Paukenschlag
am Donnerstag
No. 18/2018
vom 10. Mai 2018


Kommentare zum Zeitgeschehen von Egon W. Kreutzer

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Druckversion: Sigbert Döring


Wenn der Sender Gleiwitz überfallen wird,
wird zurückgeschossen.

Den Anlass für einen Krieg zu finden, ist immer sehr einfach. Man rempelt den Gegner an und bezichtigt ihn, nicht aus dem Weg gegangen zu sein. Und sollte er tatsächlich ausweichen, erklärt man ihm, er habe durch sein Verhalten zum Ausdruck gebracht, dass er einen friedfertigen Menschen für einen Aggressor halte, was bestraft werden müsse. Wenn es gar nicht anders geht, behauptet man angegriffen worden zu sein und behauptet zudem, unwiderlegbare Beweise zu besitzen ...

In meinen regelmäßig erscheinenden Dossiers "EWK-Zur Lage" weise ich seit geraumer Zeit darauf hin, dass Trump nur so lange Präsident der USA bleiben wird, bis die Welt entsetzt aufschreit: "Er hat es getan!"

Mit der Aufkündigung des Iran-Atomabkommens und der Ankündigung neuer, härtester Sanktionen gegen den Iran -und gegen alle, die mit dem Iran Geschäfte machen! - hat Trump nicht nur den Iran, sondern auch China, Russland und die EU in einem Maße provoziert, das in jedem Bierzelt zu vorgerückter Stunde einen Massenschlägerei in Gang setzen würde.

Dass Netanjahu augenblicklich von besorgniserregenden Aktivitäten iranischer Truppen sprach, das Militär in Alarmzustand versetzte, die öffentlichen Bunker öffnen ließ und die Bevölkerung darauf vorbereitete, sich jederzeit darauf gefasst zu machen, den Anordnungen des Militärs Folge zu leisten, war zeitlich viel zu präzise abgestimmt, um als spontane Reaktion auf tatsächliche iranische Aktivitäten verstanden werden zu können.

Die Legende, die nun gewoben wird, beginnt damit, dass Israel aus unausweichlichen Gründen der Selbstverteidigung in der Nacht zum 9. Mai Luftangriffe auf syrisches Gebiet ausführte. Diesem Akt der Selbstverteidigung in Notwehr fielen nach (wessen?) Angaben auch acht Iraner zum Opfer, die selbst schuld waren. Warum treiben sie sich auch in Syrien herum?

Doch, uneinsichtig, wie diese Mullahs nun einmal sind, schworen sie Rache und Vergeltung und nahmen israelische Stellungen auf den Golanhöhen mit sage und schreibe 20 Raketen unter Feuer. Derartige Vergeltungsschläge sind allerdings nicht tolerierbar, wird damit doch unterstellt, Israel habe sich in irgendeiner Weise schuldig gemacht, was so keinesfalls angenommen werden darf.

Bei den 20 Raketen soll es sich um solche vom Typ Fadschr 5 (die mit einer maximalen Reichweite von 75 km und einem Wirkungsradius von bis zu 100 m (Bomblets, Submunition) nur zur Bekämpfung von Flächenzielen eingesetzt werden können, da die Zielabweichung mit +/- 3 km sehr groß ist) und um solche vom Typ Grad mit Reichweiten um die 20 km, die von einem Mehrfachwerfer abgeschossen werden, wobei beim Abschuss aller 40 Raketen eines Systems ein Zielgebiet von 450x450 m bestrichen werden kann.

Nach den Angaben des israelischen Militärs blieb dieser Angriff jedoch folgenlos. Es gab keine Schäden, obwohl insgesamt nur vier dieser Raketen vom Iron Dome System abgeschossen wurden.

Also: Nichts kaputt. Keine Toten. Keine Verwundeten. Es ist fast so, als habe es diesen Angriff nie gegeben. Dennoch war es nach israelischen Angaben der bisher schwerwiegendste Versuch des iranischen Militärs, Israel anzugreifen.

Eine derartige, nur von Rachegedanken ausgelöste Aktion darf nicht unbeantwortet bleiben. Also schickte Netanjahu in der Nacht auf heute seine Truppen los, um eine Angriffswelle vorzutragen, wie es Israel seit 1973 nicht mehr für erforderlich gehalten hatte. Dutzende Ziele in Syrien wurden angegriffen, beschädigt oder zerstört, darunter auch die Abschussbasis der Raketen, die sich zuvor in Israel wirkungslos in Luft aufgelöst hatten.

Syrien erklärte, es seien vor allem Einrichtungen der Luftverteidigung getroffen worden, darunter eine Radarstation und ein Munitionsdepot. Allerdings seien dutzende israelischer Raketen abgeschossen worden; die meisten hätten ihre Ziele nicht erreicht.

Israel erwiderte, Syrien habe zwar auf die israelischen Jets geschossen, von denen die Raketen abgefeuert wurden, habe sie jedoch nicht getroffen.

Und jetzt kommts:

Israel habe die Syrer gewarnt, sich zu verteidigen, aber sie haben es trotzdem getan.

Die Lesart, Syrien solle untätig zusehen, wie Israel iranische Truppen auf syrischem Gebiet angreift, ist zum Kotzen lächerlich. Wenn sich iranische Truppen mit dem Einverständnis Syriens in Syrien als Verbündete aufhalten, dann ist jeder Angriff auf diese Truppen zugleich ein Angriff auf Syrien - und Syrien hat jedes Recht, diese Angriffe abzuwehren.

Wie soll aber die Information gedeutet werden, dass Russland von Israel über diesen Angriff vorab informiert wurde?

Beim Angriff von USA, Frankreich und Großbritannien vor wenigen Tagen war Russland ebenfalls gewarnt worden. Es kann davon ausgegangen werden, dass diese Warnung von den Russen an die Syrer weitergegeben wurde, denn die Verluste blieben sehr überschaubar.

Diesmal waren die Verluste nach meiner Einschätzung deutlich höher, was eher darauf hindeutet, dass die Ankündigung entweder so kurzfristig kam, dass keine Reaktion mehr möglich war, oder dass Israel Russland dazu bewegen wollte, Assad zum Stillhalten zu zwingen, weil ansonsten ...

Das Drohpotential: Sonst greifen wir auch russische Einheiten an? Sonst greifen wir den Iran direkt an? Sonst müssten wir unter Umständen Atomwaffen einsetzen?

Alles eher unwahrscheinlich. Die Russen könnten sich besser verteidigen als die Syrer und Iraner zusammen. Ein direkter Angriff auf den Iran würde den Krieg in unkalkulierbarer Weise eskalieren. Der Erstschlag Israels mit Atomwaffen wäre wohl zugleich auch das Ende des Staates Israel.

Syrien hat sich (im aktuellen Konflikt erstmals?) gegen einen israelischen Angriff verteidigt. Auch wenn diesmal die israelischen Kampfflugzeuge nicht getroffen wurden, ist die Zeit des Duldens offenbar zu Ende. Dies wiederum kann nur mit dem Einverständnis Russlands erfolgt sein, und daraus kann ein kleiner Hoffnungsschimmer bezogen werden, dass Israel vor dem seit Jahrzehnten ersehnten großen Krieg gegen den Iran doch noch einmal eine Phase des Nachdenkens einlegen wird. Der Test ist offenbar anders verlaufen als erhofft. (Heißt das: Wieder einmal 1:0 für Putin?)

Fernab vom Schauplatz blutiger Auseinandersetzungen in Nahost verkündet der amerikanische Botschafter in Berlin "per Twitter!": Europäische Unternehmen, die Geschäfte mit dem Iran machten, sollten dies nun sofort einstellen.

Großaufträge bei Airbus, eine Unzahl von Bestellungen bei den deutschen Maschinenbauern, vermutlich auch Großbaustellen, mit deutschen Generalunternehmern, und vermutlich auch noch sehr viel Kleinkraum, von dem es heißt, die Masse macht's, sollen nun unverzüglich storniert werden, nur weil die USA dies für "ihr ureigenstes Interesse" erachten?

Die ersten Reaktionen aus Brüssel, Berlin, Paris und London müssen als "trotzig" eingestuft werden. Auch vor dem Hintergrund der Einfuhrzölle für Stahl und Aluminium, die ja immer noch nur aufgeschoben, aber nicht vom Tisch sind, wächst der Groll gegenüber dem Großen Bruder in Washington.

Trumps Spiel gleicht hier durchaus einem verwegenen Ritt auf der Rasierklinge. Seinem Kalkül, der drohende Verlust des US-Marktes und der europäischen Investitionen in den USA und der auf US-Konten gehaltenen Gelder würde die Haltung der Europäer letztlich doch von trotzig in demütig umkehren, steht das Szenario der Abwendung der Europäer von den USA und die Hinwendung an Russland und China gegenüber. Der Markt von Lissabon bis nach Wladiwostok ist riesig und im Vergleich zum US-Markt keineswegs gesättigt. Eurasien ist "die Wirtschaftszone" schlechthin, erschlossen durch die neue Seidenstraße, steht die Einladung an die Westeuropäer schon lange im Raum.

Dass es an Geld fehlen würde, um die in den USA verloren gehenden, bzw. abzuschreibenden Besitzstände auszugleichen und im Osten zu investieren, kann niemand ernsthaft behaupten. Alleine die Deutschen halten 6 Billionen Euro Geldvermögen in einem desaströsen Finanzmarkt und suchen dringend nach rentablen und vor allem sicheren Investitionsmöglichkeiten.

Eine eurasische Wirtschaftszone böte zudem die Chance, die EU ein gutes Stück weit rückabzuwickeln und den Nationalstaaten Freiheit und Souveränitätsrechte zurückzugeben, ohne auf die Freiheit des Handels zwischen den Mitgliedern verzichten zu müssen. Auch für die wegen des BREXITs von der EU gequälten Briten wäre das ein durchaus positives Szenario.

Außerdem - und das zum Nachdenken - wäre die NATO von einem Tag auf den anderen obsolet.

Stellt man sich vor, dass dies zum Plan Trumps gehörte, nicht mehr den Weltpolizisten spielen zu wollen und Amerika wieder groß zu machen, indem er die USA zuerst isoliert, also ein Wirtschaftswunder im Binnenmarkt erzwingt!, der sich zwangsläufig in eine "Soziale Marktwirtschaft" umwandeln müsste, um die Kaufkraft auf die Beine zustellen, um anschließend erst mit Kanada eine nord- später mit Mittel- und Südamerika eine amerikanische Wirtschaftszone zu bilden, dann könnte die Aufkündigung des Iran-Atomabkommens der wichtige Schritt gewesen sein, diesen Prozess mit einem kühnen Spiel über die Bande in Gang zu bringen.

... und sollte die EU doch umkippen und die Sanktionen akzeptieren, dann wäre das auch ein Erfolg. Denn: Alles, was nicht mehr zu guten Preisen an den Iran verkauft werden kann, muss zu weitaus günstigeren Preisen einen anderen Markt finden - und die Strafzölle helfen den US-Haushalt zu finanzieren.

Make America great again!

 

Selbstverständlich, meine sehr verehrten Damen und Herren, darf Ihnen allen schon jetzt recht herzlich gratuliert werden, denn schließlich haben Sie durch Ihre fortgesetzten demokratischen Entscheidungen diese Entwicklung, die jetzt kurz vor dem Ziel steht, ja herbeigeführt - und ich denke, Sie haben sich da durchaus etwas dabei gedacht, sich etwas davon versprochen, was jetzt zum Greifen nahe ist.
 
Sie wollten das alles nicht? Wirklich? Warum kommt es dann jetzt so, wo doch in der Demokratie das Volk - also Sie! - der Souverän ist?
 
Antworten auf diese Frage finden Sie hier:
 
Darin gibt es nicht nur die Zustandsbeschreibung und deren Analyse, sondern auch konstruktive Ansätze, den Karren in letzter Minute noch aus dem Dreck zu ziehen.
 


Florian Stumfall beleuchtet in dem Roman "Tripoli Charlie" das skrupellose Wirken der Hochfinanz in Afrika.
Es wäre naiv, anzunehmen, dass die gleichen Kräfte nicht auch - mit ähnlichen Zielsetzungen, aber angepassten Methoden - in Europa wirken.
 
 
 
 
 
 


 
Teer Sandmann

Golo spaziert
Das Land der sicheren Freiheit

 
 
 
Nichts für Technokraten, Journalisten, Staatsanwälte und Politiker - es sei denn, sie sind Mensch geblieben.


 
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 Egon W. Kreutzer

Egon W. Kreutzer, PortraitAutor und Verleger - mit einem außergewöhnlichen Hang zur Nachhaltigkeit, meint:

Kritik muss weder beschönigen noch verharmlosen, weder heucheln noch trösten, um konstruktiv zu sein.

Wirksame Kritik muss in aller Klarheit und mit der gebotenen Schärfe auf allgemeine Anstrengungen zur Veränderung von Sachverhalten und Umständen abzielen.

Verhaltensänderungen kritisierter Personen sind dafür nicht Bedingung, sondern bestenfalls erfreuliche Folge.