Paukenschlag
am Donnerstag
No. 28 /2018
vom 26. Juli 2018


Kommentare zum Zeitgeschehen von Egon W. Kreutzer

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Druckversion: Sigbert Döring


 
Bin ich froh!
 
Bin ich froh, dass Götz George schon tot ist!
 
Nein, ich habe ihm nie Böses gewünscht und die guten Schimanski-Tatorte waren die besten Tatorte, die die ARD ins Programm gebracht hat. Ich weiß. Geschmackssache. Trotzdem.
 
Aber gestern Abend, ARD, 20.15, "Zivilcourage". Was war das denn?
 
Götz George in der Hauptrolle, das hat mich derartig bedrückt, dass ich glücklich war, als ich mich gewaltsam aus der Handlung riss und mir bewusst machte, dass es einerseits nur ein Film ist, und andererseits ein alter, weil nämlich George schon tot ist und diesen Film zu einer Zeit gedreht hat, als es vielleicht (vielleicht!!!) wirklich so schlimm war, in Neukölln und anderswo, und dass es gottseidank längst nicht mehr so ist.
 
Gut, dass ich 2010, als der Streifen gedreht wurde, in einer Gegend lebte, in der so etwas nicht denkbar war und außerdem damals anderes zu tun hatte, als mir solche an den Haaren herbeigezogenen rassistischen Schandfetzen anzusehen.
 
Dass der Streifen gestern Abend in der ARD noch einmal gezeigt wurde, das hat mich im Nachhinein erst einmal gefreut. Stellt er doch den Kontrast zwischen den Aufgeregtheiten und unbegründeten Befürchtungen von damals und der friedfertigen Muttikultiwelt von heute besonders deutlich dar.
 
Leute! Neukölln ist doch inzwischen befriedet. An den Rändern sickern die Reichen in die Gentrifizierungszonen ein, und wie es drinnen aussieht, das interessiert niemanden mehr, selbst die Polizei nicht. Da ist wahre friedliche Koexistenz entstanden und die Armlänge Abstand wird immer gewahrt - mindestens.
 
Niemand kriegt da mehr auf die Fresse, weil sein Hund in den Sandkasten kackt. Da spielen sowieso keine Kinder mehr, da liegen ganz andere Sachen rum, und um die Sandkästen gibt es auch keine Mütter mehr mit Kinderwagen, die sich fürchten müssten, sondern smarte Jungs, die hier, wo niemand es erwarten würde, mit den sonderbarsten Dingen erfolgreich Handel treiben und damit viele Menschen, auch Schulkinder, glücklich machen.
 
Bin ich froh, dass der Verfassungsschutzbericht so ausgefallen ist, wie er ausgefallen ist. Natürlich schwingt da noch ein bisschen Panikmache mit, aber so locker wie man heutzutage mit der Zahl von 10.800 Salafisten umgeht, weil davon ja nicht einmal tausend als Gefährder eingestuft werden, darf man doch jeden Tag beruhigt Schlafen gehen. Gefährder ist übrigens ein Begriff, der nirgends offiziell definiert ist, bedeutet im Grunde also gar nichts.
 
Und wenn der Innenminister halb verschämt, halb schalkhaft grinsend erklärt: "Wir haben die Lage nicht im Griff", dann kann das ja nur bedeuten, dass Anstrengungen, die Lage in den Griff zu bekommen, nicht unternommen werden, weil man die Lage zwar erfasst und beschreibt, aber damit offenbar genug zu tun hat, um mit dem vorhandenen Personal auch noch etwas dagegen tun zu können. Das zeigt, dass die Lage nicht wirklich ernst ist.
 
Wäre die Lage ernst: Das Personal wäre da. Chefsache. SEK, Wasserwerfer, Tränengas, Gummigeschosse, Hubschrauber, Hundertschaften noch und nöcher, häuserkampferprobte Soldaten dürften unterstützen, sagen EU-Vertrag und das Verfassungsgericht. Aber es passiert nichts und das sollte jeden ängstlichen Zweifler davon überzeugen, dass zu keiner Zeit eine Gefahr für die Bevölkerung bestanden hat, besteht und bestehen wird.
 
Daran sollten wir uns ein Vorbild nehmen, statt uns von den rechten Gewaltbereiten ins Bockshorn jagen zu lassen, die ja nur die Klappe aufreißen, wo dann aber nichts dahinter ist, so dass sie sich selbst unter extremem Polizeischutz kaum noch zu ihren Versammlungen, Demonstrationen und Parteitagen trauen.
 
Und wenn dann die Zahlen des
 
"extremistischen Gesamtpersonenpotenzials"
(wer hat sich das ausgedacht?)
 
verkündet werden, dann klingt das zwar für zart besaitete Gemüter viel, aber, ich bitte Sie!
 
126.360 Personen werden zum Gesamtpersonenpotenzial gezählt. Da kommen auf tausend Bevölkerungsmitglieder gerade einmal 1,54 Träger des Personenpotenzials. Damit wird doch schon eine Handvoll perspektivloser Hauptschulabgänger locker fertig!
 
Nun ist ein "Potential" aber noch gar nichts, sondern nur ein Potential. Das kann dahinschwinden wie die Ladung eines Smartphoneakkus beim Streamingbetrieb.
 
Wer sagt denn, dass aus dem Potenzial tatsächlich einmal eine wirkenden Kraft wird - und wenn, dann muss man doch erkennen, dass das alles sowieso ganz wunderbar ausgeglichen ist.
25.250 des extremistischen Gesamtpersonenpotenzials stehen rechts, 30.400 stehen links - die neutralisieren sich doch gegenseitig! Danach sind 5.150 von links übrig, denen wiederum 25.810 Islamisten gegenüberstehen.
 
Glücklicherweise tun die sich aber gegenseitig nicht weh, weil man links ganz muttikulturell den Islam verstanden hat und um seine Friedfertigkeit weiß, während der Islam seinerseits jede linke Idee - auch Frauenrechte und Homoehe, nicht nur toleriert, sondern freudig aufnimmt und die Gläubigen beim Freitagsgebet dazu aufruft, es den Ungläubigen nachzutun.
 
Folglich werden insgesamt 30.960 links-islamistische Figuren des Gesamtpersonenpotentials etwa 16.500 Reichsbürgern gegenüberstehen, womit am Ende 14.460 Partikel des links-islamistischen Potenzials ohne weitere Gegner übrig bleiben, so dass sie ihren Extremismus an den Nagel hängen und in die demokratischen Parteien eintreten, die Medien bevölkern und Ministerämter anstreben können, so wie einst unser aller leuchtendes Vorbild, der Straßenkämpfer und Turnschuhminister Josef Fischer, um den Nutzen zu mehren und Schaden abzuwenden, oder so.
 
Nein, der George Film von 2010 war ein ausgemachtes Propaganda-Stück und hätte von Goebbels nicht raffinierter in Aufrag gegeben werden können. Kein Wunder, dass es den rechtskonservativen Kräften in der Union damit noch im gleichen Jahr gelang, Angela Merkel für kurze Zeit zu jener Überzeugung zu verleiten, die sie in die Worte kleidete: "Der Ansatz für Multikulti ist gescheitert, absolut gescheitert!"
 
Glücklicherweise ist ihr dann selbst aufgefallen, dass man sie aus parteitaktischen Gründen in die Irre geführt und aufs falsche Pferd gesetzt hatte. Genauso, wie schon beim Ausstieg aus dem Ausstieg aus der Atomenergie, wo die Physikerin dann durch eigenes Überlegen zu dem Schluss kam, es sei besser noch einmal auszusteigen - und diesmal aber richtig, auch um den Preis der Rückerstattung der Brennelementesteuer und der Übernahme des Löwenanteils der Entsorgungskosten für abgebrannte Brennstäbe und ausgediente Reaktoren.
 
Sonderbarerweise hält man Trump für sprunghaft, manche nennen ihn sogar unkalkulierbar, die schlimmsten Finger nennen ihn verrückt, dabei ist sein Verhalten von dem Merkels kaum zu unterscheiden, außer dass er in einem und einem halben Jahr mindestens doppelt so viel bewegt hat wie Angela Merkel in 12 Jahren. Das sind wir halt nicht gewohnt, diese permanent zupackende Art, das kommt bei uns halt maximal einmal pro Legislaturperiode vor - und dann, der Umwelt zuliebe, mit gebremstem Schaum.
 
Und auch das ist etwas, was mich an dem Film gestört hat. Diese Hektik auf den Straßen, die ständige Unruhe der Leute, die unverständliche Sprache der jungen Ausländer, diese offen zur Schau getragene Gewaltbereitschaft. Ist das - war das - wirklich Deutschland? Sind wir nicht die Ruhe selbst, ist es nicht so, dass es nichts gibt, was uns wirklich aufregen kann? Kaufen wir nicht erst die Bahnsteigkarte, wenn wir einen Bahnhof stürmen wollen?
 
Muss man eine Abendunterhaltung wirklich so bedrückend und realitätsfern gestalten? Gibt es nicht genug Rosamunde Pilcher Filme, die man zur Beruhigung der Gemüter noch einmal ausstrahlen könnte?
 
Filme aus dem Herzkino, in denen sich alles so zielstrebig, besonnen, ruhig, bedächtig und mit schmalem Humor auf das Happy End zubewegt und sich am Ende alle versichern: "Egal was passiert ist, wir schaffen das!"
 
Und wir haben es doch auch geschafft! Hatten die Bedenkenträger nicht immer wieder erklärt, es fehle am Geld? Und, wo fehlte es denn? Roundabout 30 Milliarden pro Jahr, die sind doch da! Unter der weisen Haushaltsführung von Wolfgang Schäuble in langen Jahren nach den Prinzipien der schwäbischen Hausfrau angespart, nun treuhänderisch von Olaf Scholz verwaltet. Und da ist sicherlich noch genug da für die nächsten hundert Jahre.
 
No problem!
 
Und es würde an Wohnraum fehlen, hieß es. Wo fehlt er denn, der Wohnraum? Haben wir es nicht geschafft allen Flüchtlingen ein Dach über den Kopf zu verschaffen? Und haben wir nicht mit der Mietpreisbremse dafür gesorgt, dass keiner, der schon länger hier lebt, darunter leiden muss?
 
No problem!
 
Und dann die Sache mit der Kriminalität. Lest die neue Kriminalstatistik. Da drin steht doch groß und breit, dass die Kriminalität zurückgegangen ist, woran man den wohltuenden Einfluss der Flüchtlinge auf die alte Stammesgesellschaft erkennen kann.
 
No problem!
 
Auch deswegen bin ich froh, dass der alte George Film inzwischen in jeder Beziehung widerlegt ist.
 
Da weinen gestandene Stadträtinnen bittere Tränen, wenn Ewiggestrige in einer Volksabstimmung den Bau einer Moschee verhindern. Das ist doch die gute deutsche Seele, die hier spricht und die nach Jahrzehnten des flächendeckenden klammheimlichen Nazitums endlich auch ihre Sprache wiedergefunden hat.
 
Da stehen an jedem Flughafen hunderte Ehrenamtliche in Bereitschaft, um auch nur den Versuch einer menschenrechtswidrigen Abschiebung zu vereiteln - und der Erfolg gibt ihnen Recht.
 
In der Multikuttigesellschaft haben sich längst Menschen aller Nationalitäten verbrüdert und verfallen nur selten in die aus der Heimat gewohnten Konfliktlösungsstrategien, wenn es einmal zu einem Missverständnis gekommen sein sollte. Aber so sehr die rechten Hetzer auch hetzen mögen, so sehr sie auch hinter jedem "Mann" von dem die Medien berichten, dass er ein Messer benutzt habe, gleich den Ausländer wittern, obwohl das doch gar nicht gesagt wird, so sehr sie auch hinter jeder Vergewaltigung einen Flüchtling wittern, obwohl das doch gar nicht gesagt wird, so ist doch diesen Volksverhetzern ganz klar die Kriminalstatistik entgegenzuhalten, aus der abzulesen ist, dass die hinzugekommenen Ausländer auf die deutschen Straftäter dergestalt erzieherisch eingewirkt haben müssen, dass die Kriminalität, obwohl mehr Menschen im Lande sind, nicht etwa gestiegen, sondern zurückgegangen ist.
 
Und überhaupt: Die Messer.
 
Sollten wir nicht glücklich sein, dass es keine Schusswaffen sind? Hat dem George in dem Film nicht ein Kneipenwirt erklärt, wie man an eine Pistole kommt, und hatte der, dieser biodeutsche Rambo im Schafspelz des Antiquariatsbetreibers nicht am nächsten Tag schon seine Wumme in der Aktentasche, und war es nicht dieser biodeutsche Rassist, der sie auch gezogen hat und die verängstigten, traumatisierten Kriegsflüchtlinge damit eiskalt bedroht und in die Flucht geschlagen hat.
 
Da ist mir ein zur Selbstverteidigung nur mit einem Messer Bewaffneter aber tausendmal lieber. Der muss Mut beweisen, im Kampf Mann gegen Mann, statt feige aus sicherer Distanz seine tödliche Kugel abzufeuern. Das ist doch alles auch eine Sache der Ehre, der Augenhöhe, des Fairplay - und da können wir wirklich noch viel lernen.
 
Aber was rede ich. Es ist jedes Wort zuviel, man darf die wenigen Einzelfälle nicht so aufbauschen, auch wenn man es in bester Absicht tut. Das ist doch nur Wasser auf die Mühlen der Faschisten. Also ist es besser, mit einem wissenden Lächeln schnell darüber hinwegzugehen.
 
Wenn ich es recht bedenke, ist die nostalgische Wiederaufführung des Films "Zivilcourage" aber doch um ein oder zwei Jahre zu früh gekommen.
 
Das "extremistische Gesamtpersonenpotenzial" hat sich noch nicht so ausgeglichen, wie ich es oben vorausschauend geschildert habe. Noch gibt es zu viele biodeutsche Minister, biodeutsche Nachrichtensprecher, auch biodeutsche Sportler, um wirklich schon rückblickend sagen zu können, wir haben diese schlimme Zeit überstanden.
 
Und wenn der Film erst in fünf Jahren noch einmal aufgeführt worden wäre, hätte man sicherlich die Gelegenheit wahrgenommen, die vielen irritierenden Szenen herauszuschneiden, alles mit neuen Texten zu unterlegen und nachzusynchronisieren, auch ein paar Szenen mit Merkel wären einzufügen, zum Beispiel die mit den Eisbären am Polarkreis und die mit dem Flüchtlingsmädchen, das letztlich ihr und unser aller Herz anrührte, so dass allen Nachgeborenen wirklich deutlich würde, dass in diesen bewegten Zeiten, in denen wir leben dürfen, das Wunderbare seinen Anfang genommen hat, und dass es die, die schon länger hier leben, und jene die neu hinzugekommen sind, miteinander geschafft haben, die Republik mit so wenig Gewalt und Blutvergießen wie irgend möglich zur glücklichen flowerpower Kuttimuttelgesellschaft umzuformen, in der wir alle gut und gerne leben, und zwar ohne typisch deutsch-rechthaberisch auf einen Rechtsanspruch auf Demokratie und Soziale Marktwirtschaft in alle Ewigkeit zu pochen, den wir, wie Merkel es schon im September 2013 vom Ende her gedacht zu Protokoll gab, selbstverständlich nicht haben.
 
Und, seien wir doch einmal ehrlich:
 
Wer vermisst schon Demokratie und soziale Marktwirtschaft, wenn es uns damit gelingt, uns den Menschen, die wir in unsere Mitte aufgenommen haben, gleichzustellen und schon von daher keinen Anlass mehr haben, ihre Herkunftsländer als Diktaturen und/oder Armenhäuser zu diskriminieren?
 
 

Natürlich ist unsere Demokratie weit davon entfernt, perfekt zu sein.
 
Aber auch das ist kein abgekartetes Spiel, sondern das Ergebnis von Machtkämpfen und Kompromissen. Der IST-Zustand ist kein Endzustand. Wir können die weitere Entwicklung beeinflussen.
 
Ich habe ein Buch über den Zustand unserer Demokratie geschrieben.
 
Peter Haisenko hat gerade eine Rezension dazu veröffentlicht.
 

 
 
So viel Freiheit, wie möglich, so viel Sicherheit, wie nötig - nicht umgekehrt!
 


Florian Stumfall beleuchtet in dem Roman "Tripoli Charlie" das skrupellose Wirken der Hochfinanz in Afrika.
Es wäre naiv, anzunehmen, dass die gleichen Kräfte nicht auch - mit ähnlichen Zielsetzungen, aber angepassten Methoden - in Europa wirken.
 
 
 
 
 
 

 

 
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 Egon W. Kreutzer

Autor und Verleger - mit einem außergewöhnlichen Hang zur Nachhaltigkeit, meint:

Kritik muss weder beschönigen noch verharmlosen, weder heucheln noch trösten, um konstruktiv zu sein.

Wirksame Kritik muss in aller Klarheit und mit der gebotenen Schärfe auf allgemeine Anstrengungen zur Veränderung von Sachverhalten und Umständen abzielen.

Verhaltensänderungen kritisierter Personen sind dafür nicht Bedingung, sondern bestenfalls erfreuliche Folge.