahren fundiert und sachlich vorgetragen. Wird der EU-Reformvertrag wirksam, ist das das Ende der in Deutschland seit Gründung der Bundesrepublik bekannten Form von Demokratie.

Ich habe mich dazu oft und viel ausgelassen und will mich nicht noch einmal wiederholen. Aber ein Europa nach den Regeln des Reformvertrags ähnelt vom Prinzip her eher der Volkskammerdemokratie der DDR und ihrer Einbindung in den kommunistischen Wirtschafts- und Verteidigungsblock, als dem Ordnungsgefüge, das im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland beschrieben ist.


Die letzte Hoffnung für Deutschland besteht darin, dass die anhängigen Klagen der Partei ÖDP und des Bundestagsabgeordneten Peter Gauweiler, CSU, der sich durch den renommierten Staatsrechtler Schachtschneider vertreten lässt, vom Bundesverfassungsgericht im Sinne der Kläger beschieden werden.

Aber auch das hat noch kaum einen Journalisten dazu bewegt, eine eigene
Fragestellung zu formulieren.

Da haben es die Sportjournalisten gut.

Die werden sich heut und morgen und übermorgen bis zum Umfallen fragen, wer beim Viertelfinalspiel der Euro-Weltmeisterschaft warum welches Tor nicht geschossen hat - und ob Herr Löw unten doch mehr für seine Mannschaft hätte tun können, als vom Zuschauerrang aus - und sie werden dazu soviel Antworten geben, und bei so vielen Experten dazu wortreich in gnadenlosen Interviewschlachten recherchieren, dass Sendezeiten und Zeitungsspalten sich wie von selbst auch ohne überflüssige
Fragestellungen im politischen Bereich füllen.

Schließlich ist so eine EURO-Fussballweltmeisterschaft primär ein viele Milliarden Euro schwerer Werbefeldzug.

Wenn in einem emotional positiv besetzten Umfeld die Logos der Sponsoren
oft und immer wieder ins Bild kommen, prägen sie sich leicht ein und werden für die Menschen zu vertrauten Erscheinungen ihrer Umwelt, selbst wenn sie sie gar nicht bewusst zur Kenntnis nehmen.

Bei der Kaufentscheidung ist es dann das ebenfalls unbewusste Wiedererkennen des Vertrauten, was die Kaufentscheidung beeinflusst.

Daher ist es für die Werbetreibenden fatal, wenn außerhalb des Wettkampfs Dinge vor sich gehen, welche die Konzentration auf das emotionale Kernstück des gigantischen Werbespots stören. Ereignisse, Störungen, Ablenkungen, welche das Fiebern mit der Mannschaft vor dem Hintergrund der vertrauten Symbole unterbrechen, ein Stück ungeplante und von den Auswirkungen her nicht abschätzbarer Realität in den tranceartigen Zustand einbrechen lassen, der gebraucht wird, um aus vertrauten Symbolen vertrauenswürdige Symbole zu machen, sind Gift für die erfolgreiche Infiltration der Verbraucherhirne.

Ja, die UEFA, als Wächter über die Herstellung der werbetechnischen Idealvoraussetzungen hat richtig entschieden. Was Löw sich da geleistet hat, das kann Umsatz- und Gewinnerwartungen ins Wanken bringen. Wer das zulässt, beraubt sich der eigenen Geschäftsgrundlage.

Und die Fussballer, die dafür bezahlt werden, dass sie den Rahmen für das Werbespektakel beisteuern, die machen doch schließlich auch weiter - und sträuben sich nicht, selbst wenn manchmal der Eindruck entsteht, der eine oder andere habe hinter der gerunzelten Stirn zu einem eigenen
Frageansatz gefunden.

Fußballer sind eben auch nur Journalisten,
oder so ähnlich.

 



Für vertiefende Einsichten - hier einige nützliche Werke aus dem EWK-Verlag:

 

 


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Reaktionen auf diesen Paukenschlag

An dieser Stelle werden Leser-Reaktionen in der Reihenfolge des Eingangs (jüngster Beitrag oben) veröffentlicht.
Ich behalte mir dabei Kürzungen vor und veröffentliche Reaktionen zum Schutz der Absender grundsätzlich anonymisiert.
Ja die journalistische Recherche ist tot und das kann sie, so traurig das ist ,eigentlich auch bleiben. Vorbei die Zeiten von Watergate, als mutige Journalisten die Wahrheit ans Licht brachten und eine Nation erschüttert Konsequenzen forderte.
Heute, Skandal hier, Bimbes da , Nichtgeführte Konten ... Nebenbeschäftigung, Sozialabbau, Pateienspende, Diätenerhöhung und ..und ..und.
Reaktion keine, es ist egal . Im Gegenteil das Totschlagargument " jaaaaa wer ander Krippe sitzt, der frisst", und "Ja... Du würdest es doch genauso machen." Also wozu gewissenhafte Recherche? Es will mit Ausnahme weniger niemand wissen. Wie Gerhard Schröder schon sagte : Ich brauch zum regieren nur B . . d und die Glotze.

Mit Magendrücken

Seufz, Sie haben ja mit allem recht. Allerdings erwähnen Sie nicht, was angesichts dieser Misere Mut machen kann: Die Rolle der unabhängigen, unüberschaubar vielfältigen Berichterstattung und Information (weitgehend ohne priesterliche Vermittlung durch Journalisten) hat doch längst das Internet übernommen, und Paukenschläge, Rundbriefe, Newsletter, Youtubes, Homepages, Blogs etc bieten jedem, der es möchte, Möglichkeiten der unbegrenzten, total individuellen eigenen Recherche, der Vernetzung und Aktion wie noch nie. Das finde ich wunderbar - natürlich gibt es auch hier ein paar Haare in der Suppe, die Monopolstellung von Google und die dadurch mögliche und reale Zensur der Suchergebnisse, die emsige Demontage von Portalen wie Wikipedia durch bezahlte Lohneditoren, die alles Kritische im Firmenauftrag umschreiben - trotzdem sind die Informations- und Vernetzungs-, Multiplikationsmöglichkeiten derzeit fantastisch. Dass nur eine Minderheit diesen Reichtum nutzt, stimmt zwar, aber es haben mehr Menschen Zugang zu der Informationsvielfalt als je zuvor.
Insofern betrifft die betrübliche geistige Gleichschaltung und Betäubung durch Brot und Spiele nur die, die es nicht anders wollen. Also: Kopf hoch!

Lieber Egon W. Kreutzer,

natürlich werde ich auch diesen Artikel verbreiten, enthält er doch eine Mege Information die gewiss noch nicht Allgemeingut sind.
Aber einmal unter uns Betschwestern gefragt, kann sich unsere Arbeit in dieser mehr als unerfreulichen Nachlese politischer, wirtschaftlicher und medialer "Ereignisse" erschöpfen, oder besser gefragt, müssen wir nicht endlich mehr tun, in diesem Land, in diesem Europa und in dieser Welt?

Dass der recherchierende Journalismus tot ist, ist Fakt. Ein Blatt, das dies widerlegen könnte, ist leider nicht finanzierbar :-), weil nicht gewollt, in einer Landschaft, die geprägt ist von oligarcher Politik und den Interessen eines entfesselten Raubtierkapitalismus der keinen Widerpart mehr hat.

Dass man in unserem Land durch zweifelhaftes politisches Handeln zu höchsten Ehren kommen kann ist so neu nicht.Dass einer auf dem 2000er Lisabon EU-Beschluss basierenden Agenda 2010 fast zwangsläufig eine Agenda 2020 usw. folgen musste -- vorauseilender Gehorsam ist nun einmal eine der herausragenden deutschen Eigenschaften -- war auch klar.
Dass bei Federführung immer weiter ausufernder Verwaltungen in der EU und bei uns nur so etwas wie Planwirtschaft herauskommen kann, darf uns nicht gerade verwundern, dass das wie immer schief geht, ebenfalls nicht.

Dass die dem ungehemmten Kapitalismus frönenden "Macher" weltweit die Augen vor dem unvermeidlichen Chrash schließen, wohlwissend, dass diese Auseinandersetzung Arm-Reich inzwischen de fakto unvermeidlich geworden ist und die Chrashprognosen von 2060 auf 2030 (für eine weitere Agenda bleibt also noch Zeit :-), zurückgefahren wurden, nimmt man einfach nicht zur Kenntnis.

Um nun nicht in Detailbeschreibungen zu versinken, denn der angerichtete Unsinn ist inzwischen bücherfüllend, will ich hier nun abbrechen und meine eingangs gestellte Frage wiederholen:
Müssen wir nicht endlich mehr tun, in diesem Land, in diesem Europa und in dieser Welt?

Mit wie immer freundlichen Grüßen
Suchmaschinenoptimierung mit Ranking-Hits