17. März 2018

11.55 Uhr Ein Monat Hartz IV für Jens Spahn

Wann soll der gute Mann das machen? Und vor allem: wie?

Jens Spahn ist Minister. Ein Minister kann nicht mal eben so zum Flaschensammeln gehen oder sich bei der Tafel anstellen. Ein Minister hat auch keine Zeit, allfälligen Einladungen seines Fallmanagers Folge zu leisten. Ein Minister kann auch nicht Buch darüber führen, von wem er wann zum Essen eingeladen worden ist, um sich diese Leistungen vom Regelsatz abziehen zu lassen. Vermutlich müsste er dann Geld bei der Arge einzahlen, statt welches in Empfang zu nehmen. Nein, nein - das geht nicht.

Jens Spahn soll sich lieber um sein Ministerium kümmern und dabei feststellen, dass das Gesundheitswesen mehr umfasst als die Provisionen von Pharmareferenten und -lobbyisten.

Man könnte allerdings vorschlagen, er möge sein Hartz-IV Dschungelcamp im Urlaub absolvieren, wenn Berlin in der Sommerpause in den Dornröschenschlaf fällt. Hätte er Mut und ein bisschen Sportsgeist, würde er sich darauf einlassen. Allerdings ist auch das nicht so einfach.

Problem 1: Jens Spahn müsste sich von allen Vermögenswerten trennen, bis auf jenen kleinen zulässigen Rest, der ihm noch zugestanden wird, um überhaupt in den Kreis der Leistungsberechtigten aufgenommen zu werden.

Problem 2: Jens Spahn müsste sich eine billige Wohnung suchen, die von der Größe und der Miete her gerade noch zulässig ist, für so einen Hartzer, damit ihm das Amt die Miete und die Heizkosten bezahlt.

Problem 3: Jens Spahn müsste wohl auch dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen und sich womöglich ein Bewerbungstraining und anschließend ein unbezahltes Praktikum aufdrücken lassen.

All das ist auch während eines vierwöchigen Urlaubs kaum möglich. Ein Hartz-IV-Gefühl würde sich in dieser kurzen Zeit, mit der Gewissheit, anschließend wieder im Chefsessel sitzen zu dürfen, kaum einstellen.

Doch nehmen wir an, es gelänge, dies alles irgendwie zu faken. Eine billige Wohnung mit abgewirtschafteten Möbeln, irgendwo - in Jottwedee. Einen Schauspieler, der den Fallmanager gibt, mit allem drum und dran und dem Sanktionshammer am Gürtel, dann bliebe tatsächlich in der ungewohnten Umgebung die Sache mit den 416 Euro übrig.

Allerdings sollte man ihn vielleicht vorher zum Roten Kreuz in die Kleiderkammer schicken, damit er sich die vier Wochen lang in standesgemäßen Klamotten bewegen kann und beim Flaschensammeln nicht gleich unangenehm auffällt.

Wir müssen allerdings auch davon ausgehen, dass so ein Minister eine solche Probe nicht einfach unvorbereitet angehen wird. Jens Spahn macht einen Plan. Ganz bestimmt. Einen Sparplan, einen Gesundheitswesen Gesundsparplan, weil er seine persönlichen Erfahrungen anschließend ja im Großen umsetzen wollen wird.

Um mit 416 Euro einen Monat lang über die Runden zu kommen und am Ende noch Geld übrig zu behalten, gilt es zunächst einmal festzustellen, was es in Deutschland alles umsonst gibt.

Da wäre zum Beispiel das Wasser aus dem Wasserhahn. Vier Wochen lang nichts anderes trinken, das sollte durchzuhalten sein. Statt täglich vier bis fünf Latte macchiato, zwei bis fünf Gläser Wein, dem einen oder anderen Aperitif, sind da locker pro Tag schon mal 50 Euro gespart. Eher mehr. Also 1.500 Euro pro Monat, die ein Hartz-IV-Empfänger schon mal nicht braucht.

Dann das reichhaltige Angebot der Tafeln. Gemüse und Obst gibt's da sicherlich in rauen Mengen. Es sollte also möglich sein, jeden zweiten Tag als Veggie-Day zu begehen und mittags eine warme Gemüsemahlzeit zuzubereiten. Dazu braucht es allerdings ein bisschen Fett, ein bisschen Salz, ein bisschen Pfeffer, vielleicht auch noch Oregano - das kostet alles zusammen nicht mehr als 10 Euro, wenn man alles billigst einkauft, und reicht dann aber auch für die 15 Veggie-Days.

Bleiben 15 Tage übrig, die noch nicht beplant sind und immer noch 406 Euro in der Kasse.

Allerdings fehlen noch für 30 Tage das Frühstück und das Abendessen.

Knäckebrot ist ein gesundes Lebensmittel. Jeden Tag zum Frühstück zwei Scheiben, das macht 60 Scheiben, das sind zwei Packungen, nun ja, sagen wir drei, und die kosten 3 Euro. Bleiben 403 Euro übrig. Natürlich isst man Knäckebrot nicht trocken. Frischkäse! 15 Gramm auf jede Scheibe Knäckebrot, das macht 450 Gramm, also drei Packungen á 200 Gramm á 1,50 Euro, sind 4,50 Euro, bleiben noch 399,50 Euro. Huch! so schnell geht das Geld zur Neige.

Klar, vier Wochen Knäcke mit Frischkäse wäre langweilig, aber da kann man ja täglich wechselnd noch was vom Tafelgemüse drauflegen. Welken Schnittlauch, matschige Tomate, Zucchinischeibchen, Paprika-Streifen, da kommt doch keine Langeweile auf - und gesund ist das allemal.

Nun sind noch 15 Mittagessen und 30 Abendessen zu gestalten. Abends soll man sowieso nicht so viel essen. Am besten belegtes Brot. 200 Gramm Brot - das macht 6 Kilogramm, die werden natürlich portionsweise eingekauft, damit das Brot auch immer recht frisch ist, und immer kurz vor Ladenschluss, weil der Bäcker da nur den halben Preis nimmt. Wenn das Kilo normal 3 Euro kostet, dann sind das ermäßigt 1,50 Euro und für den ganzen Monat 9 Euro.

Bleibe 390,50 Euro. Jetzt den Belag. Da braucht man ja auch nicht viel. 8 Schmelzkäse-Ecken sind für 2,30 Euro zu haben, reicht für 8 Scheiben Brot, also vier Tage. Dosenwurst aller Sorten ist für 1 Euro pro hundert Gramm zu haben. 25 Gramm reichen für ein Brot. Je eine 400 Gramm Dose Leberwurst und Landrotwurst, und schon sind weitere 16 Tage gesichert, es bleiben 382,50 Euro. An den weiteren 10 Tagen könnte man sich zwei Wiener Würste zum Brot heiß machen. Das heißt: 10 Paar Wiener, kosten rund 7 Euro, ein Glas Senf dazu, 70 Cent, bleiben 374,80 Euro in der Kasse.

Jetzt gilt es noch, für 15 Tage ein schickes Mittagessen zu organisieren. Mit dem Budget kann man da locker in eine Hamburger-Braterei. Mit fünf Euro ist man da immer gut dabei, weil man ja als Wassertrinker auch keine Getränk mit aufs Tablett nehmen muss. Das heißt, die noch offene Verpflegungslücke kann mit 75 Euro geschlossen werden - und wenn einmal nur 4,80 Euro ausgegeben werden, sogar mit 74,80 Euro, so dass am Ende des Monats glatt 300 Euro übrigbleiben.

Als guter Staatsbürger wird Jens Spahn diese 300 Euro an das JobCenter zurückgeben und dann, am nächsten Arbeitstag, die Speisepläne für alle Krankenhäuser, Senioren- und Pflegeheime verbindlich vorgeben. Nach seinen Berechnungen können so im Bereich von Gesundheit und Pflege jährlich rund 36 Milliarden Euro eingespart werden. Eventuell sogar noch mehr, wenn auch die Verpflegung von Patienten, die spezielle Diäten erhalten müssen, entsprechend überarbeitet werden.

So hat die verrückte Idee der Hartz-IV-Empfängerin Sandra S. am Ende doch einen überraschenden Erfolg hervorgebracht, der die Beitragszahler massiv entlastet.

Doch das ist noch nicht alles. Hubertus Heil hat gut aufgepasst und wird in Kürze dafür sorgen, dass die Bedarfsberechnungen für die Regelsätze revidiert und auf das erwiesenermaßen ausreichende Spahn-Niveau abgesenkt werden. Ein weiterer Milliardensegen für die Staatskasse.

Nur Ursula von der Leyen will die Ernährung der Bundeswehr nicht antasten. Knapp 200.000 Soldaten würden das Kraut ja nun auch nicht fett machen und außerdem, so meinte sie, könnte die Anpassung der Bundeswehrverpflegung an das Spahn-Niveau eventuell das Gegenteil, nämlich eine Kostensteigerung bewirken.

Gleiches wird von den Abgeordneten übrigens auch für die Bundestagskantine geltend gemacht, deren Angebot nicht verändert werden soll. Allerdings denke man darüber nach, ob es angesichts der Einsparungen in den Bereichen Gesundheit, sowie Arbeit und Soziales, nicht möglich sei, die Leistungen der Kantine künftig kostenlos abzugeben.

 


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