zurück zur Bildschirmversion über den "zurück"-Button Ihres Browsers

Paukenschlag am Donnerstag No. 22/2008 vom 29. Mai 2008
Kommentare zum Zeitgeschehen von Egon W. Kreutzer

Protagonisten der Pataphysik

Ich will mich nicht mit fremden Federn schmücken: Die Pataphysik als Zweig der vereinigten Natur- und Geisteswissenschaften war mir bis vor wenigen Tagen selbst noch vollkommen unbekannt, unbekannter als Ökotrophologie, Hethitologie und transnationale Germanistik zusammengenommen, aber je mehr ich mich von der Faszination für dieses - mir neue - Wissensgebiet gefangen nehmen ließ, desto klarer wurde mir, dass es auf dieser Welt von ausgebufften Anhängern der angewandten Pataphysik nur so wimmelt. Erst die Pataphysik stellt die konkreten Zusammenhänge her, zwischen Wortsinn und Blödsinn, zum Beispiel die sonst kaum erkennbaren, pataphysikalisch jedoch unübersehbaren Zusammenhänge zwischen Wahl, Stuhl und Gang oder zwischen Poli und Tik.

Es gibt keinen Zweifel, Pataphysik ist nicht nur Wissenschaft, sondern zugleich auch bewusstseinserweiternde Droge mit hohem Suchtpotential. Brutstätte der zeitgenössischen Pataphysik ist die Akademie für Analytische Irrelevanz mit den Fakultäten

Hier einige kurze Erläuterungen zu den Fachgebieten:

Propädeutik

Die propädeutische Fakultät bietet unter anderem im Kurs für "Allgemeine Irrelevanz" eine Einführung in die "Technik des gezielten Wortherumdrehens um beliebige Winkel" an. Diesen Kurs muss zweifellos auch Günter Verheugen belegt haben. Der Satz, mit dem er die von der Partei DIE LINKE erzwungene Enthaltung des Landes Berlin bei der Ratifizierung des EU-Reformvertrages im Bundesrat kommentierte: "Eine Partei, die sich Die Linke nennt, aber so gegen die europäische Integration agitiert, verdient diesen Namen einfach nicht", ist geradezu ein Paradebeispiel für angewandte Propädeutik. Letztlich sagt Verheugen mit seinem gewundenen Satz nichts anderes als: Wer nicht für den Kapitalismus ist, darf sich nicht links nennen.

Das passt zwar nicht in die Welt der herkömmlichen Physik, aber sehr gut zu jenem Beitrag von Bettina Röhl, der am 20. Mai in der Online-Ausgabe der WELT veröffentlicht wurde. Da hieß es doch tatsächlich in vollem Ernst und ohne jeden Skrupel:
Der bedeutendste deutsche Kommunist heißt Aldi. Und zur Begründung wird fabuliert:

"Aldi und co. liefern auf menschenwürdigem Niveau die Grundversorgung, die der Kommunismus immer versprochen hat: Lebensmittel, Kleidung, Einrichtung, Urlaub, Babybedarf, technische Geräte, Bad-Küche-Baumaterial usw. und dabei geht es längst nicht mehr um Brot und Wasser, sondern schon lange auch um ehedem Königliches, Kaiserliches und Zaristisches: Lachs und Garnelen und Champagner, Orangen und Bananen und eben auch alles andere aus allen Bereichen, was früher Luxus war, wenn auch in abgeflachter Qualität, für jedermann."

Da haben sich also zwei Pataphysiker zeitgleich ähnliche Gedanken gemacht und sind zu ähnlichen Schlüssen gekommen. Bei Verheugen kann man unterstellen, dass er die Deutschen für blöd genug hält, dass ihnen sein pataphysischer Quatsch nicht auffällt. Von Bettina Röhl hingegegen kann man nur annehmen, dass ihr Beitrag einer glücklichen Verquickung von heilem Telenovela-Ifo-Sinn-Weltbild und einem ungewöhnlich altruistischen Sendungsbewusstsein entsprungen ist, denn die in solchen Fällen eigentlich auf der Hand liegende Erklärung, dass ein solcher Artikel gegen Honorar bestellt wurde, ist hier vollkommen auszuschließen. Die Aldis haben das nicht nötig, die werden auch ohne derartige Beweihräucherung immer reicher. Dazu habe ich mich vor der Entdeckung der Pataphysik so geäußert (Link zu einem Leserbrief - nur online verfügbar)

Ingenieurswissenschaften

Die irrelevanten Ingenieurswissenschaften befassen sich ausschließlich mit der Herstellung von irrelevanten Produkten sowie den dafür notwendigen irrelevanten Techniken. Ein Forschungsteam ist aktuell damit befasst, die Konstruktionsprinzipien des Ro 80 Motors von Felix Wankel im Vergleich mit den politstrategischen Prinzipien des Kurt Beck zur beiderseitigen Optimierung zu führen. Neben den klassischen Seminaren, über die Sie sich bitte auf der Homepage der Akademie informieren wollen, werden - und das ist hochinteressant - zweimonatlich geburtsvorbereitende Kurse für Bedeutungsschwangere und Symbolträchtige organisiert.
Warren Buffet, der sogenannte "Investor" aus den USA, scheint einen dieser Kurse erfolgreich belegt zu haben. Denn am 24. Mai ließ er über das Nachrichtenmagazin "DER SPIEGEL" in Deutschland verkünden, es stünde eine lange und tiefe US-Rezession bevor. Diese Nachricht war, mit Verlaub, zu diesem Zeitpunkt von derartig herausragender Irrelevanz, dass Warren Buffet spontan der Ehrendoktorhut der Fakultät angetragen wurde, zumal auch seine weiteren Ausführungen (Die Banker brauen Giftgetränke, riskante Finanzinstrumente kann man nicht steuern) von weitreichender Irrelevanz nur so strotzen. Zugleich gab Buffet mit seinem Spiegel-Statement auch ein Beispiel für seine hervorragenden Propädeutischen Fähigkeiten: Eigentlich arbeite der starke Euro gegen die Exportnation Deutschland. Wenn sie dennoch stark sein, "beweist es, dass Angebot und Qualität stimmen, (...) und sich die Reformanstrengungen gelohnt haben."

Die Mühelosigkeit, mit der Buffet den umständlichen Begriff "die internationalen Eigner der deutschen Exportindustrie" durch die griffige, ja zündende Vokabel "Exportnation" ersetzt, und damit den geschundenen Reformopfern den Trost spendet, dass sie, trotz aller Armutsberichte und Privatinsolvenzen, ruhig nationalen Stolz für ihre Leistung empfinden dürften, stellt selbst noch die propädeutischen Erfolge von Verheugen und Röhl in den Schatten.

Adynata

Die Adynata beschäftigt sich mit empirischen Unmöglichkeiten. Genauer: Mit der theoretischen Überwindung der aus der Empirie
als unmöglich erscheinenden Phänomene. Auch hier sei die Homepage der Akademie empfohlen, um sich einen ersten Überblick zu verschaffen, weil die Forschungsgebiete über das Wenige, das hier beispielhaft beleuchtet werden kann, doch weit hinausgehen. Zwei Seminare sind es, die mich besonders angesprochen haben. Einmal die "Mikroskopische Astrologie" und zum anderen die "Vergleichende Mathematik".

Zu den Anhängern der Adynata gehört offenbar auch Louis Gallois, der Chef des Luftfahrt- und Rüstungskonzerns EADS, der einerseits mit Hilfe der vergleichenden Mathematik auf mysteriöse Differenzen in der Geschwindigkeit des Stellenabbaus zwischen deutschen und anderen Standorten der Airbus-Produktion gestoßen ist und zudem, mit gleichem wissenschaftlichen Rüstzeug auf die - im Vergleich zu Boeing - vollkommen unzureichende Förderung seines Konzerns durch die EU verweist. Als ob die EU jemals Fördergelder an Boeing vergeben hätte ...

Zudem erklärt Gallois, der Konzern werde - aufgrund der Schwäche des Dollars - vermehrt im Dollar-Raum produzieren. Was nichts anderes bedeutet, als dass der über Jahrzehnte mit Milliarden und Abermilliarden direkter und indirekter europäischer Fördermittel verwöhnte Konzern nun die Bürger der USA für ihren inflationären Konsumrausch mit Arbeitsplätzen belohnt. Im Sinne der adynatischen Lehrsätze sollte dies zwangsläufig dazu führen, dass EADS mit direkten Fördermitteln aus Washington beglückt wird. Denn:

 
Oxymoristik

Die Oxymoristik befaßt sich mit begrifflichen Widersprüchen. Besonders erfolgreich wird geforscht auf dem Gebiet der "Optimierung idealer Ineffizienzen". Da kommt mir unvermeidlich Ulla Schmidt in den Sinn.

Der ganze Stolz der oxymoristischen Fakultät ist ihre weltberühmte Sammlung oxymoristischer Artefakte, deren Glanzstück so beschrieben wird: Vitrine mit Gegenständen, die gleichzeitig überall rot und überall grün sind.
Aufgrund einer Intervention des Gleichstellungsbeauftragen für Farbenblinde wurde übrigens inzwischen eine gleichartige, zweite Vitrine in die Sammlung aufgenommen, welche einige Gegenstände enthält, die gleichzeitig überall schwarz und überall weiß sind.

Dass die in diesem unseren Lande zu beobachtende, epidemische Zunahme von Menschen, die gleichzeitig durch und durch schwarz sind aber rot aussehen, noch keinen Eingang in die Sammlung gefunden hat, liegt weniger daran, dass die alle noch leben, sondern vielmehr daran, dass die Beschaffung einer ausreichend großen Vitrine am oxymoristischen Grundwiderspruch scheitert. Vitrinen sind endlich - die Dummheit nicht.

Theologie

Die irrelevante Theologie beschäftigt sich mit selbstwidersprüchlichen Glaubenslehren und Göttern, an die aus gutem Grund niemand glaubt. Aktueller Forschungsgegenstand ist "Die Lehre von der Welterlösung im Jahre 2050 n. Chr.", welche sich insbesondere auf demografische Studien, die Prophezeihungen hellsichtiger Wirtschaftsforscher und die pragmatische Entschlossenheit ihrer Verkünder stützt, dass alleine aus der völligen Zerstörung des gesamtgesellschaftlichen Konsens einer "Sozialen Marktwirtschaft" jenes Neue erwachsen könne, was alle Gläubigen inbrünstig ersehnen.

So ist es in dieser Religion gottgefällig, reguläre Arbeitsplätze zu vernichten, soziale Leistungen zu reduzieren, über Jahre und Jahrzehnte erworbene Ansprüche aufzuheben, die Gewerkschaften im Kern zu zerstören und Recht und Gesetz nach Kräften auszuhebeln, während Ideen zur gerechten Verteilung von Arbeit und Ertrag auf alle Mitglieder der Bevölkerung als verfassungsfeindlich angesehen werden.
Dieser Prozess ist weit fortgeschritten, wenn auch noch lange nicht am Ziel, was für den neutralen Beobachter bedrohlich und tröstlich zugleich erscheint. Denn die Forschungsergebnisse der irrelevanten Theologie geben Anlass zu Hoffnung und Zuversicht:

So lange wir von
Angela Merkel, Michael Glos, Franz Walter Steinmeier, Peer Steinbrück, Wolfgang Schäuble und Franz -Josef Jung auf dem schmalen und steilen Pilgerpfad ins tiefe Tal der Tränen hinab geführt werden, so tief, dass es von dort aus nur noch aufwärts gehen kann, solange wird dieser interessante Glaube lebendig bleiben, zu dem sich inzwischen sogar Andrea Nahles zu bekennen scheint, die in letzter Zeit mehrfach fröhlich lachend im zentralextremistischen Lager der durch und durch Schwarzen, aber rot Aussehenden gesehen wurde.

Als Reformatoren im alttheologischen Sinne treten derzeit lediglich die ÖDP und Peter Gauweiler auf. Beide klagen - unabhängig voneinander - vor dem Verfassungsgericht gegen die vollständige Auflösung der alten Grundordnung. DIE LINKE erwägt noch eigene Schritte.

Der große Rest glaubt fest und unerschütterlich an die Weisheit der Kommissare, die Omnipotenz des Europäischen Parlaments und den kapitalistischen Geist des EUGH.

Und deren Reich wird kommen, und ihre Macht und ihre Herrlichkeit.
Aber nicht in Ewigkeit!