Paukenschlag am Donnerstag
No. 16/2008
vom 17. April 2008

Kommentare zum Zeitgeschehen
von Egon W. Kreutzer

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Zuvermismus

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Leserbriefe
 
Paukenschläge 2008 (ältere)
1 Knut Beck
2 Bürgerkriech
3 Estate, real estate
4 Nur Börsencrash?
5 Unsere Freiheit 1
6 Unsere Freiheit 2
7 Zumwinkel, Klaus
8 Unsere Freiheit 3
9 Begrüßenswertes Urteil
10 Zur Schandtat unfähig
11 Feuer frei!
12 Die Welle
13 Fröhliches Aufsichtsraten
14 Über den Untersch. zwischen Privatisierung
15 945 Mrd. US$ Spurlos verschwunden
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Zuvermismus

Ich habe jüngst eine aphoristische Deutung darüber gelesen, was Zuversicht und Optimismus unterscheidet.

Optimismus, heißt es da, sei das Vertrauen darin,
dass eine Sache gut ausgehen wird.

Zuversicht, hingegen, sei das Vertrauen darin,
das Richtige zu tun, egal wie es ausgeht.

 

Ich bin zutiefst überzeugt, dass es für jedes Problem zumindest drei Lösungen gibt - und dass

  • das Gefühl von Ausweglosigkeit,
  • das Klammern an die einzige Chance,
  • die von Selbstmitleid triefende Unentschlossenheit im vermeintlichen Dilemma

allesamt die Ergebnisse des gleichen, problematischen Verhaltens sind, das aus der Paarung von kindischer Ungeduld mit erwachsischer Fantasielosigkeit regelmäßig dann entsteht, wenn die Lösung mit den im Laufe der Sozialisation eingeübten Standardmethoden nicht auf Anhieb gelingen will.

Diese Standardmethoden - es gibt nur zwei, diese jedoch in Millionen von Abarten - heißen:

a) Nimm mehr von dem Selben
b) Mach' das genaue Gegenteil


Das Ergebnis ist eine Schaukelbewegung. Man treibt ein Prinzip bis zu seiner vollkommenen Pervertierung auf die Spitze - und verfällt dann unmittelbar in das genaue Gegenteil. Das nenne ich seit langem: Die Kunst, im richtigen Augenblick von einem Exkrement ins andere zu fallen.

Beispiele?

        • Autoritäre und antiautoritäre Erziehung
        • Bigotte Prüderie und öffentlich ausgebreitete Pornografie
        • Nationalismus und Globalisierung
        • Totaler Krieg und totale Unterwürfigkeit
        • Verstaatlichung und Privatisierung
        • Arbeit und Arbeitslosigkeit
        • Hemmungslose Staatsverschuldung und blinder Tilgungswahn
        • Bevormundender Sozialstaat und der kalte Verweis auf die Eigenverantwortung

Gibt es wirklich nur diese Extrempositionen - oder doch immer eine dritte, bessere Lösung?

Neoliberal geprägte Optimisten vertrauen darauf, dass die Steigerung der Gewinne das Wachstum der Wirtschaft fördert - dazu folgen sie dem Rezept, Löhne und Lohnnebenkosten zu senken. Und je weniger dieses Rezept greift, desto mehr davon verordnen sie. Herr Köhler verlangt schon jetzt, der Agenda 2010 eine Agenda 2020 folgen zu lassen (auch hier paart sich Ungeduld mit Fantasielosigkeit) - weil absehbar ist, dass alle die Ziele, die sich naive Politiker von der Agenda 2010 versprochen haben, auch nicht näherungsweise erreicht werden.

Und was wird sein, wenn man es so weit kommen lässt, dass die Löhne demnächst tatsächlich bei Null und darunter ankommen?

Niemand muss sich wundern, wenn die Sklaven aufstehen und sich mit einer neuen Diktatur des Proletariats rächen. Das kehrt sich auch wieder um - aber die unseligen Ausschläge in die Extreme könnten vermieden werden.

Und die Mehrheiten dafür wären da.

Lauter friedfertige Bürger, die nichts anderes wollen, als genau den Wohlstand und die Sicherheit selbst zu genießen, die sie aus ihrem Wissen und Können, ihren Ideen und Plänen, ihrer Arbeit und ihrem Fleiß schaffen - heute allerdings weitgehend nicht für sich selbst, sondern für anonyme Fremde. Aber welche Wahl lässt man ihnen beim Urnengang? Einerseits das extreme Zentrum, das uns die neoliberale Heilslehre beschert hat - andererseits die extremen Ränder. Und wer sich dazwischen stellt, ein Credo der Vernunft*) an die Wand schreibt, der wird nicht wahrgenommen, weil die veröffentlichte Meinung fleißig mitspielt, in dem großen Staatstheater, das uns immer nur die Wahl zwischen zwei Übeln lässt, und unsere Wahrnehmung so konditioniert, das wir die feinen und vernünftigen Zwischentöne, den freundlichen, unspektakulären Klang der Wahrheit neben dem grellen Getöse aufgeblasener Sensationen gar nicht mehr
hören können.
_________________________
*)
ein solches Credo der Vernunft habe ich in Wolf's wahnwitzige Wirtschaftslehre Band II niedergelegt

Der nette Herr Herzog, der einmal die Ehre hatte, unserem Land als Bundespräsident zu dienen, was er nutzte, um sich mit einem einzigen Satz aus einer einzigen Rede für immer ins Buch der Geschichte zu rucken, hat es jetzt vermehrt mit der Demokratie:

Statt einer Demokratie für alle, wie sie im Grundgesetz verankert ist, sieht er inzwischen immer mehr davon. Ja kürzlich warnte er sogar vor dem Heraufziehen einer Rentnerdemokratie!

Das ist kein Witz. Das hat er gesagt: "Rentnerdemokratie"

Da hat man uns gepredigt, es käme auf den gesellschaftlichen Zusammenhalt an, über die Generationen und alle Schichten hinweg - und kaum ist der Gipfel der Gleichmacherei überschritten - schon kommt wieder das alte "Teile und herrsche" gekrochen wie der Drachen aus der Höhle und versucht, mit üblen Vokabeln, wie "Rentnerdemokratie" den Pesthauch der inneren Zerstrittenheit zu verbreiten, den Generationenvertrag aufzulösen (damit Banken und Versicherungen sich per Kapitaldeckung neue profitable Geschäftsfelder erschließen - also sich am Geld der Beitragszahler und Rentner bereichern können), und die einst im Schoß des gesellschaftlichen Konsens Geborgenen in die Isolation der Selbstverantwortung zu stoßen, die der humanistischen Idee einer sozialen Gesellschaft Hohn spricht.

 

Manche fragen mich, wo ich meinen Optimismus hernehme.

Ich will Ihnen drei Beispiele aus den letzten Tagen geben. Ausführlichere Briefe und E-Mails, die mich erreichten, von Menschen, deren Äußerungen mich zwar bedrücken, mir aber andererseits die Zuversicht geben, mit dem, was ich tue, das Richtige zu tun.

Dazu eine Schrift von Bert Brecht aus dem Jahre 1938 - über die Schwierigkeiten beim Schreiben der Wahrheit. Gut, dass man Brecht noch zitieren darf.

Nehmen Sie sich die Zeit, setzen Sie sich damit auseinander, ich habe es auch getan - und was ich Ihnen zeige, ist nur ein kleiner Ausschnitt dessen, was bei mir ankommt.


Beitrag 1

Lieber Herr Kreutzer,

(...)
Wie immer verstehe ich ihre zurückhaltende Position - Sie sind mir alleine deshalb lieb und teuer gerade WEIL Sie immer versuchen, das Positive zu sehen. Abgesehen von Ihrem verschmitzen Humor, Ihrer überragenden sozialen Intelligenz, Ihrer nahezu unschlagbaren Wortwahl und immer wieder Ihrem hoffnungslosen Optimismus sowie Ihrem täglichen Fleiß, sich neben Ihrer sicherlich zeitaufwendigen Arbeit als Kleinverleger durchzuschlagen mit allen aktuellen Ereignissen nicht nur zu beschäftigen, sondern auch noch so einen stabilen Faktor wie den regelmäßigen Paukenschlag/Newsletter zu schaffen sind Sie (meiner persönlichen Ansicht nach) gerade deshalb so wertvoll - Sie versuchen noch in dem schlimmsten Dreck etwas Positives zu sehen - Sie glauben selbst bei den unerträglichen Zuständen noch, irgendwas wird schon noch gehen - im Angesicht des Abgrunds denken Sie noch: irgendeine Sicherheitsleine wird schon greifen. Und obwohl Sie sich sehr effizient mit der Technik von Sicherheitsleinen beschäftigen, glauben Sie immer noch daran.

Diese Eigenschaft, Herr Kreutzer, macht Sie nicht nur so liebenswert, sondern schafft Ihnen auch die Plattform überhaupt angehört zu werden - zumindest von ein paar hundert Menschen
Und trotzdem Herr Kreutzer - Ihren Neigungen, allem noch irgendwo etwas Positives abzugewinnen oder es zumindest zu vermuten - entgegengesetzt:

Es ist vorbei, Aus, Gelaufen. Ich würde Ihnen so gerne glauben... Ihnen und Ihrem hoffnungsvollen Blick, der immer das Böse sieht und doch versucht, das Gute zu schaffen, bzw. aus den Menschen herauszukitzeln. - leider nicht Herr Kreutzer - gehe zurück auf Anfang, gehe nicht über Los und ziehe nicht DM 5.000 ein.
Meiner persönlichen Ansicht nach sind Menschen Ihrer Art natürlich wichtiger/wertvoller als Menschen wie ich - ich habe weder die rosa Brille noch die Verantwortung, das mir auch nur drei Menschen zuhören würden - leider. Sehr geehrter Herr Kreutzer - Ihr Optimismus ist leider nicht mehr angebracht, tut mir leid.

(...)

Aber, lieber Herr Kreutzer, denken Sie doch einmal über die Verantwortung nach, die Sie - sicherlich nicht beabsichtigt - übernommen haben. Aber egal ob beabsichtigt oder nicht - leider haben Sie nun mal den Schwarzen Peter (und ich bin verdammt froh, daß Sie ihn haben und nicht ich - ich hätte nicht die Stärke dieser Verantwortung). Trotzdem wäre manchmal ein bißchen weniger rosa Brille besser und die Welt des Herrn Brecht unterscheidet sich - zumindest geringfügig - von der unseren. Genauso wie es die Welt eines mittelalterlichen Dichters namens Frîdank tut - eins aber haben all diese Welten gemeinsam: sie unterscheiden sich eigentlich nur durch das technische Niveau - kaum in den Grundsätzen. Dies kann ich ihnen als Historiker sagen.

Die Grundsätze haben sich nie geändert - lediglich Titel änderten sich
und äußere "Sandförmchen"


ich hoffe, ich habe Sie nicht zu sehr verärgert jetzt durch den Schwall (den ich abschicken werde ohne ihn korrekturzulesen). Aber von allem anderen abgesehen, wollte ich Ihnen einmal sagen wieviel Sie mir bedeuten, Sie und Ihre Meinung, die Ruhe die Sie bewahren - und vor allem dem Optimismus dem sie - wider besseren Wissens wie ich vermute - anhängen. Es ist vollkommen unmöglich, daß Sie es nicht besser wissen. Das wage ich nach mehrjähriger Lektüre nicht nur Ihres Newsletters zu behaupten.

Und jetzt werde ich meinen Brecht auffrischen

Ihnen aber herzlichsten und wirklich tief empfunden Dank. Dank für Ihre Beherrschtheit, Dank für Ihren Glauben an das Gute im Menschen, Dank für ... alles... - und bei mir ist das keine Floskel - ich bin in meinem Umfeld nicht gerade für Floskeln berühmt.




Beitrag 2

Hallo Herr Kreutzer,

vielen Dank für Ihre Nachfrage!

Leider muss ich Sie in bezug auf den Silberstreif enttäuschen. Ein solcher ist bei uns im Raum Bremerhaven selbst bei genauester Betrachtung des Horizonts nicht auszumachen (wirtschaftlich betrachtet). Immerhin ließ die Weserbank-Pleite bei uns für kurze Zeit die Totenkopfflagge auftauchen, was uns auch überregional eine gewisse Bekanntheit verschafft hat. Beeindruckt hat das hier aber niemanden. Schon nach wenigen Tagen übte sich die Lokalpresse im "business as usual" und die örtliche Prominenz aus Wirtschaft und Politik hatte sich noch nicht einmal geäußert.

Wichtig sind hier zur Zeit andere Dinge:

Unsere Lokalpolitiker haben sich mit dem Projekt "Havenwelten" ein bauliches Denkmal gesetzt, das mit dem "Hotel Sail City" einen über 140 Meter hohen Mastkorb beinhaltet, von dessen 19. Etage (Tagungs- und Konferenzräume) man mit Sicherheit einen grandiosen Rundumblick genießen kann, und der den Horizont ein kleines bisschen weiter nach hinten verschieben hilft. Leider leiden sie aber immer noch unter dem weit verbreiteten Syndrom des fortschreitenden Realitätsverlustes. Wo ihnen die Höhe und der erweiterte Horizont zu einer besseren Sicht verhelfen sollte, bringt er leider Größenwahn hervor.

In Bremerhaven ist man (Politik und Presse gleichermaßen) nach wie vor davon überzeugt, durch massive Investitionen in den Tourismus das Ruder noch herumreißen zu können. Die dazu vermeintlich notwendigen, überdimensionierten und noch dazu völlig unpassenden Bauten (u.a. ein überflüssiges Einkaufszentrum mit Namen "Mediterraneo", das mit seinem an die Mittelmeerregion angelehnten Baustil zu unserer Nordseeküste passt, wie Juventus Turin in die Kreisliga Cuxhaven) werden natürlich vorher europaweit ausgeschrieben, damit der "billigste Jakob" mit seinen rumänischen Wanderarbeitern zum Zuge kommt, das spart nämlich Steuergelder! Die arbeitslosen Handwerker vor Ort dürfen dann auf ihrem Rückweg von der Arge durch den Bauzaun schauen um zu sehen, was ihre ausländischen Kollegen da so machen.

Was tatsächlich boomt, ist der Hafen. Der starke Export hat hier tatsächlich dafür gesorgt, dass Arbeitsplätze entstanden sind. Der Containerhafen wurde um ein ganzes Terminal erweitert, weil man mit zukünftigen Steigerungsraten von über 10 Prozent pro Jahr rechnet (Exponentialfunktionen sind im Bereich der Volkswirtschaft anscheinend vollständig unbekannt)! Leider hat man beim Bau vergessen, dass die vielen Container auch irgendwie bis dorthin gelangen müssen und jetzt festgestellt, dass die vorhandenen Zufahrtswege bei weitem nicht ausreichen werden und deswegen ein Verkehrskollaps droht. Seit Monaten gibt es deswegen eine Diskussion über die beste Lösung. Aber egal wie diese ausfallen wird, sie wird in jedem Fall zu spät kommen!

Bei uns persönlich sieht die Zukunft in etwa so aus: Morgen werden wir nach elfjähriger Selbständigkeit unser Gewerbe abmelden. Nach dem großen Kassensturz und dem Versilbern aller Betriebsmittel (Ware, Ladeneinrichtung, Pkw) bleibt neben den Schulden (..) nur die Aussicht, noch nicht einmal einen Minijob ausüben zu können.

Meine Frau bemüht sich seit einem Vierteljahr, im Bereich Verkauf unterzukommen - vergeblich. Dabei ist sie nach menschlichem Ermessen weder zu alt, noch unqualifiziert (seit fast 25 Jahren im Verkauf tätig, davon 11 Jahre selbständig). Selbst um die einfachsten Stellenangebote wird ein Tamtam gemacht, dass man sich verwundert fragt, wen die eigentlich einstellen wollen?

Bei mir sieht die berufliche Zukunft noch viel düsterer aus. Abitur gemacht, Wehrdienst abgeleistet, Studium in der Regelstudienzeit mit guten Noten beendet, 11 Jahre selbständig - und trotzdem mit gerade einmal 40 Lebensjahren ausgemustert. Für die einfachen, anspruchslosen Tätigkeiten nach Aussage diverser Personalchefs "überqualifiziert", für die komplexen, anspruchsvollen Tätigkeiten "nicht dem Anforderungsprofil entsprechend", fühle ich mich wie der Hauptmann von Köpenick, der keine Arbeit bekam, weil er einen gültigen Pass brauchte, für den er jedoch eine Arbeit vorweisen musste.

Eine wirklich erfüllende Tätigkeit, deren Sinnhaftigkeit man erkennen kann, und die darüberhinaus auch noch Freude bereitet, ist doch heutzutage nur noch den Allerwenigsten vergönnt. Ich habe den Eindruck, dass sich die überwiegende Mehrheit unserer Mitmenschen jeden Tag nur noch zur Maloche schleppt, um

- das Häuschen abzuzahlen (wenn das überhaupt noch drin ist), über das sich aber erst ihre Kinder wirklich freuen können (weil hoffentlich abbezahlt)
- zweimal im Jahr in den Urlaub fliegen zu können (wenn das überhaupt noch drin ist), den sie nur brauchen, weil sie ihre Arbeit so ankotzt (bitte entschuldigen Sie diesen Ausdruck, aber genau so drücken es manche aus)
- überflüssigen Konsumschrott anzuhäufen (wenn das überhaupt noch drin ist), damit ihr Leben überhaupt einen Sinn bekommt, denn außer Arbeit und Fernsehen bleibt nicht viel.

Viele Menschen sind in ihrem Verhalten derart abgestumpft, dass ich manchmal regelrecht erschrocken bin. Da gibt es so gut wie keine Themen über die sich sprechen ließe, da gibt es so gut wie keine Freizeitaktivitäten, zu denen diese Menschen überhaupt noch willens oder in der Lage sind, da gibt es zuweilen überhaupt keine Motivation zu irgendetwas mehr.

Nein, solange mir noch Möglichkeiten bleiben, diesem Schicksal zu entgehen, werde ich kämpfen!

Sie, lieber Herr Kreutzer, haben im zweiten Teil Ihrer wahnwitzigen Wirtschaftslehre einmal versucht aufzuzählen, was für Sie Lebensqualität bedeutet. Auch ich habe viele Jahre gebraucht um dahinterzukommen, und meine Liste deckt sich in vielen Punkten mit der Ihren.

Mit dem Besitz dieser Erkenntnisse habe ich das Problem, dass für mich sinnlose Tätigkeiten ohne Freude im Grunde für längere Zeit nicht mehr in Frage kommen. Wie die Zimmerpflanze ohne Wasser in der dunkelsten Ecke des Raumes würde ich vor mich hinwelken und verkümmern. (...)

Beste Grüße


Beitrag 3

Lieber Herr Kreutzer,

In der Anlage finden Sie zunächst eine Sachverhaltsschilderung sowie einen Artikel über den Stand von 'Gesundheitsreformen' in den USA aus Znet. So krass wie in den USA ist es bei uns noch nicht, aber kann schon noch kommen...... Wesentlich ist auf jeden Fall die Schlussfolgerung, man möge sich mobilisieren und organisieren. Das gilt es auch bei uns zu tun, weil hier eine Errungenschaft nach der anderen abgebaut, um nicht zu sagen: geschliffen wird.

Meine Sachverhaltsschilderung ist nur die Spitze des Eisbergs. Meine Idee ist, gegen die JobCenter juristisch, politisch und publizistisch vorzugehen gemäß dem Motto Goethes:
"Wenn Recht zu Unrecht wird, wird Widerstand zur Pflicht".

(...)

Die meisten Hartz IV Betroffenen haben Angst und sind hilflos, sind aber auch zornig und ratlos.
Das bin ich alles nicht (mehr), sondern ich habe seit geraumer Zeit eine 'gesunde Wut'. Dies um so mehr, wenn ich merke, dass mich jemand zur Anpassung/Unterwerfung zu drängen versucht. NEIN heißt bei mir NEIN.

Ideen habe ich eine ganze Menge, wohl wissend, dass es schwierig ist, die ängstlichen und ratlosen Menschen überhaupt erstmal zu öffnen. Aber bekanntlich ist auch nichts unmöööööglich....;-). Ein bisschen Witz/Geistreichtum schadet bei der Geschichte ganz gewiss nicht. Und Beispiele aus der Geschichte und dem Tierreich schaden auch nicht.

Das 1000-jährige Reich (...) hat auch nur 12 Jahre gehalten. Und: kein Gesetz ist für die Ewigkeit gemacht. Hartz IV und die Agenda 2010 gehören weg und mit ihnen die Gangstermethoden, die hier auf breiter Front eingerissen sind und sich bis in die hintersten Winkel der Republik durchgefressen haben.

Ich habe letztes Jahr mal eine Dienstaufsichtsbeschwerde geschrieben und diese an 10 Bundestagsabgeordnete aller Parteien geschickt. Rücklaufquote 90%, linke SPD und Linkspartei haben wissen lassen: Endlich mal jemand, der sich wehrt. Jetzt geht es erst richtig los und zwar mit genau der Power und dem Motto der angehängten Musik.


Mit freundlichen Grüßen




und hier noch Bert Brecht - und die fünf Schwierigkeiten beim Schreiben der Wahrheit
(die Tippfehler bitte ich zu entschuldigen - ich habe den Text aus dem Internet kopiert und unverändert hier eingestellt)


Fünf Schwierigkeiten beim Schreiben der Wahrheit (1938)


Wer heute die Lüge und Unwissenheit bekämpfen und die Wahrheit schreiben will, hat zumindest fünf Schwierigkeiten zu überwinden. Er muss den Mut haben, die Wahrheit zu schreiben, obwohl sie allenthalben unterdrückt wird die Klugheit, sie zu erkennen, obwohl sie allenthalben verhüllt wird; die Kunst, sie handhabbar zu machen als eine Waffe; das Urteil, jene auszuwählen, in deren Händen sie wirksam wird; die List sie unter diesen zu verbreiten. Diese Schwierigkeiten sind gross für die unter dem Faschismus Schreibenden, sie bestehen aber auch für die, welche verjagt wurden oder geflohen sind, ja sogar für solche, die in den Ländern der bürgerlichen Freiheit schreiben.

1. Der Mut, die Wahrheit zu schreiben

Es erscheint selbstverständlich, dass der Schreibende die Wahrheit schreiben soll in dem Sinn, dass er sie nicht unterdrücken oder verschweigen und dass er nichts Unwahres schreiben soll. Er soll sich nicht den Mächtigen beugen, er soll die Schwachen nicht betrügen. Natürlich ist es sehr schwer, sich den Mächtigen nicht zu beugen und sehr vorteilhaft, die Schwachen zu betrügen. Den Besitzenden missfallen, heisst dem Besitz entsagen. Auf die Bezahlung für geleistete Arbeit verzichten, heisst unter Umständen, auf das Arbeiten verzichten und den Ruhm bei den Mächtigen ausschlagen, heisst oft, überhaupt Ruhm ausschlagen. Dazu ist Mut nötig. Die Zeiten der äussersten Unterdrückung sind meist Zeiten, wo viel von grossen und hohen Dingen die Rede ist.

Es ist Mut nötig, zu solchen Zeiten von so niedrigen und kleinen Dingen wie dem Essen und Wohnen der Arbeitenden zu sprechen, mitten in einem gewaltigen Geschrei, dass Opfersinn die Hauptsache sei. Wenn die Bauern mit Ehrungen überschüttet werden, ist es mutig, von Maschinen und billigen Futtermitteln zu sprechen, die ihre geehrte Arbeit erleichtern würden. Wenn über alle Sender geschrieen wird, dass der Mann ohne Wissen und Bildung besser sei als der Wissende, dann ist es mutig, zu fragen: für wen besser? Wenn von vollkommenen und unvollkommenen Rassen die Rede ist, ist es mutig zu fragen, ob nicht der Hunger und die Unwissenheit und der Krieg schlimme Missbildungen hervorbringen. Ebenso ist Mut. nötig, um die Wahrheit über sich selber zu sagen, über sich, den Besiegten. Viele, die verfolgt werden, verlieren die Fähigkeit, ihre Fehler zu erkennen. Die Verfolgung scheint ihnen das grösste Unrecht. Die Verfolger sind, da sie ja verfolgen, die Bösartigen, sie, die Verfolgten, werden ihrer Güte wegen verfolgt. Aber diese Güte ist geschlagen worden, besiegt und verhindert worden und war also eine schwache Güte, eine schlechte, unhaltbare, unzuverlässige Güte; denn es geht nicht an, der Güte die Schwäche zuzubilligen, wie dem Regen seine Nässe.

Zu sagen, dass die Guten nicht besiegt wurden, weil sie gut, sondern weil sie schwach waren, dazu ist Mut nötig.

Natürlich muss die Wahrheit im Kampf mit der Unwahrheit geschrieben werden und sie darf nicht etwas Allgemeines, Hohes, Vieldeutiges sein. Von dieser allgemeinen, hohen, vieldeutigen Art ist ja gerade die Unwahrheit. Wenn von einem gesagt wird, er hat die Wahrheit gesagt, so haben zunächst einige oder viele oder einer etwas anderes gesagt, eine Lüge oder etwas Allgemeines, aber er hat die Wahrheit gesagt, etwas Praktisches, Tatsächliches, Unleugbares, das, um was es sich handelte.

Wenig Mut ist dazu nötig, über die Schlechtigkeit der Welt und den Triumph der Roheit im allgemeinen zu klagen und mit dem Triumphe des Geistes zu drohen, in einem Teile der Welt, wo dies noch erlaubt ist. Da treten viele auf, als seien Kanonen auf sie gerichtet, während nur Operngläser auf sie gerichtet sind. Sie schreien ihre allgemeinen Forderungen in eine Welt von Freunden harmloser Leute. Sie verlangen eine allgemeine Gerechtigkeit, für die sie niemals etwas getan haben, und eine allgemeine Freiheit , einen Teil von der Beute zu bekommen, die lange mit ihnen geteilt wurde. Sie halten für Wahrheit nur, was schön klingt. Ist die Wahrheit etwas Zahlenmässiges, Trockenes, Faktisches, etwas, was zu finden Mühe macht und Studium verlangt, dann ist es keine Wahrheit für sie, nichts was sie in Rausch versetzt. Sie haben nur das äussere Gehaben derer, die die Wahrheit sagen. Das Elend mit ihnen ist: sie wissen die Wahrheit nicht.

 

2. Die Klugheit, die Wahrheit zu erkennen

Da es schwierig ist, die Wahrheit zu schreiben,. weil sie allenthalben unterdrückt wird, scheint es den meisten eine Gesinnungsfrage, ob die Wahrheit geschrieben wird oder nicht. Sie glauben, dazu ist nur Mut nötig Sie vergessen die zweite Schwierigkeit, die der Wahrheitsfindung. Keine Rede kann davon sein, dass es leicht sei, die Wahrheit zu finden.

Zunächst einmal ist es schon nicht leicht, ausfindig zu machen, weiche Wahrheit zu sagen sich lohnt. So versinkt z.B. jetzt, sichtbar vor aller Welt, einer der grossen zivilisierten Staaten nach dem andern in die äusserste Barbarei. Zudem weiss jeder, dass der innere Krieg, der mit den furchtbarsten Mitteln geführt wird, jeden Tag in den äussern sich verwandeln kann, der unsern Weltteil vielleicht als einen Trümmerhaufen hinterlassen wird. Das ist zweifellos eine Wahrheit, aber es gibt natürlich noch mehr Wahrheiten. So ist es z. B. nicht unwahr, dass Stühle Sitzflächen haben und der Regen von oben nach unten fällt. Viele Dichter schreiben Wahrheiten dieser Art. Sie gleichen Malern, die die Wände untergehender Schiffe mit Stilleben bedecken.

Unsere erste Schwierigkeit besteht nicht für sie, und doch haben sie ein gutes Gewissen. Unbeirrbar durch die Mächtigen, aber auch durch die Schreie der Vergewaltigten nicht beirrt, pinseln sie ihre Bilder. Das Unsinnige ihrer Handlungsweise erzeugt in ihnen selber einen "tiefen" Pessimismus, den sie zu guten Preisen verkaufen und der eigentlich eher für andere angesichts dieser Meister und dieser Verkäufe berechtigt wäre. Dabei ist es nicht einmal leicht zu erkennen, dass ihre Wahrheiten solche über Stühle oder den Regeln sind, sie klingen für gewöhnlich ganz anders, so wie Wahrheiten über wichtige Dinge. Denn die künstlerische Gestaltung besteht ja gerade darin, einer Sache Wichtigkeit zu verleihen.

Erst bei genauem Hinsehen erkennt man, dass sie nur sagen: ein Stuhl ist in Stuhl und niemand kann etwas dagegen "machen" dass der Regen nach unten fällt.

Diese Leute finden nicht die Wahrheit, die zu schreiben sich lohnt. Andere wieder beschäftigen sich wirklich mit den dringendsten Aufgaben, fürchten die Machthaber und die Armut nicht, können aber dennoch die Wahrheit nicht finden. Ihnen fehlt es an Kenntnissen. Sie sind voll von altem Aberglauben, von berühmten und in alter Zeit oft schön geformten Vorurteilen. Die Welt ist zu verwickelt für sie, sie kennen nicht die Fakten und sehen nicht die Zusammenhänge. Ausser der Gesinnung sind erwerbbare Kenntnisse nötig und erlernbare Methoden. Nötig ist für alle Schreibenden in dieser Zeit der Verwicklungen und der grossen Veränderungen eine Kenntnis der materialistischen Dialektik, der Oekonomie und der Geschichte. Sie ist aus Büchern und durch praktische Anleitung erwerbbar, wenn der nötige Fleiss vorhanden ist.

Man kann viele Wahrheiten aufdecken auf einfachere Weise, Teile der Wahrheit oder Sachbestände, die zum Finden der Wahrheit führen. Wenn man suchen will, ist eine Methode gut, aber man kann auch finden ohne Methode, ja sogar ohne zu suchen. Aber man erreicht, auf so zufällige Art, kaum eine solche Darstellung der Wahrheit, dass die Menschen auf Grund dieser Darstellung wissen, wie sie handeln sollten. Leute, die nur kleine Fakten niederschreiben, sind. nicht imstande, die Dinge dieser Welt handhabbar zu machen. Aber die Wahrheit hat nur diesen Zweck, keinen andern. Diese Leute sind der Forderung, die Wahrheit zu schreiben, nicht gewachsen.

Wenn jemand bereit ist die Wahrheit zu schreiben und fähig, sie zu erkennen, bleiben noch drei Schwierigkeiten übrig.

 

3. Die Kunst, die Wahrheit handhabbar zu machen als eine Waffe

Die Wahrheit muss der Folgerungen wegen gesagt werden, die sich aus ihr für das Verhalten ergeben. Als Beispiel für eine Wahrheit, aus der keine Folgerungen oder falsche Folgerungen gezogen werden können, soll uns die weitverbreitete Auffassung dienen, dass in einigen Ländern schlimme Zustände herrschen, die von der Barbarei herrühren. Nach dieser Auffassung ist der Faschismus eine Welle von Barbarei, die mit Naturgewalt über einige Länder hereingebrochen ist.

Nach dieser Auffassung ist der Faschismus eine neue dritte Macht neben (und über) Kapitalismus und Sozialismus; nicht nur die sozialistische Bewegung, sondern auch der Kapitalismus hätte nach ihr ohne den Faschismus weiter bestehen können usw. Das ist natürlich eine faschistische Behauptung, eine Kapitulation vor dem Faschismus. Der Faschismus ist eine historische Phase, in die der Kapitalismus eingetreten ist, insofern etwas neues und zugleich altes. Der Kapitalismus existiert in den faschistischen Ländern nur noch als Faschismus und der Faschismus kann nur bekämpft werden als Kapitalismus, als nacktester, frechster, erdrückendster und betrügerischster Kapitalismus.

Wie will nun jemand die Wahrheit über den Faschismus sagen, gegen den er ist, wenn er nichts gegen den Kapitalismus sagen will, der ihn hervorbringt? Wie soll da seine Wahrheit praktikabel ausfallen?

Die gegen den Faschismus sind, ohne gegen den Kapitalismus zu sein, die über die Barbarei jammern, die von der Barbarei kommt, gleichen Leuten, die ihren Anteil vom Kalb essen wollen, aber das Kalb soll nicht geschlachtet werden. Sie wollen das Kalb essen, aber das Blut nicht sehen. Sie sind zufriedenzustellen, wenn der Metzger die Hände wäscht, bevor er das Fleisch aufträgt. Sie sind nicht gegen die Besitzverhältnisse, welche die Barbarei erzeugen, nur gegen die Barbarei. Sie erheben ihre Stimme gegen die Barbarei und sie tun das in Ländern, in denen die gleichen Besitzverhältnisse herrschen, wo aber die Metzger noch die Hände waschen, bevor sie das Fleisch auftragen.

Laute Beschuldigungen gegen barbarische Massnahmen mögen eine kurze Zeit wirken, solange die Zuhörer glauben, in ihren Ländern kämen solche Massnahmen nicht in Frage. Gewisse Länder sind imstande, ihre Eigentumsverhältnisse noch mit weniger gewalttätig wirkenden Mitteln aufrecht zu erhalten, als andere. Ihnen leistet die Demokratie noch die Dienste, zu welchen andere die Gewalt heranziehen müssen, nämlich die Garantie des Eigentums an Produktionsmitteln. Das Monopol auf die Fabriken, Gruben, Ländereien schafft überall barbarische Zustände; jedoch sind diese weniger sichtbar. Die Barbarei wird sichtbar, sobald das Monopol nur noch durch offene Gewalt geschützt werden kann.

Einige Länder, die es noch nicht nötig haben, der barbarischen Monopole wegen auch noch auf die formellen Garantien des Rechtsstaates, sowie solche Annehmlichkeiten wie Kunst, Philosophie, Literatur zu verzichten, hören besonders gern die Gäste, welche ihre Heimat wegen des Verzichtes auf solche Annehmlichkeiten beschuldigen, da sie davon Vorteile haben in den Kriegen, die erwartet werden. Soll man da sagen, diejenigen hätten die Wahrheit erkannt , die da z.B. laut verlangen. unerbittlichen Kampf gegen Deutschland, "denn dieses ist die wahre Heimat des Bösen in dieser Zeit, die Filiale der Hölle, der Aufenthalt des Antichrist"? Man soll lieber sagen, es sind törichte, hilflose und schädliche Leute. Denn die Folgerung aus diesem Geschwätz ist, dass dieses Land ausgerottet werden soll. Das ganze Land mit allen seinen Menschen, denn das Giftgas sucht nicht die Schuldigen heraus, wenn es tötet.

Der leichtfertige Mensch, der die Wahrheit nicht weiss, drückt sich allgemein, hoch und ungenau aus. Es faselt von "den" Deutschen, er jammert über "das" Böse, und der Hörer weiss im besten Fall nicht was tun. Soll er beschliessen, kein Deutscher zu sein? Wird die Hölle verschwinden, wenn er gut ist? Auch das Gerede von der Barbarei, die von der Barbarei kommt, ist von dieser Art. Danach kommt die Barbarei von der Barbarei und hört auf durch die Gesittung, die von der Bildung kommt. Das ist alles ganz allgemein ausgedrückt, nicht der Folgerungen für das Handeln wegen und im Grunde niemandem gesagt.

Solche Darstellungen zeigen nur wenige Glieder der Ursachenreihe und stellen bestimmte bewegende Kräfte als unbeherrschbare Kräfte, hin. Solche Darstellungen enthalten viel Dunkel, das die Kräfte verbirgt, welche die Katastrophen bereiten. Etwas Licht, und es treten Menschen in Erscheinung als Verursacher der Katastrophen. Denn wir leben in einer Zeit, wo des Menschen Schicksal der Mensch ist.

Der Faschismus ist keine Naturkatastrophe, welche eben aus der "Natur" des Menschen begriffen werden kann. Aber selbst bei Naturkatastrophen gibt es Darstellungsweisen, die des Menschen würdig sind, weil Sie all seine Kampfkraft appellieren.

In vielen amerikanischen Zeitschriften könnte man nach einem grossen Erdbeben, das Jokohama zerstörte, Photographien sehen, welche ein Trümmerfeld zeigten. Darunter stand "steel stood" (Stahl blieb stehen) und wirklich, wer auf den ersten Blick nur Ruinen gesehen hatte, bemerkte nun, durch die Unterschrift darauf aufmerksam gemacht, dass einige hohe Gebäude stehen geblieben waren. Unter den Darstellungen, die man von einem Erdbeben geben kann, sind von unvergleichlicher Wichtigkeit diejenigen der Bauingenieure, welche die Verschiebungen des Bodens, die Kraft der Stösse, die sich entwickelnde Hitze usw. berücksichtigen und zu Konstruktionen führen, die dem Beben widerstehen. Wer den Faschismus und den Krieg, die grossen Katastrophen, welche keine Naturkatastrophen sind, beschreiben will, muss eine praktikable Wahrheit herstellen. Er muss zeigen, dass dies Katastrophen sind, die den riesigen Menschenmassen der ohne eigene Produktionsmittel Arbeitenden von den Besitzern dieser Mittel bereitet werden.

Wenn man erfolgreich die Wahrheit über schlimme Zustände schreiben will, muss man sie so schreiben, dass ihre vermeidbaren Ursachen erkannt werden können. Wenn die vermeidbaren Ursachen erkannt werden, können die schlimmen Zustände bekämpft werden.

 

4. Das Urteil, jene auszuwählen, in deren Händen die Wahrheit wirksam wird

Durch die jahrhundertlangen Gepflogenheiten des Handels mit Geschriebenem auf dem Markt der Meinungen und Schilderungen, dadurch, dass dem Schreibenden die Sorge um das Geschriebene abgenommen wurde, bekam der Schreibende den Eindruck, sein Kunde oder Besteller, der Mittelsmann gebe das Geschriebene an alle weiter. Er dachte: ich spreche, und die hören wollen, hören mich. In Wirklichkeit sprach er; und die zahlen konnten, hörten ihn. Sein Sprechen wurde nicht von allen gehört, und die es hörten, wollten nicht alles hören. Darüber ist viel, wenn auch noch zu wenig gesagt worden; ich will hier nur hervorheben, dass aus dem "Jemandem schreiben" ein "schreiben" geworden ist. Die Wahrheit aber kann man nicht eben schreiben; man muss sie durchaus jemandem schreiben, der damit etwas anfangen kann. Die Erkenntnis der Wahrheit ist ein den Schreibern und Lesern gemeinsamer Vorgang. Um Gutes zu sagen, muss man gut hören können und Gutes hören. Die Wahrheit muss mit Berechnung gesagt und mit Berechnung gehört werden. Und es ist für uns Schreibende wichtig, wem wir sie sagen und wer sie uns sagt.

Wir müssen die Wahrheit über die schlimmen Zustände denen sagen, für die die Zustände am schlimmsten sind, und wir müssen sie von ihnen erfahren. Nicht nur die Leute einer bestimmten Gesinnung muss man ansprechen, sondern die Leute, denen diese Gesinnung und Grund ihrer Lage anstünde. Und eure Hörer verwandeln sich fortwährend! Sogar die Henker sind sprechbar, wenn die Bezahlung für das Hängen nicht mehr einläuft oder die Gefahr zu gross wird. Die bayrischen Bauern waren gegen jeden Umsturz, aber als der Krieg lange genug gedauert hatte und die Söhne nach Hause kamen und keinen Platz mehr auf den Höfen fanden, waren sie für den Umsturz zu gewinnen.

Für die Schreibenden wichtig ist, dass sie den Ton der Wahrheit treffen. Für gewöhnlich hört man da einen sehr sanften, wehleidigen Ton, den von Leuten, die keiner Fliege weh tun können. Wer diesen Ton hört und im Elend ist, wird elender. So sprechen Leute, die vielleicht keine Feinde sind, aber bestimmt keine Mitkämpfer. Die Wahrheit ist etwas Kriegerisches, sie bekämpft nicht nur die Unwahrheit, sondern bestimmte Menschen, die sie verbreiten.

 

5. Die List, die Wahrheit unter vielen zu verbreiten

Viele, stolz darauf, dass sie den Mut zur Wahrheit haben, glücklich, sie gefunden zu haben, müde vielleicht von der Arbeit, die es kostet, sie in eine handhabbare Form zu bringen, ungeduldig wartend auf das Zugreifen derer, deren Interessen sie verteidigen, halten es nicht für nötig, nun auch noch besondere List bei der Verbreitung der Wahrheit anzuwenden. So kommen sie oft um die ganze Wirkung ihrer Arbeit. Zu allen Zeiten wurde zur Verbreitung der Wahrheit, wenn sie unterdrückt und verhüllt wurde, List angewandt. Konfutse fälschte einen alten patriotischen Geschichtskalender. Er veränderte nur gewisse Wörter. Wenn es hiess "Der Herrscher von Kun liess den Philosophen Wan töten, weil er das und das gesagt hatte" setzte KONFUTSE statt töten "ermorden". Hiess es, der Tyrann so und so sei durch ein Attentat umgekommen, setzte er "hingerichtet worden". Dadurch brach KONFUTSE einer neuen Beurteilung der Geschichte Bahn.

Wer in unserer Zeit statt Volk Bevölkerung und statt Boden Landbesitz sagt unterstützt schon viele Lügen nicht. Er nimmt den Wörtern ihre faule Mystik. Das Wort Volk besagt eine gewisse Einheitlichkeit und deutet auf gemeinsame Interessen hin, sollte also nur benutzt werden, wenn von mehreren Völkern die Rede ist, da höchstens dann eine Gemeinsamkeit der Interessen vorstellbar ist. Die Bevölkerung eines Landstriches hat verschiedene, auch einander entgegengesetzte Interessen, und dies ist eine Wahrheit, die unterdrückt wird. So unterstützt auch, der Boden sagt und die Aecker den Nasen und Augen schildert, indem er von ihrem Erdgeruch und von ihrer Farbe spricht, die Lügen der Herrschenden; denn nicht auf die Fruchtbarkeit des Bodens kommt es an, noch auf die Liebe des Menschen zu ihm, noch auf den Fleiss, sondern hauptsächlich auf den Getreidepreis und den Preis der Arbeit.

Diejenigen, welche die Gewinne aus dem Boden ziehen, sind nicht jene, die aus ihm Getreide ziehen und der Schollengeruch des Bodens ist den Börsen unbekannt. Sie riechen nach anderem. Dagegen ist Landbesitz das richtige Wort; damit kann man weniger betrügen. Für das Wort Disziplin sollte man, wo Unterdrückung herrscht, das Wort Gehorsam wählen, weil Disziplin auch ohne Herrscher möglich ist und dadurch etwas Edleres an sich hat als Gehorsam. Und besser als das Wort Ehre ist das Wort Menschenwürde. Dabei verschwindet der einzelne nicht so leicht aus dem Gesichtsfeld. Weiss man doch, was für ein Gesindel sich herandrängt, die Ehre eines Volkes verteidigen zu dürfen! Und wie verschwenderisch verteilen die Satten Ehre an die welche sie sättigen, selber hungernd. Die List des KONFUTSE ist auch heute noch verwendbar. KONFUTSE ersetzte ungerechtfertige Beurteilungen nationaler, Vorgänge durch gerechtfertigte. Der Engländer THOMAS MORUS beschrieb in einer Utopie ein Land, in dem gerechte Zustände herrschten - es war ein sehr anderes Land, als das Land, in dem er lebte, aber es glich ihm sehr, bis auf die Zustände!

LENIN, von der Polizei des Zaren bedroht, wollte die Ausbeutung und Unterdrückung der Insel Sachalin durch die russische Bourgeoisie schildern. Er setzte Japan statt Russland und Korea statt Sachalin. Die Methoden der japanischen Bourgeoisie erinnerten alle Leser an die der russischen in Sachalin, aber die Schrift wurde nicht verboten, da Japan mit Russland verfeindet war. Vieles was in Deutschland über Deutschland nicht gesagt werden darf, darf über Oesterreich gesagt werden.

Es gibt vielerlei Listen, durch die man den argwöhnischen Staat täuschen kann.

VOLTAIRE bekämpfte den Wunderglauben der Kirche, indem er ein galantes Gedicht über die Jungfrau von Orleans schrieb. Er beschrieb die Wunder, die zweifellos geschehen sein mussten, damit JOHANNA in einer Armee und an einem Hof und unter Mönchen eine Jungfrau blieb.

Durch die Eleganz seines Stils und indem er erotische Abenteuer schilderte, die aus dem üppigen Leben der Herrschenden stammen, verlockte er diese, eine Religion preiszugeben, die ihnen die Mittel für dieses lockere Leben verschaffte. Ja, er schuf so die Möglichkeit, dass seine Arbeiten auf ungesetzlichen Wegen an die gelangten, für die sie bestimmt waren. Die Mächtigen seiner Leser förderten oder duldeten die Verbreitung. Sie gaben so die Polizei preis, die ihnen ihre Vergnügungen verteidigte. Und der grosse LUKREZ betont ausdrücklich, dass er sich für die Verbreitung des epikuräischen Atheismus viel von der Schönheit seiner Verse verspreche.

Tatsächlich kann ein hohes literarisches Niveau einer Aussage als Schutz dienen. Oft allerdings erweckt es auch Verdacht. Dann kann es sich darum handeln, dass man es absichtlich herabschraubt. Das geschieht z.B., wenn man in der verachteten Form des Kriminalromans an unauffälligen Stellen Schilderungen übler Zustände einschmuggelt. Solche Schilderungen würden einen Kriminalroman durchaus rechtfertigen. Der grosse SHAKESPEARE hat aus viel geringeren Erwägungen heraus das Niveau gesenkt, als er die Rede der Mutter Koriolans, mit der sie dem gegen die Vaterstadt ziehenden Sohn gegenübertritt, absichtlich kraftlos gestaltete er wollte, dass Koriolan nicht durch wirkliche Gründe oder durch eine tiefe Bewegung von seinem Plan abgehalten werden sollte, sondern durch eine gewisse Trägheit, mit der er sich einer alten Gewohnheit hingab.

Bei SHAKESPEARE finden wir auch ein Muster listig verbreiteter Wahrheit in der Rede des ANTONIUS an der Leiche des CÄSAR. Unaufhörlich betont er, das CÄSARs Mörder BRUTUS ein ehrenwerter Mann sei, aber er schildert auch seine Tat und die Schilderung dieser Tat ist eindrucksvoller als die ihres Urhebers; der Redner lässt sich so durch die Tatsachen selber besiegen; er verleiht ihnen eine grössere Beredtsamkeit selber. JONATHAN SWIFT schlug in einer Broschüre vor, man sollte, damit das Land zu Wohlstand gelange, die Kinder der Armen einpökeln und als Fleisch verkaufen. Er stellte genaue Berechnungen auf, die bewiesen, dass man viel einsparen kann, wenn man vor nichts zurückschreckt.

SWIFT stellte sich dumm. Er verteidigte eine bestimmte, ihm verhasste Denkungsart mit vielem Feuer und vieler Gründlichkeit in einer Frage, wo ihre ganze Gemeinheit jedermann erkennbar zu Tage trat. Jedermann konnte klüger sein als SWIFT oder wenigstens humaner, besonders der, welcher bisher gewisse Anschauungen nicht auf die Folgerungen untersucht hatte, die sich aus ihnen ergaben.

Die Propaganda für das Denken, auf welchem Gebiet immer sie erfolgt, ist der Sache der Unterdrückten nützlich. Eine solche Propaganda ist seht nötig. Das Denken gilt unter Regierungen, die der Ausbeutung dienen, als niedrig.

Als niedrig gilt, was für die Niedergehaltenen nützlich ist. Niedrig gilt die ständige Sorge um das Sattwerden; das Verschmähen der Ehren, welche den Verteidigern des Landes, in dem sie hungern, in Aussicht gestellt werden; der Zweifel am Führer, wenn er ins Unglück führt; der Widerwille gegen die Arbeit, die ihren Mann nicht nährt; das Aufbegehren gegen den Zwang zu sinnlosem Verhalten; die Gleichgültigkeit gegen die Familie, der das Interesse nichts mehr nützte. Die Hungernden werden beschimpft als Verfressene, die nichts zu verteidigen haben als Feiglinge, die an ihrem Unterdrücker zweifeln, als solche, die an ihrer eigenen Kraft zweifeln, die Lohn für ihre Arbeit haben wollen, als Faulpelze usw. Unter solchen Regierungen gilt das Denken ganz allgemein als niedrig und kommt in Verruf. Es wird nirgends mehr gelehrt und, wo es auftritt, verfolgt.

Dennoch gibt es immer Gebiete, wo man ungestraft auf die Erfolge des Denkens hinweisen kann; das sind diejenigen Gebiete, auf denen die Diktaturen das Denken benötigen. So kann man zum Beispiel die Erfolge des Denkens auf dem Gebiet der Kriegswissenschaft und Technik nachweisen. Auch das Strecken der Wollvorräte durch Organisation und Erfindungen von Ersatzstoffen erfordert Denken. Die Verschlechterung der Nahrungsmittel, die Ausbildung der Jugendlichen für den Krieg, all das erfordert Denken: es kann beschrieben werden. Das Lob des Krieges, des unbedachten Zweckes dieses Denkens, kann listig vermieden werden; so kann das Denken, das aus der Frage kommt, wie man am besten einen Krieg führt, zu der Frage führen, ob dieser Krieg sinnvoll ist und bei der Frage verwendet werden, wie man einen sinnlosen Krieg am besten vermeidet.

Diese Frage kann natürlich schwerlich öffentlich gestellt werden. Kann also das Denken, das man propagiert hat, nicht verwertet, daß heisst eingreifend gestaltet werden? Es kann.

Damit in einer Zeit wie der unsrigen die Unterdrückung, die der Ausbeutung des einen (grösseren) Teils der Bevölkerung durch den (kleineren) anderen Teil dient, möglich bleibt, bedarf es einer ganz bestimmten Grundhaltung der Bevölkerung, die sich auf alle Gebiete erstrecken muss. Eine Entdeckung auf dem Gebiet der Zoologie, wie die des Engländers DARWIN konnte der Ausbeutung plötzlich gefährlich werden; dennoch kümmerte sich eine Zeitlang nur die Kirche um sie, während die Polizei noch nichts merkte. Die Forschungen der Physiker haben in den letzten Jahren zu Folgerungen auf dem Gebiet der Logik geführt, die immerhin eine Reihe von Glaubenssätzen die der Unterdrückung dienen, gefährlich werden konnten.

Der preussische Staatsphilosoph HEGEL beschäftigt mit schwierigen Untersuchungen auf dem Gebiete der Logik, lieferte MARX und LENIN, den Klassikern der proletarischen Revolution, Methoden von unschätzbarem Wert. Die Entwicklung der Wissenschaften erfolgt im Zusammenhang aber ungleichmässig und der Staat ist ausserstande, alles im Auge zu behalten. Die Vorkämpfer der Wahrheit können sich Kampfplätze auswählen, die verhältnismässig unbeobachtet sind. Alles kommt darauf an, dass ein richtiges Denken gelehrt wird, ein Denken, das alle Dinge und Vorgänge nach ihrer vergänglichen und veränderbaren Seite fragt. Die Herrschenden haben eine grosse Abneigung gegen starke Veränderungen. Sie möchten, dass alles so bleibt, am liebsten tausend Jahre.

Am besten der Mond bleibe stehen und die Sonne liefe nicht weiter! Dann bekäme keiner mehr Hunger und wollet zu Abend essen. Wenn sie geschossen haben, soll der Gegner nicht mehr schiessen dürfen, ihr Schuss soll der letzte gewesen sein. Eine Betrachtungsweise, die das Vergängliche besonders hervorhebt, ist ein gutes Mittel, die Unterdrückten zu ermutigen... eh, dass in jedem Ding und in jedem Zustand ein Widerspruch sich meldet und wächst, ist etwas was den Siegern entgegengehalten werden muss. Eine solche Betrachtungsweise (wie der Dialektik, der Lehre vom Fluss der Dinge) kann bei der Untersuchung von Gegenständen eingeübt werden, welche den Herrschenden eine Zeitlang entgehen. Man kann sie in der Biologie oder Chemie anwenden. Aber auch bei der Schilderung der Schicksale einer Familie kann sie eingeübt werden, ohne allzuviel Aufsehen zu erwecken. Die Abhängigkeit jeden Dings von vielen andern; sich ständig ändernden, ist ein den Diktaturen gefährlicher Gedanke, und er kann in vielerlei Arten auftreten, ohne der Polizei eine Handhabe zu bieten.

Eine vollständige Schilderung aller Umstände und Prozesse, von denen ein Mann betroffen wird, der einen Tabakladen aufmacht, kann ein harter Schlag gegen die Diktatur sein. Jeder, der ein wenig nachdenkt, wird finden warum. Die Regierungen, welche die Menschenmassen ins Elend führen, müssen vermeiden, dass im Elend an die Regierung gedacht wird. Sie reden viel vom Schicksal. Dieses, nicht sie, ist am Mangel schuld. Wer nach der Ursache des Mangels forscht, wird verhaftet, bevor er auf die Regierung stösst. Aber es ist möglich, im allgemeinen dem Gerede vom Schicksal entgegenzutreten; man kann zeigen, dass dem Menschen sein Schicksal von Menschen bereitet wird.

Dies kann wieder auf vielfache Art geschehen. Es kann zum Beispiel die Geschichte eines Bauernhofes erzählt werden, etwa eines isländischen Bauernhofes. Das ganze Dorf spricht davon, dass auf diesem Hof ein Fluch liegt. Eine Bäuerin hat sich in den Brunnen gestürzt, ein Bauer hat sich aufgehängt. Eines Tages findet eine Heirat statt, der Sohn des Bauern verheiratet sich mit einem Mädchen, das einige Aecker mit in die Ehe bringt. Der Fluch weicht vom Hof. Das Dorf ist sich in der Beurteilung dieser glücklichen Wendung nicht einig. Die einen schreiben sie der sonnigen Natur des jungen Bauern zu, die andern den Aeckern, die die junge Bäuerin mitgebracht hat und die den Hof erst lebensfähig machen. Aber selbst in einem Gedicht, das eine Landschaft schildert, kann etwas erreicht werden, nämlich wenn der Natur die von Menschen geschaffenen Dinge einverleibt werden.

Es ist List nötig, damit die Wahrheit verbreitet wird.

 

 

Zusammenfassung

Die grosse Wahrheit unseres Zeitalters (mit deren Erkenntnis noch nicht gedient ist, ohne deren Erkenntnis aber keine andere Wahrheit von Belang gefunden werden kann) ist es, dass unser Erdteil in Barbarei versinkt, weil die Eigentumsverhältnisse an den Produktionsmitteln mit Gewalt festgehalten werden. Was nützt es da, etwas Mutiges zu schreiben, aus dem hervorgeht, dass der Zustand, in den wir versinken, ein barbarischer ist (was wahr ist), wenn nicht klar ist, warum wir in diesen Zustand geraten? Wir müssen sagen, dass gefoltert wird, weil die Eigentumsverhältnisse bleiben sollen. Freilich, wenn wir dies sagen, verlieren wir viele Freunde, die gegen das Foltern sind, weil sie glauben, die Eigentumsverhältnisse könnten auch ohne Foltern aufrechterhalten bleiben (was unwahr ist).

Wir müssen die Wahrheit über die barbarischen Zustände in unserem Land sagen, daß das getan werden kann, was sie zum Verschwinden bringt, nämlich das, wodurch die Eigentumsverhältnisse geändert werden.

Wir müssen es ferner denen sagen, die unter den Eigentumsverhältnissen am meisten leiden, an ihrer Abänderung das meiste Interesse haben, den Arbeitern und denen, die wir ihnen als Bundesgenossen zuführen können, weil sie eigentlich auch kein Eigentum an Produktionsmitteln besitzen, wenn sie auch an den Gewinnen beteiligt sind.

Und wir müssen, fünftens, mit List vorgehen.

Und alle diese fünf Schwierigkeiten müssen wir zu ein- und derselben Zeit lösen, denn wir können die Wahrheit über barbarische Zustände nicht erforschen, ohne an die zu denken, welche darunter leiden und während wir, immerfort jede Anwandlung von Feigheit abschüttelnd, die wahren Zusammenhänge im Hinblick auf die suchen, die bereit sind, ihre Kenntnis zu benützen, müssen wir auch noch daran denken, ihnen die Wahrheit so zu reichen, dass sie eine Waffe in ihren Händen sein kann und zugleich so listig, dass diese Ueberreichung nicht vom Feind entdeckt und verhindert werden kann.

Soviel wird verlangt, wenn verlangt wird, der Schriftsteller soll die Wahrheit schreiben.


 

Nun bitte ich abschließend zu entschuldigen, dass dieser Paukenschlag ganz überwiegend aus Zitaten besteht.

Aber wie das so ist: Ich durchlebe eine Phase, in der mir die Zeit für manches zu kurz wird.

Da könnte ich nun versuchen, noch mehr zu arbeiten - und gar nicht mehr zu schlafen, oder, im Gegenteil, ganz mit dem Schreiben von Paukenschlägen aufhören, weil das ja sowieso nichts hilft.

Glücklicherweise habe ich irgendwann gelernt, dass es immer mindestens drei Möglichkeiten gibt - und heute versucht, das Beste daraus zu machen.

Lösung #3: Zeitsparend zitieren.

Aus vier Quellen, von denen Ihnen mindestens drei sonst nie zugänglich geworden wären.

 

Mit besten Grüßen
Egon W. Kreutzer



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Reaktionen auf diesen Paukenschlag

An dieser Stelle werden Leser-Reaktionen in der Reihenfolge des Eingangs (jüngster Beitrag oben) veröffentlicht.
Ich behalte mir dabei Kürzungen vor und veröffentliche Reaktionen zum Schutz der Absender grundsätzlich anonymisiert.


Lieber Herr Kreutzer,

die Definitionen von Optimismus und Zuversicht habe ich unter "Gute Texte" gespeichert.

Ich beschreibe mein zuversichtliches Arbeiten so: Ich arbeite erfolgsorientiert, aber nicht erfolgsabhängig.
Das gibt mir die nötige Gelassenheit - und Erfolg habe ich auch. Zwar nur im Millimeterbereich, aber so fängt jede Exponentialkurve an...

Ihr Paukenschlag gefiel mir wieder sehr gut - vielen herzlichen Dank
für die Mühe des Hindenkens und Aufschreibens!

Freundliche Grüße


Hallo Herr Kreutzer

Lobhudelei trotz des zitierten Umfangs!? Ja!

Ich komme nicht umhin herauszustellen, dass Brecht und Kreutzer den Kernpunkt menschlicher Beschränktheit erkannt und definiert haben: Aggressives Eigentum.

Und obwohl Brecht die Auswirkungen und Probleme andeutet und dabei das Problem der Wahrheitsfindung und Definition beschreibt, ist es E. W. Kreutzer der dazu brauchbare, wenn nicht sogar einzigartige Lösungen anbietet. Das wollte ich Ihnen nur noch einmal deutlich machen. (…und nehmen Sie die bewusste Nennung mit Brecht in einem Atemzug durchaus als Kompliment an…).

Brecht beschrieb damals schon einen Krieg der keine Fronten kennt. Die Gegner sind damals wie heute, nicht genau definierbar. Heute ist es ungleich schwerer einen geeigneten Ansatz zu finden, weil die Frage nach der Wahrheit schon fast völlig aus unserem Dasein herausdefiniert wurde.

Die in der Zusammenfassung von Brecht beschriebene Methode, die ich in einem anderen Paukenschlag-Kommentar als „Infiltration der Unredlichen“ bezeichnet habe, ist deshalb aber trotzdem nicht ausgeschlossen. Der Weg dabei, ist nicht der Weg des Nils in der Wüste. Es ist vielmehr die Ader unter der Erdkrume, die langsam aber stetig den Samen nährt und irgendwann den Keimling sprießen lässt….verlassen sie sich drauf! Die Logik kennt nur diesen Weg! Und die Natur schließt völlig unberührt und gleichgültig von unserem Handeln, das Falsche und Schädliche aus. Wir haben es immer noch in der Hand, uns diesen Gesetzen und Regeln anzuschließen oder sie weiterhin zu ignorieren… Jeder der sich nun fragt was das bedeutet, sollte diesen letzten Band aus der Reihe WWW von Ihnen lesen!

Es sind nur ein paar Hundert, die diese Erkenntnisse lesen und begreifen? Das ist nicht realistisch. Denn die Ader ernährt viele Pflanzen auf dem Weg zum Ozean, die sich überall verzweigen und neue Triebe empor sprießen lassen…

Ich wiederhole mich, ich weiß! Aber das tun die anderen ja auch…ständig und immer und immer wieder…

Soviel noch zum Abschluss meiner unqualifizierten Aussagen (Als alter Ausbilder und Menschenschinder):

Die Wiege der Wahrheit steht nicht in Bethlehm und man findet sie auch nicht in einem Buch! Man sollte aber bei Zeiten mal in den Spiegel schauen…ja da schaun wa mal janz tiiieeef…! Oder ist das schon eine zu harte Prüfung für den Anfang? Sie denken da sind wir schon drüber? Nein, ich glaube genau das ist es, was den Leuten meistens den Einstieg versaut!!!

Bis die Tage



Werter Herr Kreutzer,

ob man es nun mit zuvermistisch oder optisichtlich umschreiben mag, Ihre Sichtweise ist in jedem Fall ebenso richtig, wie das, was sie handelnder (schreibender und verbreitender) Weise daraus ableiten. Dass es trotzdem nicht immer leicht, mitunter sogar extrem schwierig ist, an einem als richtig und sinnvoll erkannten Handeln festzuhalten, sozusagen den eingeschlagenen Weg fortzusetzen, obgleich anscheinend immer mehr Hindernisse auftauchen, je mehr Stolpersteine man dem menschlichen Denken aus dem Weg zu räumen versucht, habe ich auch erfahren - wenn natürlich auch zugegebenermaßen auf einem bedeutend niedrigeren Niveau, was die Akzeptanz meiner Argumente bei potentiellen Zuhörern und Lesern betrifft. Das Problem, welches meiner Ansicht nach von der mitgelieferten Schrift Berthold Brechts ziemlich exakt auf den Punkt gebracht wird, ist im Prinzip aber für jeden Menschen das Gleiche, der auf die ihm mögliche Weise am Entstehen einer tragfähigen und überzeugenden "Gegenströmung" zum vorherrschenden (nicht erst in jüngerer Zeit) Meinungsmainstream und Zeitgeist mitzuwirken versucht und damit den Handlungsspielraum für jene Menschen mitzugestalten versucht, in dem geeignete Vertreter des "neuen Zeitgeistes" die notwendigen Veränderungen durchsetzen könnten (müssten).

Berthold Brecht hat fraglos viele - erschreckend - zeitlose, da auch auf unsere gegenwärtige Lage unverändert anwendbare Denkanstöße und Denkmodelle aufgezeigt. Ich bin sicher, dass ich seiner Idealvorstellung hinsichtlich der Lösung der "fünf Probleme" beim Schreiben und Verbreiten der Wahrheit nur bedingt nahekomme, aber zumindest meine Art, nach Wahrheit zu suchen und meine grundlegende Fähigkeit, sie auch zu erkennen, wenn ich auf sie treffe, halte ich "zuvermistisch" für ausreichend ... wenn es Menschen wie mir nun noch vergönnt wäre, sich verstärkt mit Menschen wie ihnen "an einen virtuellen Tisch" setzen und gemeinsam mit ihnen an einer wirksamen Aufklärung (einem unüberhörbaren und unwiderlegbaren Weckruf) für die Masse unserer Bevölkerung arbeiten zu dürfen, könnte ich mir jedoch vorstellen, dass wir eine Gesamtlösung für die dargestellten Probleme erreichen könnten, die diesem "Brecht'schen" Ideal zumindest sehr nahe kommen würde. - Bliebe am Ende "nur noch" die Frage, in wessen Hände wir die so entwickelte und ebenso listig wie mutig in Umlauf gebrachte Wahrheit dann legen können, damit sie auch die notwendigen Veränderungen herbeiführen können?! - Doch da man bekanntlich einen Schritt nach dem anderen machen muss, wenn man sein Ziel erreichen will, bin ich wiederum recht "optisichtlich", dass sich geeignete Menschen und Hände zu gegebener Zeit auch finden werden.

Auch zu den eingebauten Meinungen möchte ich noch etwas schreiben und mir erlauben, sie in der Feststellung zusammenzufassen, dass jede einzelne für sich genommen sicherlich nicht als richtige oder angemessene Reaktion auf die Zustände (nicht nur) in unserem Land gewertet werden kann - was aufgrund der offenkundig sehr unterschiedlichen Perspektiven der Absender auch schlichtweg unmöglich ist. Nimmt man sie aber auseinander und setzt sie an jenen Schnittstellen wieder zusammen, die alle aufweisen - selbst dann, wenn es aus dem neu zu schaffenden Zusammenhang gerissen eine eher negative Darstellung oder Einschätzung ist -, dann könnte ein intelligenter und geeigneter "Künstler" meiner Ansicht nach durchaus ein Bild gestalten, das zumindest eine gangbare und sicherlich von einer Mehrheit in unserem Land mit getragene Vorgehensweise aufzuzeigen vermag. Fügt man diesem Bild dann noch die Feinheiten hinzu, die aus dem Erwerb und der Analyse von tiefer in die Materie der gegenwärtigen (aber schon seit langem schwelenden) Problemen erwachsen und das nötige Quentchen von Insider- und Hintergrundkompetenz beisteuern können, käme meiner bescheidenen Ansicht nach ganz bestimmt etwas Brauchbares und - wiederum für die richtigen Akteure - Verwertbares heraus.

Okay, das soll jetzt aber nur meinen Eindruck beschreiben, den Ihr jüngster Paukenschlag bei mir persönlich hinterlassen hat, und das Ganze um meine individuelle Sicht- und Denkweise ergänzen.

In der Hoffnung, dass Ihnen Ihr Zuvermismus noch lange erhalten bleiben und Unterstützung von anderen überzeugten und überzeugenden Autoren zuteil werden möge ... und dass Sie uns, die wir die Wahrheit mit noch wesentlich leiseren Stimmen, aber nicht weniger entschlossen verbreiten möchten, noch lange erhalten bleiben mögen, verbleibe ich

mit freundlichen und solidarischen Grüßen

Sehr geeschätzter Herr Kreutzer,

ihr Newsletter stimmt mich, wie immer, optisichtlich.

MfG



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