hierverbirgtsicheingeheimnis


15. März 2017

13.30 Uhr Erstklässler 1955 - Zweitklässler 2017

Im FOCUS berichtet eine genervte Grundschullehrerin, sie käme mit den Kindern nicht mehr zum Lernen. Klassenstärke: 26 Schüler, davon die Hälfte "verhaltensoriginell". Hier lesen.

Ich erinnere mich an meine ersten Jahre in der Volksschule an der Heubischer Straße in Neustadt bei Coburg.

Wir waren in der ersten Klasse 40 Knaben, so hieß das damals, und hatten natürlich keine Ahnung, dass der Krieg erst seit 10 Jahren vorbei war, dass Lehrer aus unterschiedlichsten Gründen eher Mangelware waren, und saßen also wie die Sardinen in der Dose eingeklemmt jeweils zu zweit in unseren engen Schulmöbeln, die eher an Kirchenbänke erinnerten. Schiefertafel und Griffel, sowie der Putzschwamm für die Schiefertafel waren die Grundausstattung für das erste Lernen.

Es herrschte immer noch flächendeckende Armut. Wir wohnten zu viert, meine Eltern, mein jüngerer Bruder und ich auf 35 Quadratmetern, wovon ungefähr die Hälfte Küche, die andere Hälfte ein Mix aus (überwiegend) Schlafzimmer und guter Stube war. Die Toilette auf dem Gang teilten wir uns mit der anderen Mietpartei auf der Etage. Mein Vater arbeitete im Siemens Kabelwerk im Schichtdienst mit 48 Wochenstunden und dazu noch einmal fast ebenso viel im Zweitjob in seinem erlernten Beruf als Maler. Meine Mutter füllte die Küche mit den Untensilien und Produkten ihrer Heimarbeit.

Gekocht wurde auf einem Kohleherd. In den Familien meiner Mitschüler sah es überall so ähnlich aus, bis auf zwei Ausnahmen, einer war der Sohn eines Schreiners, der schon wieder viel zu tun hatte, der andere stammte aus einer Pappstanzerei und Kartonagenfabrik, die auch gut zu tun hatte - dort habe ich zum ersten Mal "Kino" erlebt, Schmalfilmaufnahmen, schwarz-weiß.

Alle Schüler der ersten Klasse verhielten sich im Unterricht vorbildlich. Die Lernerfolge waren bei den allermeisten gut, bei ungefähr einem Viertel sogar sehr gut. Ich erinnere mich nur an zwei, die wirklich Schwierigkeiten hatten, dem Stoff zu folgen, aber bei keinem war die Versetzung gefährdet.

Unsere Eltern fürchteten sich (!) vor der Schande, ein Kind zu haben, das in der Schule nicht mitkommt - und zum Spielen ging es erst, wenn nach dem Mittagessen die Hausaufgaben vollständig erledigt waren. Und wenn ich meine Tafel bei den Schönschreib-Übungen nicht schön genug vollgemalt hatte, dann wurde mir von meiner Mutter schon auch mal alles wieder ausgewischt und ich durfte noch einmal von vorne beginnen.

Nach den Hausaufgaben ging es bei schönem Wetter auf die Straße. Man fand andere Kinder, traf sich an einem großen Sandkasten, oder zog einfach (auch ohne Mutter) um die Häuser, oft dann auch hinauf an den Waldrand unseres Hausbergs (Muppberg).

Bei schlechtem Wetter spielten wir - ohne das, was man heute Spielsachen nennt. Ich erinnere mich an einen großen, schweren Magneten vom Lautsprecher eines ausgeschlachteten Radios. Es waren sonderbare Entdeckungen zu machen, mit diesem Ding und auf der Straße gefundenen Schrauben und anderen Eisenteilen.

Und dann gab es so um fünf herum das Abendessen - danach ging's ins Bett. Ohne großes Lamento. Um 18.00 Uhr war Schluss. Täglich. So ab der dritten Klasse durfte ich dann schon mal bis sieben Uhr aufbleiben.

Wenn ich den wesentlichen Unterschied zwischen damals und heute benennen sollte, dann ist das nicht leicht, aber ich würde mich für den "Respekt" entscheiden.

Wir hatten damals Respekt vor allen Erwachsenen. Erwachsene waren Erwachsene, Kinder waren Kinder. Erwachsene hatten das Sagen und Erwachsene hatten Recht. Noch mehr Respekt hatten wir vor unserem Lehrer (später vor unseren Lehrern), denn auch die Erwachsenen hatten Respekt vor den Lehrern. Was der Lehrer ins Heft schrieb oder an den wenigen Elternabenden sagte, war richtig. Was die Kinder dagegen vorbrachten, war vielleicht auch richtig, aber nicht relevant. Unsere Aufgabe war es, zu lernen. Und genau das war uns klar. Das hatten wir verinnerlicht. Alles andere hatte eine weit, weit geringere Priorität. Denn es stand auch die Drohung im Raum: "Wenn Du nicht lernst, wirst Du einmal Straßenkehrer!" - und wir sahen die Straßenkehrer, mit einer Handkarre und Besen im Dreck arbeiten, und wussten, das sollte nicht unser Beruf werden.

An nächster Stelle der wichtigen Unterschiede sehe ich dann die Tatsache, dass unser Medienkonsum sich darauf beschränkte, dass uns am Abend, vor dem Schlafengehen, ein Märchen erzählt oder eine Geschichte aus einem Märchenbuch vorgelesen wurde. Die meisten Geschichten hatten wir schon oft gehört. Der Schulstoff war dagegen neu und aufregend! Selbst die Buchstaben entdecken zu dürfen, irgendwann selbst lesen zu können, das war Motivation, die auch durch Schönschreibpflicht nicht getrübt wurde. Jeder Buchstabe bekam davon seinen Wert.

Wir kamen also munter und ausgeschlafen in die Schule. Waren aufnahmebereit und aufnahmewillig. Natürlich kamen wir alle alleine und zu Fuß in die Schule. Ich hatte Glück, mein Schulweg war damals keine 100 Meter lang, andere hatten einen oder anderthalb Kilometer Fußweg hinter sich. Alle erschienen pünktlich zum Unterricht. Zuspätkommen gab es nicht. Wer fehlte, der war krank.

Es gab in dieser Zeit auch noch den Rohrstock. Er war das einzige wichtige Disziplinierungsinstrument. Einen Eintrag oder gar einen Verweis - so etwas gab es nicht, brauchte es nicht. Der Rohrstock kam in der Rangreihe nach der verbalen Rüge, die schon auch mal sehr derb ausfallen konnte, aber weit vor dem Gespräch mit den Eltern. Denn wenn der Lehrer sich mit Eltern über deren Kinder unterhalten musste, dann war das die schlimmere Strafe. Nicht, weil die Eltern auch geprügelt hätten, sondern ganz alleine deshalb, weil das, was in der Schule geschah, letztlich nur in Form halbjährlicher Zeugnisse aus der Schule hinausdrang. Man konnte sich da schon mal ein "Vergehen" leisten, aber das sollte dann doch, samt Bestrafung, "unter uns" bleiben.

Ja, die Klasse, samt dem Lehrer, das war - bei allem Respekt - eine zusammengehörige Gemeinschaft. Wir waren miteinander damit beschäftigt, den Stoff aufzunehmen, zu begreifen, zu verstehen. Der Einsatz des Rohrstocks - er kam ja nun wirklich nicht täglich, auch nicht jede Woche, zum Einsatz - wurde von der Klasse akzeptiert. So, wie wir wussten, dass man sich die Finger verbrennt, wenn man die heiße Herdplatte anfasst, dass man sich das Knie aufschlägt, wenn man stolpert und hinfällt, wussten wir auch, dass uns der Hintern versohlt wird, wenn wir dem Lehrer gegenüber respektlos sind. Es gab da auch keine Klagen und Beschwerden. Es war auch nicht das, was heute so gerne daraus gemacht wird, nämlich eine lebenslang wirksame, die Psyche verbiegende Demütigung. Überhaupt nicht. Es war eine wohlbekannte Konsequenz, die den traf, der erwischt wurde. Nach kurzer Zeit, allerspätestens am nächsten Tag waren die direkten Wirkungen der Strafe vorbei - aber natürlich waren sie nicht vergessen, was doch bei vielen zu sehr viel länger anhaltenden Verhaltensänderungen führte.

Wenn heute in einer sehr viel kleineren Klasse im zweiten Schuljahr kein vernünftiger Unterricht erteilt werden kann, weil die Hälfte der Schüler "verhaltensoriginell" ist, dann sollte man erst einmal dieses unsägliche Wort "verhaltensoriginell" aus dem Sprachschatz streichen.

Stattdessen fallen mir die Begriffe "frech", "ungezogen", "unaufmerksam" und "desinteressiert" ein, summarisch vielleicht auch "Rotzlöffel" oder "Saubande".

Was macht man mit solchen Kindern, die selbst in keiner Weise lernbereit sind und durch ihr destruktives Verhalten auch den Lernerfolg der anderen verhindern?

Ich würde sie isolieren. Schulpflicht ja. Für jede Jahrgangsstufe einen Raum, spärlich möbliert, auch ein paar Spielsachen drin, und ein kräftiger Mann als Aufsicht, der zu verhindern hat, dass es bei Schlägereien unter "Verhaltensoriginellen" Schwerverletzte gibt. Bei der ersten Störung im Unterricht werden die störenden Schüler für den Rest des Tages in diesen Raum verwiesen. Gehen sie nicht freiwillig, womit heute leider zu rechnen ist, holt sie die Aufsichtsperson gewaltsam ab. Warum denn nicht?

Am nächsten Tag können sie es wieder in der Klasse versuchen.

Sollte dann eine Mutter mit dem SUV vorfahren und sich über die ungerechte Behandlung ihres Kindes beschweren wollen, wird sie erst angehört, wenn sie einen ganzen Vormittag im Isolierraum der Jahrgangsstufe ihres Kindes verbracht hat, falls sie sich dann immer noch beschweren will.

Lehrplan und Lehrfortschritt orientieren sich dabei stets an der besseren Hälfte der Schüler - und ausschließlich an der. Wer am Ende des Jahre nicht versetzt wird, weil er zu viel Unterricht verpasst hat, darf einmal wiederholen. Beim zweiten Mal winkt entweder das von den Eltern finanzierte Internat - oder, wie es damals hieß, die Hilfsschule, wobei ich sehr dafür bin, dass dieser Begriff endlich wieder eingeführt wird.

"Förderschule", wie diese Einrichtung heute genannt wird, ist auch ein unsäglicher, irreführender Begriff. Gefördert werden sollten diejenigen, die besonders gut sind, wirklich hochintelligente Schüler. Jenen, die es alleine nicht auf die Reihe bringen, kann allenfalls geholfen werden, vielleicht den Anschluss zu finden.

Wenn sich Eltern und Erzieher unreifen Rotzlöffeln als verständnisvolle Weicheier präsentieren, dürfen sie nicht erwarten, dass sie von diesen Kindern als Respektspersonen ernstgenommen werden.

Wer Kindern niemals Respekt (nicht nur vor Erwachsenen, Lehrern, Erbtanten!) beibringt, ihnen also niemals Verhaltensgrenzen aufzeigt und diese konsequent durchsetzt, darf nicht erwarten, dass diese ein paar Jahre später, als junge Erwachsene, mit den Begriffen "Rechtsstaat" und "Eigenverantwortung" etwas anzufangen wissen. Sie werden ihre Verantwortung an den Eutern des Sozialstaates abgeben und sich, wenn die Quelle versiegen sollte, ebenso radikalisieren, wie sie es im Klassenzimmer eingeübt haben.

Solange "Konsequenz" in der Erziehung verpönt bleibt, solange Lehrer bestraft werden, weil sie der Saubande, die sich nicht unterrichten lässt, die Noten ins Zeugnis schreiben, die den Leistungen entsprechen, solange die Anforderungen heruntergeschraubt werden, bis beim Springreiten auch das letzte Hindernis vom Parcour entfernt ist, solange werden wir ein Schulsystem haben, dessen Wirkungsgrad, bezogen auf die hineingegebenen Mittel, bei höchstens 10 Prozent liegt.

Lehrer brauchen ein wirksames Disziplinierungsmittel, mit dem sie sich Respekt verschaffen können. Wer einer Klasse so wehrlos gegenübertreten muss wie eine Weinbergschnecke einer Schar hungriger Enten, ist von den Schülern zur Schnecke gemacht, bevor die erste Unterrichtsstunde begonnen hat.

Und wenn sich die Kultusminister auf ein wirksames Disziplinierungsmittel nicht einigen können, dann sollte die Schulpflicht aufgehoben und durch ein Recht auf Schulbildung ersetzt werden. Ein Recht, das derjenige verwirkt, der in erheblichem Maße dazu beiträgt, den Unterricht und den Lernerfolg seiner Mitschüler zu erschweren. Warum denn nicht?

 

Schaukeln, nicht Verschaukeln lassen!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 
 
 
 
 

Es geht auch anders.

Ein Buch, das sich der Frage annimmt, in welcher Welt wir eigentlich leben - und warum.

 

Aus dem Blickwinkel einer Frau, die ihre komfortable österreichische Heimat verlassen hat, um im Norden Kenias auf eigene Faust Entwicklungshilfe zu leisten, wird zumindest klar, dass wir nicht in einer, sondern in zwei Welten leben, was in Nyagas Geschichten bisweilen zu bizarren Überraschungen führt.

 

 

Heide S. Nyaga, Wann denn, wenn nicht jetzt?

 

(Würde ich auch empfehlen, wenn es woanders erschienen wäre.)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Bücherstube


 

Der Weg zum Wohlfühlgewicht
beginnt auf der Waage.

 

Hier
könnten Sie ihn fortsetzen.


 Priester Messident

Sprachverwirrung
Babel, babbel, brabbel

NEU am 31.01.206

- Hier -

,


 Egon W. Kreutzer

Egon W. Kreutzer, PortraitAutor und Verleger - mit einem außergewöhnlichen Hang zur Nachhaltigkeit, meint:

Kritik muss weder beschönigen noch verharmlosen, weder heucheln noch trösten, um konstruktiv zu sein.

Wirksame Kritik muss in aller Klarheit und mit der gebotenen Schärfe auf allgemeine Anstrengungen zur Veränderung von Sachverhalten und Umständen abzielen.

Verhaltensänderungen kritisierter Personen sind dafür nicht Bedingung, sondern bestenfalls erfreuliche Folge.


 
 

 

-Suchmaschinenoptimierung mit Ranking-Hits -