Paukenschlag
am Donnerstag
No. 11 /2018
vom 15. März 2018


Kommentare zum Zeitgeschehen von Egon W. Kreutzer

Druckversion (PDF)
Kommentare lesen schreiben

Druckversion: Sigbert Döring


St. Ionen

Sanktionen sind wieder ganz groß im Kommen. Sind Sanktionen noch Diplomatie - oder handelt es sich dabei schon um die Fortsetzung der Diplomatie mit anderen Mitteln?
 
Selbstverständlich handelt es sich nicht um Einmischung in den Wahlkampf. Das kann es auch gar nicht sein, weil Pution sowieso wiedergewählt wird.
 
Bei Hillary Clinton war das anders. Die sollte auch sowieso gewählt werden - und hätten sich nicht die Russen, auf eine bis heute unbekannte, vollständig im Dunkeln liegende Weise in den US-Präsidentschaftswahlkampf von 2016 eingemischt: Weiß Gott! Sie hätte gewonnen. Sie hätte gewinnen müssen. Wer ruft da nach Beweisen? Ist es nicht Beweis genug, dass Trump das Rennen gemacht hat?
 
Nur wurden Sanktionen gegen 19 Personen und 5 Organisationen verhängt. Vermutlich Einreiseverbote und das Einfrieren von Konten, so genau weiß ich das nicht. Die Süddeutsche berichtet allerdings, es handle sich um die bislang schwersten Sanktionen gegen Russland. Vielleicht wurden die 19 Personen ja in Abwesenheit zum Tode verurteilt? Ich weiß es nicht.
 
Für mich stellt sich sowieso immer wieder die Frage, welche Motivation bestimmte russische Personen haben sollten, in die USA einzureisen, wenn sie nichts anderes im Sinn haben, als Wahlen zu manipulieren und dies zudem auch schon vor rund 18 Monaten erfolgreich vollbracht haben sollten. Da würde ich doch gar keinen Einreiseversuch mehr unternehmen!
 
Geld hätte ich auch keins in den USA. Auf keinem einzigen Konto dort! Wozu denn auch? Wozu braucht ein international gesuchter Wahlfälscher ein Konto bei einer US-Bank?
 
Die Vermutung liegt nahe, dass die US-Administration sich ein paar russische Staatsbürger ausgesucht hat, von denen bekannt ist, dass sie öfters in die USA reisen und dort auch gut gefüllte Bankkonten unterhalten, und von denen man zudem annimmt, sie würden ihren Ärger wegen gewisser Unannehmlicheiten nicht bei den Verursachern sondern beim eigenen Präsidenten suchen und alles daran setzen, ihn zu stürzen.
 
Weitere Sanktionen heißt es aus Washington übrigens, sind in Vorbereitung. Na prima.
 
Noch aufgeregter die Töne aus London. Theresa May, innenpolitisch auf tönernen Füßen stehend, sucht offenbar auch den Feind im Ausland, um die Briten hinter sich zu scharen.
Ohne stichfeste Beweise in der Hand zu haben, wird Russland beschuldigt einen Angriff auf einen Ex-Spion und dessen Tochter verübt zu haben. Ein verdammt kurzes Ultimatum sollte die Russen zwingen, die Sache aufzuklären, und falls nicht: Sanktionen.
 
Ich weiß auch hier nichts. Alle Informationen stammen aus britischen Geheimdienstkreisen. Es kann alles wahr sein, es kann auch alles erlogen sein, es können die Russen gewesen sein, es können aber auch andere gewesen sein.
 
Kurz vor der russischen Präsidentschaftswahl und der Fußball WM in Russland ist die Motivlage für einen Anschlag, mit dem man, nachdem man viele Jahre gewartet hat, auch noch ein paar Monate länger hätte warten können, jedenfalls ziemlich dünn.
 
Natürlich wird jeder Geheimdienstmitarbeiter, der sein Handwerk gelernt hat, wissen, dass gerade eine dünne Motivlage genutzt werden kann, um Anschuldigungen zurückzuweisen. Es ist doch besser, man bringt einen Ex-Doppelagenten um, wenn alle Welt so glaubt, so etwas würden die Russen zu diesem Zeitpunkt nie tun, als damit zu warten, bis alle Welt wieder glaubt, der Zeitpunkt sei genau richtig gewesen.
 
Das lässt sich noch zweimal umdrehen und wird nicht leichter zu durchschauen.
 
Von daher scheint ein Wechsel der Perspektive sinnvoll.
 
Wenn es für Russland günstige und ungünstige Zeitpunkte gibt, die zu nutzen oder nicht zu nutzen jedoch taktischem Kalkül unterliegt und daher nicht berechenbar ist, wie sieht es dann bei den USA, ihren britischen Kriegskumpanen und den übrigen NATO-Staaten aus?
 
Gibt es da ebenfalls günstige und ungünstige Zeitpunkte, um Russland in Misskredit zu bringen, ohne erwischt zu werden?
 
Schon die Frage erheitert. Russland Bashing ist eine Dauerbeschäftigung die in aller Öffentlichkeit betrieben wird. Jeder Zeitpunkt ist günstig, keiner ist ungünstig, aber wenn man Putin richtig ärgern will, dann doch vor der Wahl und vor einem Großereignis wie der Fußball-WM.
 
Kein britischer Minister, kein Mitglied des Königshauses wird zur WM nach Russland fahren!
 
Das ist die Höchststrafe!
 
Das sollen jedenfalls die britischen Fußballfans denken, denen dabei ja gleichzeitig noch die Knie weich werden, wenn sie den Heldenmut und die Disziplin ihrer Eliten bewundern, einem solchen Ereignis aus Gründen der Staatsräson fern zu bleiben.
 
Reduziert man das Gebaren des Westens gegenüber Russland auf das zweifelsfrei Feststellbare, dann bleibt nur eine Erkenntnis übrig: Die Feindbildmaler haben Hochkonjunktur.
 
Dazu passt dann die undurchsichtige Gemengelage in Syrien, wo die direkte Konfrontation zwischen den dort rechtmäßig agierenden russischen und den völkerrechtswidrig dort tätigen US-Militärs jederzeit möglich ist.
 
Es reicht ja, wenn bei den Amis etwas in die Luft fliegt, um mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit davon ausgehen zu dürfen, es habe sich um einen russischen Angriff gehandelt.
Es reicht auch, wenn die Weißhelme auf die Idee kommen, einen neuerlichen Giftgasangriff der syrischen Armee in die Welt zu setzen, und schon marschieren die Franzosen ein. Macron scheint, darauf deutet jedenfalls seine Rethorik hin, ein bisschen Krieg zu brauchen, um seine Position zu festigen, denn sonst könnte er sich ganz ruhig zurücklehnen und erklären: Syrien geht uns gar nichts an.
 
Es ist nicht mehr zu verhehlen: Die Hardliner haben Syrien noch lange nicht aufgegeben. Weder die Aktion der Vernichtung der syrischen Chemiewaffen, noch der Eintritt Russlands in den Kampf gegen den IS und andere Terrorgruppen in Syrien haben sie nachhaltig beeindruckt. Nach wie vor gilt:
 
Assad muss weg! Syrien muss fallen, wie zuvor der Irak und Libyen. Russland muss raus aus Syrien und seine Marinebasis im Mittelmeer aufgeben.
 
Ein Krieg gegen Russland, der sich im syrischen Hoheitsgebiet abspielt, ist vermutlich zu gewinnen, zumal Russland selbst ja nicht angegriffen wird, nur die in Syrien kämpfenden Truppen, die der Befreiung der syrischen Zivilbevölkerung im Wege stehen und einen Diktator und Massenmörder im Amt halten wollen.
 
Außerdem - siehe jetzt aktuell in England - ist ja Putin selbst ein heimtückischer Giftmörder, dem man Grenzen setzen muss.
 
Ich würde mich nicht wundern, wenn es während der Fußball WM zur Eskalation in Syrien kommt und sehe schon die wütenden Schlagzeilen: WM nur Tarnung! Jetzt schlägt Putin erbarmungslos zu. Die freie Welt erhebt sich!
 
Allerdings bin ich nicht scharf darauf, dass sich diese Ahnung bestätigt. Wirklich nicht.
 

Heute erschienen:

Teer Sandmann

Golo spaziert
Das Land der sicheren Freiheit

 
Heute erschienen.
 
Nichts für Technokraten, Journalisten, Staatsanwälte und Politiker - es sei denn, sie sind Mensch geblieben.


Die Zahl.

Aus der Vorlesungsreihe Das Land der sicheren Freiheit.
Eine Veranstaltung der Volkshochschule.

Sehr verehrte Anwesende.

Sucht man nach dem Kern jener Zeit, nach dem, was die freie Welt im Innersten zusammenhielt, so stößt man auf Daten. Auf Rankings, Statistiken, Quoten.

Demokratie und Grundgesetz waren das Gewand, im Innern aber stand die Zahl. Sie maß die Freiheit aus und zeigte sie an. Zeigte, was alle wollten. Was sie gut fanden, was schlecht.

Auf diese Linie richtete sich aus, wer noch freier werden wollte. Und das waren im Grunde alle. Denn alle wollten vorankommen. Im Betrieb, im Amt, im Sport, mit einem Song, einem Roman, einem Film, kurz: mit ihrem Leben. Einen unerhörten Sog bekam so die Freiheit.
Die größere Zahl jedoch bedeutete nicht nur mehr Freiheit, die größere Zahl hatte inhaltlich gewonnen. Weil sie größer war. So ging die Zahl direkt in den Inhalt über. Und deshalb wurde kein Aufwand gescheut, Schäden über Zahlen zu korrigieren. Denn an Schäden dachten die Vertreter der alten Meinungsfreiheit kaum, wenn sie sich das Recht auf eine freie Meinung herausnahmen. Und waren die Zahlenverhältnisse auf der Straße unklar, so wurden Internetseiten eröffnet mit der Funktion, die Meinung auf der Straße zu wenden.

Überwältigende Klickquoten zeigten, wie die Linie wahrhaft verlief. Und stellte man einen Sender an, Fernseher oder Radio, so wurde weiter gerechnet. Angeschrieben war die Sendung vielleicht mit Politik oder Kultur und noch in der Zeit der bloßen Meinungsfreiheit wäre es um Diskussionen gegangen, um lange Sätze. In der sicheren Freiheit aber zählten Zahlen.

Und deshalb wurden in diesen Sendungen, die im Grunde Rechensendungen waren, die 150 oder 15.000 oder 30.000 Demonstranten, die für oder gegen etwas auftraten, verrechnet mit den 80 Millionen, die im Lande wohnten. Und daraus, wie die Journalisten aufzeigen konnten, ergab sich: Die Linie der Freiheit waren 80 Millionen minus die 150 oder 15.000 oder 30.000. Und deshalb zählten die nicht. Nicht sie, nicht ihre kurzen Sätze und erst recht nicht ihre langen, wenn sie solche hatten.

Mehr noch, die Journalisten zeigten durch einfache Zahlenvergleiche auf, wie die 15000 einzustufen waren. Sie wichen nicht bloß ab. Indem sie abwichen, störten sie.

Der so genannte Deutschlandfunk beispielsweise war ein Mustersender, wenn es darum ging, falsche Meinungen an der Linie der Freiheit abprallen zu lassen. Aber auch andere Medien mit ebenso eindrücklichen wie vielsagenden Namen wie Welt und Zeit, Spiegel und Fokus ließen die falschen Meinungen gekonnt an der Freiheit zerschellen. Und weil die Freiheit eine Linie und diese Linie Zahl war, zerschellte die falsche Meinung nicht an einer Gegenmeinung, sondern an der Zahl selbst. Objektiver, meine Damen und Herren, kann kein Scheitern sein.
Gefördert wurde dieser Freiheitsmechanismus durch den Umstand, dass die Störenden selbst zu zählen begannen. So stritten sie sich mit der Polizei über die Größe ihres De-monstrationszuges und wollten aus der von den Staatsorganen stets nach unten korrigierten, von ihnen indes in die Höhe geschraubten Zahl der Demonstranten die inhaltliche Richtigkeit ihrer Anliegen ableiten.

Wir werden immer mehr - so oder ähnlich ließen sie auf den spärlichen ihnen zugetanen Medien verlauten. Mit dem Versuch aber, der Linie eine Gegenlinie entgegenzustellen, stürzten sie sich selbst ins Verderben. Und gerade dieser Umstand, meine Damen und Herren, zeigt einmal mehr, wie schlagkräftig die Freiheit damals war. Es war da niemand, wie zur Zeit der bloßen Meinungsfreiheit noch jemand gewesen wäre, ein Godard etwa, der für niemanden filmte außer für sich selbst, ein Thomas Bernhard, der für niemanden schrieb außer für ein paar Misanthropen, ein Derrida auch, der für niemanden philosophierte außer für verschrobene Geister.

Keiner trat auf und sagte: Mein Argument stimmt, weil der Inhalt es trägt, und es stimmt auch, wenn ich allein es bin, der das erkennt. In der Zeit der sicheren Freiheit nämlich wäre man mit solchen Aussagen, glauben Sie mir, nicht weit gekommen.

Indes, man hätte das auch gar nicht sagen können. Das Medium nämlich, das diese Position verbreitet hätte, gab es nicht. Verschwunden. Unrentabel. Wurde aber doch einmal mit einem Satz auf eine Meinung reagiert und nicht direkt mit der Zahl, so mit digitalisierbaren Kurzsätzen. So sagte ein Politiker nach einer Demonstration zum Beispiel: Der Islam ist Teil des freien Landes. Und ein anderer aber schlug mit dem Satz Der Islam ist nicht Teil des freien Landes dagegen.

Und dann zählte man die Meldungen, die sich hinter dem einen oder dem anderen Satz scharten, und schon stand die Linie. Wer mit dem Argument dagegen hielt, man könne komplexe Themen nicht über Sätze wie x ist Teil von y oder x ist nicht Teil von y abhandeln, der hatte die Zeit nicht begriffen, in der er lebte.

Ich danke Ihnen für die Aufmerksamkeit und bitte denken Sie daran, den Ort möglichst lautlos zu verlassen.


Gewiss, diese Sätze muss man langsam auf sich wirken lassen. Die Tiefe erschließt sich beim Überfliegen oder Querlesen kaum. Wo sie aber ins Bewusstsein eindringen, wecken Sie starke Emotionen.

 
 
 

 
 
 
 
Florian Stumfall
DAS LIMBURG SYNDROM
 
 
 
 
 

 

Ein Beitrag aus der aktiven Mitte



 

Neuerscheinung!

Neuerscheinung!

 

Jetzt bestellen!
Druckfrisch lieferbar

jetzt bestellen



 

Der Weg zum Wohlfühlgewicht
beginnt auf der Waage.

 

Hier
könnten Sie ihn fortsetzen.

Wann denn, wenn nicht jetzt?,
Kurzgeschichten und Essays
mit Scharfblick auf Menschen
der Ersten und Dritten Welt

H. S. Nyaga lebt als Fotografin und
Autorin in Ostafrika.

jetzt bestellen

Autoren - Texte - Manuskript - BoD -
Book on Demand - Verlag - Lektorat - ISBN - Kontakt

Informationen


 Egon W. Kreutzer

Egon W. Kreutzer, PortraitAutor und Verleger - mit einem außergewöhnlichen Hang zur Nachhaltigkeit, meint:

Kritik muss weder beschönigen noch verharmlosen, weder heucheln noch trösten, um konstruktiv zu sein.

Wirksame Kritik muss in aller Klarheit und mit der gebotenen Schärfe auf allgemeine Anstrengungen zur Veränderung von Sachverhalten und Umständen abzielen.

Verhaltensänderungen kritisierter Personen sind dafür nicht Bedingung, sondern bestenfalls erfreuliche Folge.