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Paukenschlag am Donnerstag No. 20/2008 vom 15. Mai 2008
Kommentare zum Zeitgeschehen von Egon W. Kreutzer

Manneszucht

Es gibt Sportarten, die mich ankotzen. Boxen gehört dazu. Wenn sich Männer, oder neuerdings auch Frauen, die Nasen platt und die Ohren kringelig schlagen, wenn aus aufgeplatzten Augenbrauen das Blut trieft und einer der beiden Brutalos schließlich bewusslos zu Boden geht, dann mag sich daran aufgeilen, wer immer es nötig hat.

Ganz absonderlich berührt hat mich am Dienstag (13.5.08) die mit Original-Kampfszenen illustrierte Werbung des ZDF-Morgenmagazins für einen Kinofilm, der in diesen Tage startet. Ein Boxer, der sich im Ring einen doppelten Kieferbruch hat zufügen lassen, kämpft weiter bis zur letzten Runde - und lässt sich immer wieder auf den kaputten Knochen schlagen, das Blut rinnt aus dem Mund - und der "Held" gibt nicht auf.

Mein Vater, 1923 geboren, wollte Flieger werden. Weil das Deutsche Reich aber mehr Flakgeschütze als Flugzeuge produziert hatte, verschlug es ihn als Richtkanonier an die 8.8 - und in dieser Funktion hat er wohl nicht nur seinen Traum vom Fliegen begraben. Aber das Buch, das er als Jugendlicher verschlungen hatte, mit dem Titel "Vom Pimpf zum Flieger", das hat er in Ehren gehalten und über den Krieg gerettet und ich habe darin -- im Alter von 10, 12 Jahren -- nicht nur Fotos und Beschreibungen einer großen Zahl von Flugzeugen gefunden, was mich faszinierte, sondern auch eine Abhandlung über die körperliche Ertüchtigung.

Es gab ein Foto dazu, an das ich mich heute noch gut erinnern kann. Zwei ziemlich dürre, schmächtige Knaben, mit langen schwarzen Turnhosen, standen sich im Boxring gegenüber und verprügelten sich - erkennbar schmerzhaft. Im Text dazu fand ich die Vokabel "Manneszucht" - und da war ich dann froh, dass diese Form der Manneszucht (gibt es überhaupt noch andere?) Ende der Fünfziger, Anfang der Sechziger Jahre überhaupt nicht mehr gefragt war. Ein verlorener Krieg, unendliches Elend, Not und Leid hatte die Menschen erkennen und über die ersten zwanzig Jahre nicht vergessen lassen, was das Ziel der Erziehung zur Manneszucht war:

Die bedingungslose Unterordnung des Selbsterhaltungstriebes unter den militärischen Befehl.

Die größtmögliche Abstumpfung gegenüber Schmerz und Leid.

Das mechanische Funktionieren von Millionen gewissen- und verantwortungsloser Rädchen in der großen Staatsmaschinerie.

Der Kampf, in dem sich der Boxer, der es jetzt zur Filmrolle gebracht hat, den Kiefer gleich zweimal brechen ließ, fand vor etwa zwei Jahren in Deutschland statt. Ich hätte geglaubt, dass man in einem solchen Fall den Ringrichter, den Trainer, den zuständigen Ringarzt und den Veranstalter zur Verantwortung gezogen hätte, dass ein Staatsanwalt Strafantrag gestellt und ein Richter Geld- und Freihheitsstrafen, verbunden mit Berufsverboten ausgesprochen hätte. Nichts davon ist offensichtlich geschehen. Wir sind schließlich wieder wer. Wir verfilmen die Story!

Boxen ist wieder Sport. Da ist doch nichts dabei. Richtige Männer, sind das. Keine Weicheier. Keine Warmduscher.

Und dann schickt das öffentlich-rechtliche Fernsehen seine Zuschauer auch noch in die Kinos, damit sie sich im Film auf der großen Leinwand in Farbe ansehen, wie es aussieht, wenn einer mit gebrochenem Kiefer noch ein paar Runden weiterboxt.

Ja, die Manneszucht pries die Propaganda schon vor dem Krieg als hohe Tugend. Als er dann verloren, aber noch nicht beendet war, kam das Durchhalten bis zum Endsieg als neue Tugend dazu - damit bloß niemand die weiße Fahne schwenkte, bevor die letzte Patrone verschossen, die letzte Panzer-Faust (!) abgefeuert war.

Wenn man die öffentlich rechtlichen Sendeanstalten im Nachkriegsdeutschland als maßgebliche Multiplikatoren dessen ansieht, was gerade der politischen Correctness entspricht, dann läuft mir ein Schauer über den Rücken.


Einem Zehnjährigen, der mir kürzlich sein Buchmanuskript anbot, habe ich folgenden Brief geschrieben:

Hallo Xxxx,

ich habe deine Geschichte gelesen. Dazu will ich dir einiges sagen:

1. Du verfügst über eine wichtige Eigenschaft, die ein Schriftsteller braucht - nämlich Geduld und Beharrlichkeit. Für einen Zehnjährigen ist ein so langer Aufsatz schon eine ganz beachtliche Leistung. Ich wünsche dir, dass du diese Eigenschaften behältst und weiter ausbildest.
2. Ein guter Schriftsteller braucht dazu aber noch zwei weitere Fähigkeiten, nämlich die Fähigkeit, genau zu beobachten und das Beobachtete exakt zu beschreiben und die Fähigkeit, einen sogenannten "Spannungsbogen" aufzubauen. Über die vierte Fähigkeit, nämlich die Beherrschung von Rechtschreibung und Grammatik will ich gar nicht sprechen - du hast noch ein paar Schuljahre vor dir und wirst dir das hier noch Fehlende noch aneignen können.

Die Fähigkeit gut zu beobachten, oder, ersatzweise, gut zu recherchieren, fehlt dir weitgehend noch, jedenfalls dann, wenn es um anderes als um die Beschreibung von Waffen geht. Denke einmal über die Entfernungen zwischen Sternen und Planeten nach! Der Mond ist von der Erde rund 360.000 km entfernt ..., deine galaktischen Distanzen sind also einfach nur falsch. Ähnliches gilt für deine Überlegungen bezüglich der Bordverpflegung. Einerseits gibt es "überall" galaktische Supermärkte, wo man sogar "Schmiedewerkzeug" kaufen kann, andererseits muss überall irgendwelches "Gemüse" angepflanzt und geerntet werden, ja es werden sogar Bäume ausgerissen und in Raumschiffe verladen. Um Himmels Willen - warum das denn?

Und genau diese letzte Frage ist es, die ich über dein ganzes Buch stellen möchte.

Um Himmels Willen! Warum das denn?

Die Geschichte, die du da erzählst, ist die Geschichte sinnlosen Mordens. Klar, um die blutrünstigen Attacken von Y. und seinen Freunden zu rechtfertigen, brauchst du einen Bösen - aber: Könnten die Leute von Z. nicht ganz genauso wütend sein, über diese Horde von Killern, die sie überfällt und jeden umbringt, der sich ihnen in den Weg stellt? Denk darüber einmal nach.

Dann solltest du dir ernsthaft die Frage stellen, ob Krieg und Kampf, ob Mord und Totschlag wirklich die besten Mittel sind, um in Frieden leben zu können. Deine Geschichte fühlt sich an wie ein einfältiges Video-Killer-Spiel. Gewonnen hat, wer am schnellsten zugeschlagen, abgezogen, gekillt, gemordet hat. Da steckt nichts dahinter, als die Lust an der Grausamkeit - und wer auch nur eine halbe Sekunde nachdenkt, hat verloren.

Klar, du hast das von irgendwelchen Serien und Spielen abgeschaut. Aber nur weil sich solche Videos und solche Spiele gut verkaufen und weil sich Kinder, Jugendliche und Erwachsene stunden-, tage- ja jahrelang damit beschäftigten, heißt das doch noch lange nicht, dass das auch gut ist.

Das ist Müll! Und du hast in diesen Müll hineingegriffen und aus ein paar Trümmern, die du da gefunden hast, eine neue Geschichte zusammengebastelt.

Eine Geschichte, die noch nicht einmal spannend ist. Du hast deinen Figuren nämlich kein Leben eingehaucht. Man weiß nicht, was sie sich wünschen, was sie fühlen, wen und was sie lieben, worum sie trauern, was sie erreichen möchten, welche großen Ziele sie verfolgen. Man kann sich nicht mit ihnen identifizieren - und das macht sie uninteressant.
Eine Geschichte, die auch deshalb nicht spannend ist, weil es keine Situationen gibt, wo man darum bangen müsste, ob die Helden ihr Ziel auch erreichen oder ob am Ende doch die Bösen siegen. Sie ist so erzählt, als gebe es nur Y. und seine Superman-Truppe, die einfach alles niederwalzt, was sich ihnen in den Weg stellt. Warum soll ich das lesen? Warum soll ich mit einem Verwundeten bangen, wenn er drei Zeilen später schon wieder gesund ist?

Also Xxxx,

wenn du vernünftig bist, dann vertraust du meinem Urteil. Hör nicht auf zu schreiben - bloß nicht, du hast da ein gewisses Talent - aber hör auf, dein Talent an solchen Müll zu verschwenden.
Und wenn du ein "Kerl" bist, dann gehst du mit dieser E-Mail und deinem Manuskript erst zu deinen Eltern, damit die wissen, was du da so geschrieben hast und wie ich darüber denke - und dann zu deinem Deutschlehrer und den bittest du, dir zu helfen, aus deiner Geschichte eine gute Geschichte zu machen.

In diesem Sinne
alles Gute!

Egon W. Kreutzer

PS 1 Und natürlich bin ich gespannt, was du daraus machst. Vielleicht kommt ja noch eine veröffentlichungsreife Geschichte zustande, wer weiß ...

PS 2 Du solltest einmal ein gutes Buch lesen. Ich empfehlt dir aus dem heraus, was ich von dir gelesen habe, "Moby Dick" von Herman Melville. Gibt's garantiert preiswert gebraucht zu kaufen. Es ist nützlich für dich, weil du feststellen wirst, dass Melville Dinge, die du nicht kennst, weil die Zeit längst darüber hinweggegangen ist, so genau beobachtet und beschrieben hat, dass du dir etwas darunter vorstellen kannst. Es ist nützlich für dich, weil du daran lernen kannst, wie man "Charaktere" aufbaut und glaubhaft reden und handeln lässt - und es ist nützlich für dich, weil du daran lernen kannst, wie man Spannung aufbaut und bis zur letzten Zeile hält.

PS 3 Aber zieh dir nicht den Film rein. Lies das Buch. Wer schreiben will, muss lesen!

Tja, und da hoffe ich nun, dass der zehnjährige Autor heute Morgen nicht Morgenmagazin gesehen hat, und nicht mitbekommen hat, wie dem Boxer das Blut aus dem Mund rinnt - und ich hoffe, dass sein Deutschlehrer das Fach Deutsch lehrt - und es nicht mit Manneszucht verwechselt.

 

Ach ja, was er geschrieben hat, der Knabe?

Ein paar ganz kleine Ausschnitte:
(ab und zu habe ich einige besonders interessante Formulierungen blau eingefärbt)

 
Als er nach Hause kam sah er Soldaten die durch die Stadt marschierten und Leute töteten wenn sie sie nur erblickten.
Ich werde unsere Eltern rächen, so war mir Gott helfe", Und so geschah es.
Als die beiden im Waffenladen waren kauften sie: 2 Revolver,
2 Brustpanzer aus Metall, Y. kaufte sich eine Doppelklinge einen so genannten "Organik", YY. kaufte sich ein "Polaris" ein Schwert aus dem legendären Metall "Tikrill" außerdem ist das Polaris ein Eisschwert da in der Klinge eine Eis-Fee gebannt ist, dazu kauften die beiden noch 4 Armschützer, 4 Beinschützer und noch 2 übliche Pistolen.
"So jetzt sind wir bereit", sagte Y. stolz.
"Wenn du willst nehmen wir dich mit auf unserem Rachetripp gegen die GGG."
"Oh, ja gerne."
"Was tut ihr hier?"
"Wir bauen hier eine Festung um die GGG zu vernichten
"Oh, genau das gleiche hatte ich auch vor. Wer seid ihr?"
"Ach zeig mal womit du überhaupt kämpfst."
Er zog eine AK, ein Präzisions-Sturmgewehr, aus einem Beutel
Unsere Helden bauten ihr Zelt auf und bereiteten ein Abwehrsystem vor indem sie Kanonen rundum aufstellten.
"An die Wand", sagte er plötzlich und schien mit seiner Taschenlampe auf einen 12 jährigen Jungen.
"Ich werde euch alle vernichten", fluchte der Junge leise während er einen Dolch zog. C. schoss schnell den Dolch vom Jungen weg (...)
In der Zwischenzeit war das letzte noch unzerstörte Kriegsschiff gelandet und 6 Krieger kamen heraus.
B. schoss sofort einen ab. Er war sofort tot.
... doch da kam F. und stach dem Kämpfer ihre Pike in den Rücken. Sie sagte traurig:
"Es tut weh jemanden zu töten" ihre Stimme wurde wütend "doch sie haben es verdient."
A. kämpfte zusammen mit C. gegen 2 Dolchkämpfer. Beide Feinde hatten jeweils 2 lange Messer. "Gib mir Rückendeckung", rief A.
C. antwortete mutig:"OK!"
A. sprang über C.s Schultern und stach seinem Gegner seinen Katana in die Schulter. Danach sprang er auf und setzte Genjutsu: Rauch ein. Dann kam A. durch den Nebel gestürmt und rammte dem Feind sein Schwert in den Bauch.
"Gute Arbeit", riefen die beiden sich gegenseitig zu
doch plötzlich kam ein Feind und rammte ihm einen Speer in die Schulter. Dies merkte D. und er verpasste dem
Attentäter einen Kopfschuss…

Plötzlich kamen GGG Soldaten durch die Gänge und töteten alle die ihnen nicht aus dem Weg gingen. Schnell versteckten F. und B. sich. Doch F. konnte nicht zusehen wie all die Leute starben. Sie rannte mit ihrer Pike auf die Soldaten zu und stach einem direkt durch den Brustkorb so das die Schmerzen unvorstellbar grausam und fürchterlich waren das dieser nur ein armseliges Keuchen herausbekam und jämmerlich starb.
Die anderen 4 liefen in das Gebäude. Dort kamen sie an eine Abzweigung: Labor, Waffenkammer, Folterkammer, Zentrum. "Los in die Folterkammer!", brüllte Y. Als 3 bewaffnete Männer ihnen entgegen kamen streckten unsere Helden sie einfach nieder wie als ob man eine Fliege zerdrücken würde. Sie liefen weiter und kamen an eine Tür. Sie traten sie ein und sahen wie der Folterknecht F. gerade auf den Elektrostuhl setzte. C. zog seine Pistole und schoss dem Folterer in den Kopf so, dass er sofort starb.
Nun hatte C. nur noch einen Schuss und er zielte ganz genau. Dann schoss er und sein Schuss traf genau ins Herz. Der Elitesoldat starb.
(...) er warf einen Shuriken auf seinen Feind. Dieser traf direkt im Kopf. Er war sofort tot.
D. sprang wütend auf und stach seinem Gegner sein Schwert in die Brust und durchbohrte den Panzer.
Er rannte gestärkt weiter.
B. schlug F. in den Magen, so das sie zusammenbrach und blutspuckend nach Luft rang.

F. zündete die Atomzeitbombe und dann flogen sie alle los. Als sie in sicherer Entfernung waren schauten sie zu wie die Basis der GGG explodierte. "Wir haben es geschafft, wir haben alle Schandtaten bereinigt und gerächt die die GGG je getan hat. Unsere Eltern wären stolz auf uns das wir die schlimmste Allianz der Galaxie ausgelöscht haben…" predigte Y. mit fröhlichem, ermutigtem und stolzem Blick. Sie hatten es geschafft.


 

Tja, und nun kommen vermutlich die üblichen Klugscheißer daher und erklären, es sei doch besser, der Junge würde seine Aggressionen im Boxring abreagieren, als prügelnd durch die Lande zu ziehen.

Vor 70 Jahren hätten sie gesagt: "Da lernt er wenigstens Manneszucht, beim Boxen."

Und dann sind sie doch durch die halbe Welt gezogen.
Und haben die Aggressionen ausgelebt, die man ihnen zuvor andressiert hatte.

Es lebe der Sport!