Paukenschlag
am Donnerstag
No. 23 /2016
vom 9. Juni 2016


Kommentare zum Zeitgeschehen von Egon W. Kreutzer

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Druckversion: Sigbert Döring


Fuß+Ball
(jetzt geht's lohos!)
 
Morgen soll es also wieder losgehen. In Frankreich.
In Frankreich, wo Streiks das Land zum Stillstand zu bringen und die Angst vor einem Terrorangriff das Land noch lahmer legen könnte, als Gewerkschaften es jemals vermöchten.
 
Es ist aber Fußball angesagt, also wird auch Fußball gespielt. Europäischer Fußball, im Rahmen der EU-Open Soccer-Competition in eigens angelegten Hochsicherheitsarenen.
Man gönnt sich ja sonst nichts.
 
54 großteils europäische Mannschaften haben sich um die Teilnahme beworben, nicht alle konnten sich qualifizieren.
 
Im Vorfeld ausgeschieden sind:
 

 Fußball-Nation

Einwohnerzahl
Gibraltar 29.000
San Marino 33.000
Liechtenstein 38.000
Färöer 50.000
Andorra 86.000
Malta 414.000
Luxemburg 570.000
Montenegro 647.000
Zypern 1.189.000
Estland,

 1.265.000

Lettland 1.987.000
Mazedonien 2.096.000
Litauen  2.884.000
Armenien 3.056.000
Moldau 3.547.000
Georgien 4.931.000
Schottland

 5.295.000

Finnland

 5.477.000

Serbien 7.177.000
Bulgarien 7.187.000
Israel 8.049.000
Weißrussland

 9.466.000

Aserbaidschan

 9.781.000

Griechenland 10.776.000
Niederlande 16.948.000
Kasachstan

 18.157.000

(Was es nicht alles so gibt, an europäischen Ländern. Donnerwetter!)
 
Sechsundzwanzig im allerweitesten Sinne irgendwie europäische "Nationalmannschaften" sind also über die Qualifikationsspiele nicht hinausgekommen.
 
Achtundzwanzig hatten noch die Chance in der Vorrunde vor internationalem, frisch mit HD-Super-Flach-Diagonale ausgerüstetem Publikum zu zeigen, dass der neue Fernseher tatsächlich das Geld wert war, und die Amazon-fire-Sky-usw. Box gleich noch mit dazu, wegen der vielen unterschiedlichen Kamerawinkel und der vielen eingeblendeten Statistiken.
 
Nun gut.
Vier davon hat es in der Relegation noch zerbröselt.
 
Ich schreibe auch hier schon mal die Tabelle an, die glücklosen Relegationsverlierer sind rot markiert:
 
Island  332.000
Nordirland  1.811.000

Slowenien 

1.983.000
Albanien  3.029.000
Wales 

 3.063.000

Bosnien-Herzegowina

3.867.000
Kroatien  4.465.000
Irland    4.892.000

Norwegen

5.208.000
Slowakei  5.445.000

Dänemark

5.582.000
Schweiz  8.122.000
Österreich 8.666.000
Schweden   9.802.000
Ungarn  9.898.000
Tschechien  10.645.000
Portugal 10.825.000
Belgien   11.324.000
Rumänien 

 21.666.000

Polen 38.562.000
Ukraine

 44.429.000

Spanien 48.146.000
Italien  61.855.000
England 64.088.000
Frankreich 66.554.000
Türkei 79.414.000
Deutschland 80.854.000
Russland  142.424.000
 
Was lässt sich damit beweisen?
 
Mit diesen Zahlen kann man alles beweisen. Es handelt sich schließlich um eine Statistik.
 
Zunächst einmal wollen wir festhalten, dass die 26 Mannschaften, die in der Qualifikation ausgeschieden sind, insgesamt eine Einwohnerzahl von 121 Millionen Menschen repräsentieren. Das sind offenbar zu viele Einwohner, um eine EM gewinnen zu können.
 
Russland hat noch einmal 21 Millionen Einwohner mehr und kann die EM folglich erst recht nicht gewinnen.
 
Die besten Aussichten haben diejenigen Mannschaften, die von weniger als 100 Millionen, aber mehr als 1 Million potentieller Fans jubelnd angefeuert werden.
 
Innerhalb dieser Gruppe steigen die Chancen mit der Einwohnerzahl linear an, soweit es sich im engeren Sinne um europäische Mannschaften handelt. Mannschaften, denen die Teilnahme über die so genannte Wildcard gestattet wurde, dürfen zwar das Viertelfinale erreichen, müssen dann aber freiwillig aus dem Turnier ausscheiden. Vor allem, wenn den Einwohnern der Entsendestaaten für die EU noch keine Visafreiheit eingeräumt worden ist. Das Nähere regelt der Referree-Ehrenkodex nach den Vorgaben des UEFA Board of Sponsors.
 
Statistisch zu berücksichtigen ist insbesondere die Tatsache, dass die EM in diesem Jahr zum 15. Mal durchgeführt wird. Start war im Jahr 1960. In Berlin stand noch keine Mauer, folglich hatten die russischen Spione freien Zugang zu allen Trainingszentren, kannten alle taktischen Pläne und die Strategien aller Nationaltrainer, fütterten ihren eigentlich für den Atomkrieg gebauten Röhren-Großrechner in Wladiwostok mit allen verfügbaren Daten und ihre Sportler mit allen verfügbaren Substanzen und gewannen glatt die erste Europameisterschaft.
 
Damit dies nie wieder geschehen könne, hat der DFB seinerzeit Verbindung mit dem ZK der SED aufgenommen und um Nachbarschaftshilfe gebeten, was mit dem Bau der Berliner Mauer im Jahre 1961 endete. Damit war den Russen der Zugang zu unseren fußballerischen Geheimnissen verwehrt und sie haben danach, obwohl sie insgesamt noch drei Mal ins Finale gelangten, keinen Fuß mehr auf den Boden der höchsten Stufe des Siegertreppchens setzen können.
 
Griechenland hat selbstverständlich auch keine Chance. Nicht, weil die Mannschaft schon lange nicht mehr von Otto Rehagel trainiert wird, sondern weil die Griechen, kaum im Euro, schon gleich bei der ersten EM nach der Euro-Einführung auf einer Welle locker geborgten Geldes praktisch wie geschmiert aufs Siegertreppchen gesurft sind. Seitdem sind sie chronisch überschuldet und ein Sanierungsfall und müssen ihre Nationalmannschaft - das ist eine Forderung der Institutionen der Troika - vor Freigabe des nächsten Hilfspaketes an den Höchstbietenden verkaufen. Von daher ist zu mutmaßen, dass die Griechen vielleicht schon dieses Mal, bestimmt aber 2020 mit dem Logo von Google, Amazon, Alibaba oder Gazprom auflaufen werden.
 
Nun zur Ukraine. Die Ukraine hat schon den ESC gewonnen und Deutschland dabei nicht nur in die Knie sondern tief unter die Grasnarbe gezwungen. Die Ukraine wird auch das Vorrundenspiel gegen Deutschland gewinnen, weil sich die deutsche Nationalmannschaft immer noch schämt, dass die Bundeswehr nicht ausgezogen ist, um die Krim vor den Russen zu retten. Allerdings scheint man sich im Verteidigungsministerium beim Studium alter Akten daran erinnert zu haben, dass beim letzten Versuch, trotz tatkräftiger Hilfe etlicher Einheimischer, weder die Krim, noch der Brückenkopf auf der Halbinsel Kertsch gegen die Russen wirklich gehalten werden konnten. Also hat man es bei aufmunternden Worten belassen, die Russen in angemessenem Maße beschimpft und mit Sanktionen belegt. Das war's dann aber schon.
 
Spanien ist, angespornt vom griechischen EM-Sieg 2004, mit aller Kraft auf den Wachstumszug billiger Euro-Schulden aufgesprungen, und hat per Heißluft-Immobilienblasenballon die notwendigen Mittel für die EM-Siege 2008 und 2012 zusammengetragen. Inzwischen versinkt Spanien jedoch mehr und mehr im Chaos und im Podemos, wovon schon Homer in der Odyssee warnend zu berichten wusste. Damals hießen die Dinger allerdings noch ein bisschen anders.
Nun steht die spanische Jugendarbeitslosigkeit so hoch, wie in Simbach am Inn das Wasser in den Häusern stand, einen Fußball kann sich keiner mehr leisten, die Mitgliedschaft im Verein schon gar nicht, ja es soll inzwischen viele Spanier geben, dies sich nicht einmal mehr den Fernseher leisten können. Wo soll da noch Fußballbegeisterung herkommen? Und wo keine Begeisterung, da kein Siegeswille - so einfach ist das. Viertelfinale, maximal - und dann aus.
 
Frankreich ist ein sehr guter, höflicher, freundlicher zuvorkommender Gastgeber. Absolument impossible, tatsächlich diese EM im eigenen Land gewinnen zu wollen. Was wird da aus der deutsch-französische Freundschaft? Würde Monsier Schäublee nach einem französischen Sieg nicht die Daumenschrauben auch in Richtung Paris anziehen, und das mit Recht?! Statt Geld für eine EM auszugeben, sollten die Franzmänner lieber Hartz-IV einführen und ihre Schulden tilgen!
 
Den Fehler haben sie 1984 gemacht, die Franzosen - und daraus gelernt. Sie haben die EM ausgerichtet und sind forsch selbst aufs Siegertreppchen gestiegen. Die Rache folgte auf dem Fuß. Helmut Kohl kam angerollt, packte Francois Mitterand am Händchen und schleppte ihn zum Fototermin (erinnert an bekannte Slapstick-Komödien-Darsteller) auf die Schlachtfelder von Verdun, um zu zeigen, wer in Europa das Sagen hat. Das war ein bitterer Tag für die Grande Nation. Das sollte sich auf keinen Fall wiederholen.
 
Also wird die französische Nationalmannschaft sich - so lange es geht - wacker schlagen (schon damit die Dauer-Streiks gegenüber der Kommission in Brüssel in ein verzeihliches Blaumachen wegen der Fußballbegeisterung umgedeutet werden können), und am Ende Deutschland den Vortritt lassen.
 
So wie Deutschland 1988 den Niederlanden den Vortritt gelassen hat. Da kam der Dicke aus Oggersheim nicht wieder nach Paris, er flog stattdessen nach Moskau um Gorbatschow weichzukochen. Ist dann ja auch gelungen. Glasnost, Peristroika, Begrüßungsgeld, und fertig war die Wiedervereinigung.
 
Die Niederlande wiederum waren diesmal, also für die just bevorstehenden Rasenkämpfe, so rücksichtsvoll, dass sie, um den deutschen Sieg am Ende nicht doch noch zu gefährden, schon vor mehr als einem halben Jahr, Mitte Oktober 2015 war es, in einem Heimspiel gegen Tschechien ganz unspektakulär und ohne internationales Fernsehpublikum schlicht und einfach in der Qualifikation den Hut genommen haben. Oranje, Oranje, außer in Nordirland ist mit euch auch kein Staat mehr zu machen...
 
Ja, was bleibt noch übrig?
Italien?
Immer für eine Überraschung gut?
 
Mit Berlusconi im Krankenhaus kann das nichts werden. Wenn der Herr über die Sender nicht in der Lage sein sollte, im entscheidenden Moment mit einem gezielten Geldsegen neue, bzw. letzte Chancen herzustellen, weil bei ihm gerade Schwester Hildegard mit Schieber und Fieberthermometer auf die Analregion losgeht, dann wissen die Tifosi doch gar nicht, ob sich die Plackerei lohnen wird oder nicht. Da bleibt nur Improvisieren, dabei gut aussehen und schwach abgehen.
 
Ja, gar keine Frage: Herr Löw, Bastian Schweinsteiger, Mario Götze und ein paar andere Herren mit Flatterhosen und smartiebunten Schuhen haben gar keine andere Wahl, als bis zum Finale durchzusiegen.
 
Das soll Herr Löw im Aktuellen Sportstudio der ARD neulich so ähnlich gesagt haben, auf Schwäbisch allerdings, hier eine Übersetzung ins annähernd Deutsche:
 
"Wisset Sie, seit jehär war ich ein Fäään von Angela Märkel. Weil sie genauuu so isch, wie, äääh, also wie oin guter Trääääner sein sollte. Sie guckt. Und sagt nix. Sie guckt noch oinmal. Und sagt wieder nix. Abär sie woiß ganz genauu, was sie woll-llen tut. Ganz gänauuu. Das macht sie dann auch. Ein Zeihhchen von ihr gänügt, und dann rollt däär Konter blitzschnell und wie aus dem Nischts in die gegnärische Häälfte und da wird dann durchregiiiert.
Als Fußball-Träääner habe ich da schon säär viele gute Anrägungen aufgeschnappt. Mein Jobb ist natürlich noch komplexer. Ich kann die Jungs zwar au blitzschnell lauffenn lassenn, aber sie müsset dabei au immer auf den Ball achtgäbän. Die Märkel spielt ja immär ohne Ball... Also, wenn die Jungs den Ball nicht haaabänn...
 
Nun ja, Sie wisset scho - und ich vertraue fest in meine Mannschaft. Wir schaffänn daas!"
 
Brüder, Fans und Fanchenklein, schwenkt die Fähnchen.
Bis ihr wieder aufwacht, hat Mutti mit ihrer Putztruppe alles wieder blitzblank sauber.
 
TTIP und CETA ordentlich in trockenen Tüchern, Mietbreisbremse nachgebessert, Schuldenbremsflüssigkeit aufgefüllt, Bargeldobergrenze im nationalen Alleingang beschlossen, den Eisernen Vorhang um die Mittelmeerküste geschlossen, Bundeswehr in Armenien stationiert, Draghi ermuntert, nach dem Kauf von Unternehmensanleihen nun doch endlich auch die Dispo-Kredite der privaten Haushalte aufzukaufen, den neuen Bundespräsidenten ausgewählt und sämtliche Flüchtlingsunterkünfte gegen Feuer, Hochwasser, Vandalismus und Leerstand versichert. Außerdem vermutlich Hillary Clinton aus Schäubles schwarzer Kasse eine Wahlkampfunterstützung zukommen lassen und der von der Leyen einen Großauftrag über 200.000 M16 Sturmgewehre an ArmaLite genehmigt.
 
Jetzt geht's lohos!
 
 

 

 

 

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