hierverbirgtsicheingeheimnis


2. Mai 2017

14.00 Uhr Geschrei um die Leitkultur

Auf dem Höhepunkt der Zuwanderungskrise wagte es Thomas de Maiziere eine stärkere Überwachung der Grenzen zu fordern - und wurde von Angela Merkel ausgebremst. So blieb es Horst Seehofer vorbehalten, für eine zumindest optisch sichtbare Sicherung der bayerischen Landesgrenzen zu sorgen.

Die jüngste Forderung de Maizieres nach einer deutschen Leitkultur muss im unmittelbaren Zusammenhang mit den Vorgängen im Herbst 2015 gesehen werden. Der Innenminister spürt eine Verantwortung für den inneren Frieden - und will am Ende wenigstens sagen können, er habe ja die entsprechenden Vorschläge gemacht, als noch Zeit dafür war.

Dass sich nun ein großes Geschrei erhebt, in welchem zu den dümmsten Sprüchen zweifellos gehört, im Grundgesetz sei von einer Leitkultur nicht die Rede, ist ein Indiz für den Zerfall der deutschen Gesellschaft. In der Gebrauchsanweisung für meine Waschmaschine ist auch von einer Leitkultur nicht die Rede, kann ich da nur entgegnen, denn selbst das Grundgesetz ist Ergebnis - und nicht Ursache der (Leit-) Kultur.

Ich schweife scheinbar ein bisschen ab:

Gestern erhielt ich eine interessante Mail von einem Menschen, der nach allgemeinem Sprachgebrauch politisch rechts von der Mitte angesiedelt ist. Er begann mit dieser Argumentation:

... das Denkverbot, dem sich viele freiwillig unterwerfen, auch oft mit der Begründung: Es geht sowieso nicht. Vielleicht hilft der Vergleich mit einem alten Auto:

Sie können es x-mal reparieren, sogar tragende Teile erneuern, es aufhübschen…aber irgendwann kommt der Tag wo sie merken: Es hilft nur noch die Verschrottung und der Neu-Aufbau, die Neu-Produktion.

So sind die Verhältnisse in diesem Land: Da hilft keine Reform, kein Drehen an einzelnen Schrauben, kein Behandeln von Symptomen, es hilft hier nur der radikale (von Radix - die Wurzel des Übels beseitigen….) Wandel in allen Bereichen.

Das möglichst friedlich, ohne Blutvergießen.

Als ich dieses Beispiel las, wurde mir schlagartig der Irrtum klar, der sich hinter der Forderung nach "einem neuen Auto", also einer gänzlich neuen gesellschaftlichen Konstitution verbirgt. Es gibt keinen Markt für Verfassungen, und selbst wenn es den gäbe, könnte nicht eine beliebige Gruppierung eine solche käuflich erwerben und sie dem Rest der Bevölkerung überstülpen. Der Prozess der Erneuerung muss von innen heraus erfolgen, so wie auch der Prozess des Zerfalls von innen heraus erfolgt.

Teile meiner Antwort mache ich dazu gerne öffentlich. Ich schrieb:

Das Problem, das Sie am Beispiel eines alten Autos schildern - und das Auto ist alt und leidet unter vielerlei Defekten und Flickwerk aus vorangegangenen Reparaturen - lässt sich leider mit einem neuen Auto nicht lösen, weil es dieses einfach nicht gibt.

Ein Staat, ein Volk, das sind keine Konsumartikel wie Automobile, sondern im Grunde rein geistige Konstrukte, die zwar eine materielle Grundlage haben, von denen die wesentlichste das Staatsgebiet ist, auf dem sich wiederum das Staatsvolk aufhält, doch nur ein Stück Land mit Menschen drauf ist noch kein Staat.

Es kommt auf "Einigkeit" an, in allererster Linie, Einigkeit über die Werte. Erst wenn die erreicht ist, kann auf dieser Einigung aufbauend Recht gesetzt werden - und erst wenn es Recht gibt, kann es auch Freiheit geben, die diesen Namen verdient.

Mit dem Zerfall der Einigkeit zerfallen zugleich Recht und Freiheit.

Natürlich kann man beklagen, dass von außen vieles getan wird, um die deutsche Einigkeit (etwa ganz anderes als deutsche Einheit!) aufzuweichen, doch letztlich ist dieser Prozess der "Zerstreuung" eine innere Erscheinung.

Um diesen Prozess aufzuhalten oder umzukehren, hilft es nichts, die Frage nach Beamtenausweisen oder vermissten Unterschriften zu stellen. Im Gegenteil, dies führt nur zu einer weiteren Absplitterung, der es jedoch an Kraft fehlt, eigenständig Neues hervorzubringen.

Um diesen Prozess aufzuhalten oder umzukehren, ist es erforderlich, eine neue Wertedebatte zu führen und daraus eine neue Einigkeit zu schöpfen. Es ist dann wirklich gleichgültig, ob es zu einer Renaissance der Werte von 1871 oder von 1949 oder von 1989 kommt, oder ob die deutsche Gesellschaft sich auf eine völlig neue Wertehierarchie einigt.

Ein Volk, das sich einig ist, ein Einwanderungsland zu sein, wird damit ebensogut zurechtkommen, wie ein Volk, dass sich einig ist, jegliche Zuwanderung zu unterbinden. Darum erlebe ich die heutige Zeit mit einer gewissen Spannung, als einen Gärungsprozess mit vielen blubbernden Blasen im Gärballon und bin gespannt, wie am Ende die Reaktion von Zucker und Säure einen neuen, klaren Wein hervorbringen wird.

Wenn rechts und links sich nicht destruktiv bekämpfen, sondern konstruktiv miteinander reagieren, so dass sowohl Säure als auch Süße reduziert (aber nicht vernichtet) werden und sich unter Bildung von Alkohol zu einem Hochgenuss verbinden, der bei fachgerechter Lagerung immer noch an Qualität gewinnt, dann haben wir ein neues Gleichgewicht, ein neues Recht und eine neue Freiheit gewonnen.

In diesem Sinne sollten wir alle daran mitwirken, die Einigkeit herbeizuführen, also versuchen, die eigene Einstellung zu vermitteln, aber auch andere Einstellungen zu begreifen versuchen. Es ist ein Geben und Nehmen. Und das Ergebnis ist kein fauler Kompromiss, kein Kuhhandel, sondern eine völlig neue Qualität, die es vorher nicht gab und an der alle teilhaben können.

Womit ich wieder bei Thomas de Maiziere angekommen bin. Seine Forderung nach einer Leitkultur, zu der er ja nur seine Vorschläge einbringt, ist nicht nur gerechtfertigt, sondern wichtig, weil eine allgemein anerkannte Leitkultur doch nichts anderes ist, als die besagte Einigkeit, jenes geistige Konstrukt, das aus einem Stück Land mit Leuten drauf erst einen Staat, eine Gesellschaft, ein Volk werden lässt.

Statt laut zu kläffen, wir bräuchten keine Leitkultur, sollten sich die Kritiker einfach einmal der Mühe unterziehen, sich die Fragen zu beantworten, was denn so schlecht ist, an der schwarz-rot-goldenen Fahne, was so schlecht ist, an der Nationalhymne, was so schlecht ist, wenn Respekt und Toleranz zu wichtigen Werten erklärt werden, was so schlecht ist an der Ablehnung von Gewalt, und was so schlecht daran ist, das Gesicht zu zeigen, statt "Burka" zu sein?

Dabei handelt es sich bei diesem Vorstoß ja nicht um etwas, das nun in die Welt gesetzt wurde, um die Integration von Zuwanderern zu erleichtern oder zu erschweren, sondern um die weitaus wichtigere, für die Nation absolut entscheidende Frage: "Wer sind wir - und wie wollen wir unser Zusammenleben gestalten?" Erst wenn diese Frage beantwortet ist, lässt sich die Frage nach Art und Umfang und Ziel von "Integration" beantworten.

Dass wir als Deutsche weder einen gemeinsamen Standpunkt finden noch eine gemeinsame Zielrichtung, macht uns doch von vornherein zu Verlierern. (Und! Eine GroKo ist weder ein Standpunkt, noch eine Zielsetzung, sondern nur der Vorhang, hinter dem die nicht mehr existente Mitte und Mehrheit der Bevölkerung schamhaft verborgen wird.)

Über Jahrzehnte sorgte die parlamentarische Demokratie mit ihren meist konservativen Mehrheiten dafür, dass die Vorstellung von Deutschland und einer - unausgesprochen existenten - deutschen Leitkultur einigermaßen stabil geblieben ist - nach innen, wie nach außen. Ich habe diese Weisheit übrigens nicht aus Büchern, sondern aus meinem bewussten Miterleben.

Allerdings kann ich den Zeitpunkt nicht genau bestimmen, von dem an aus einer behutsamen Weiterentwicklung von Werten und Zielen jenes Tohuwobahu von Meinungen und Gruppierungen wurde, in dem eine wahre Mitte und Mehrheit nicht mehr aufzufinden ist.

Ob das schon unter Kohl und mit den Grünen begonnen hat, oder erst unter Schröder und der totalen Öffnung für die Globalisierung, oder ob erst Merkels Grenzöffnung 2015 zu dem Fiasko geführt hat, ist auch ziemlich gleichgültig.

De Maizieres Einstellungen und Politik mögen an vielen anderen Themen durchaus Kritik verdienen. Mit der Forderung nach der Rückkehr zur Einigkeit über die so genannte "Leitkultur" hat er eine wichtige Anregung in die Welt gesetzt, die nur von Ignoranten so einfach vom Tisch gefegt werden kann, wie wir das leider bis in die Reihen der CDU hinein jetzt erleben.

 


 

 

 

 

 

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Egon W. Kreutzer, PortraitAutor und Verleger - mit einem außergewöhnlichen Hang zur Nachhaltigkeit, meint:

Kritik muss weder beschönigen noch verharmlosen, weder heucheln noch trösten, um konstruktiv zu sein.

Wirksame Kritik muss in aller Klarheit und mit der gebotenen Schärfe auf allgemeine Anstrengungen zur Veränderung von Sachverhalten und Umständen abzielen.

Verhaltensänderungen kritisierter Personen sind dafür nicht Bedingung, sondern bestenfalls erfreuliche Folge.


 
 

 

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