Paukenschlag
am Donnerstag
No. 31 /2017
vom 21. September 2017


Kommentare zum Zeitgeschehen von Egon W. Kreutzer

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Druckversion: Sigbert Döring


Der letzte Paukenschlag vor der Wahl

Denkanstöße für Unentschlossene

 

Ich halte mich selbst für einen ziemlich aufmerksamen Beobachter, weiß allerdings auch, dass es für einen einzelnen Menschen unmöglich ist, alle relevanten Informationen für eine komplexe Entscheidung, selbst wenn sie ihm zugänglich wären, überhaupt aufnehmen, geschweige denn verarbeiten zu können. Nun sind aber nicht alle relevanten Informationen zugänglich, ein Teil davon wird sogar gezielt geheim gehalten, was eine rein faktenbasierte Entscheidungsfindung bereits ziemlich unmöglich macht. Wie hilft sich der Mensch in solchen Situationen, um überhaupt weiterzukommen?

Richtig: Er aggregiert und komprimiert, vereinfacht und gewichtet, bis die reale Faktenlage durch eine kleine Zahl symbolischer Abstraktionen vollständig ersetzt ist.

So hat es sich in unserer hochkomplexen Demokratie als unausweichlich herausgestellt, dass der Wähler, vor die schwierige Entscheidung gestellt, die Partei zu wählen, deren Absichten sich mit seinen Absichten so weit als möglich decken, seine Entscheidungsbasis auf das eindampft, was er über ihre Führungsfiguren zu wissen glaubt.

Dabei ist selbst das, was er zu wissen glaubt, nicht mehr als die (meist nur dunkle) Erinnerung an wenige herausragende Handlungen oder Absichtserklärungen, und zwar wiederum nur so, wie sie ihm über die Medien vermittelt wurden.

Die Zahl derjenigen, die bei den maßgeblichen Politikern ein- und ausgehen, die mit ihnen diskutieren und Absichten ausloten, bzw. zu beeinflussen versuchen, die also wirklich eine begründete Wahl treffen können, ist so verschwindend klein, dass deren Wahlentscheidung auf den Wahlausgang weniger Einfluss hat, als die unvermeidlichen, unabsichtlichen Fehler bei der Auszählung in den Wahllokalen.

Der große - wahlentscheidende - Rest weiß fast nichts und ahnt sehr wenig.

Deshalb sind die Wahlentscheidungen der allermeisten Wähler rein emotionale Entscheidungen. Diese lassen sich in vier Hauptkategorien unterscheiden, nämlich:

        • Sympathie und Antipathie,
        • Zufriedenheit und Enttäuschung,
        • Hoffnung und Verzweiflung,
        • Begeisterung und Wut.

Am problematischsten sind Wahlentscheidungen, die auf der Basis von Sympathie oder Antipathie getroffen werden.

Anders als "im richtigen Leben" hat der Wähler nämlich keine Chance, den Bewerber seiner Wahl so kennenzulernen, wie er ist, und damit echte Sympathie oder Antipathie verspüren zu können.
Heerscharen von Beratern, Redenschreibern und Stylisten sorgen dafür, dass der eigene Kandidat auf ein möglichst breites Publikum - sogar bei den Stammwählern anderer Parteien - sympathisch wirkt, während auf der anderen Seite alles getan wird, um die Kandidaten anderer Parteien unsympathisch erscheinen zu lassen. Das beginnt mit der "Würdigung" in der eigenen Propaganda und setzt sich häufig in der Berichterstattung der Medien, auch in der Auswahl der Bilder und Reden-Ausschnitte fort.
Die so "abgebildeten" Figuren sprechen Gefühle an, die sie in der Realität so nicht auslösen würden. Die Gefahr, sich für oder gegen einen kunstvoll aufgeblasenen Popanz zu entscheiden, ist hoch.

 

Begeisterung und Wut sind eine andere Qualität.

Begeisterung ist eine übersteigerte Sympathie. Die Partei und ihr Kandidat werden verehrt und gegen jeden verteidigt, der auch nur einen Hauch von Kritik äußert. Echte Begeisterung findet sich vor allem bei den noch jungen Mitgliedern einer Partei für ihre Partei und deren Kandidaten.

Wut ist die Folge übersteigerter Antipathie oder persönlich empfundener Zurücksetzungen. Wut richtet sich gegen die Partei und die Figur, die man auf keinen Fall wählen wird. Alle, bloß nicht die, jeden, bloß nicht den, ist eine Haltung totaler Ablehnung, in welcher das Abwägen von Vor- und Nachteilen keine Rolle mehr spielt.
Wut macht blind. Und so verleitet die Wut dazu, blind etwas zu wählen, ohne wirklich zu wissen was, nur um dem Auslöser der Wut zu schaden, selbst, wenn man sich dabei ins eigene Fleisch schneidet.

 

Zufriedenheit und Enttäuschung sind die zuverlässigsten Gefühle, wenn es um eine Wahlentscheidung geht.

Zufriedenheit, woran sie auch immer festgemacht wird, heißt, dass der Einfluss der bisherigen Politik sich auf das eigene Leben positiv ausgewirkt hat. Die Partei, der die Zufriedenheit zugeschrieben wird, kann man also wählen oder wiederwählen - die Unzufriedenheit anderer ist deren Problem. Wahlen sollen ja nicht zu einer Politik führen, die auch noch den letzten Nörgler zufriedenstellt.
Wahlen sollen klar und deutlich erkennen lassen, was die Mehrheit für sich wünscht und welche Ziele und Absichten die Minderheit verfolgt. Das Parlament ist dann der Ort, an dem versucht werden kann, zwischen beiden einen Ausgleich zu finden - nicht die Wahlkabine.

Enttäuschungen haben in der Regel einen Namen, d.h., die Enttäuschung hat eine konkrete Ursache. Was auch immer eine Partei "falsch" oder trotz Versprechen nicht gemacht hat, es hat mich enttäuscht und gibt Anlass zum Nachdenken. Dies eröffnet mehrere Möglichkeiten. Entweder, der Grund für die Enttäuschung lässt sich nachvollziehen, weil z.B. die Umstände nichts anderes zugelassen haben. Oder, die Enttäuschung ist zwar da, doch wiegt sie nicht so schwer, dass deswegen die Wahl dieser Partei für mich ausgeschlossen wäre, weil ich ihr insgesamt - in meinem Sinne - gute Absichten unterstelle.
Letztlich kann die Enttäuschung aber auch so schwerwiegend sein, dass ich mich von dieser Partei abwende und versuche herauszufinden, wo meine Stimme besser aufgehoben sein könnte.

Hoffnung und Verzweiflung sind schlechte Ratgeber.

Hoffnung heißt ja, in eine Partei oder eine Person etwas hineinzuinterpretieren, wovon ich keineswegs überzeugt bin, etwas, was die Partei oder Person ggfs. noch nicht einmal angekündigt hat. Hoffnung ist oft auch nur die Verdrängung einer Enttäuschung. Hoffnung ist oft auch nur die Entschuldigung für das eigene Wahlverhalten bei der letzten Wahl. Hoffnung ist ein Kennzeichen entscheidungsschwacher Menschen.

Verzweiflung und Hoffnung sind sich sehr ähnlich. Wer eine Partei aus Verzweiflung wählt, weil er sie unter den großen Übeln für das kleinere hält, letztlich aber nicht glaubt, dass sich tatsächlich etwas bessert, trifft zwar eine Entscheidung, aber nicht aus Überzeugung, sondern aus Verlegenheit.


Sollten Sie zu jenen gehören, die sich immer noch nicht entscheiden konnten, wo sie am Sonntag ihre beiden Kreuze machen werden, wenn also ziemlich sicher ist, dass sie mit der amtierenden Regierung nicht zufrieden sind, sollten sie sich von allen übrigen Gefühlen - Sympathie/Antipathie - Hoffnung/Verzweiflung - Begeisterung/Wut - freimachen und sich nüchtern und sachlich auf die Ursache(n) Ihrer Enttäuschung konzentrieren.

Wenn Sie dabei zu dem Schluss kommen, dass die Enttäuschung schwerwiegend war und zudem nicht durch besondere Umstände entschuldigt werden kann (Hier hilft die Frage: Wie hätte ich es anders gemacht?), stehen Sie vor der Entscheidung eine Partei zu wählen, die an der Enttäuschung nicht beteiligt war, die das Handeln, das zur Enttäuschung führte, auch nicht gutgeheißen hat, sondern die einen anderen Vorschlag macht, den Sie für sinnvoll und machbar halten, und deren sonstige Politik Sie, soweit sie Ihnen bekannt ist, auch mittragen können.
Auch dieses besonnene Vorgehen schützt nicht vor einer Fehlentscheidung und ggfs. unangenehmen Überraschungen. Doch so, wie es aussieht, wird Angela Merkel auch vom neuen Bundestag zur Kanzlerin gewählt werden. Ein radikaler Wechsel in der Staatsführung ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen. Das Risiko, einen irreversiblen Schaden anzurichten, ist folglich sehr klein.

Doch trotz des kleinen Risikos sind die Chancen, dass sich die Politik in Ihrem Sinne ändert, ziemlich groß, denn:

Jede Stimme, die nicht an die CDU oder (in Bayern) an die CSU geht, kann die Machtverhältnisse im Bundestag verändern. Der Wahlausgang kann die Fortsetzung der GroKo ermöglichen, er kann allerdings auch andere Koalitionen ermöglichen.

Vor allem aber kann die Wahl dazu beitragen, dass es im Deutschen Bundestag wieder eine Opposition gibt, die den Namen verdient.

Das bedeutet, selbst wenn Ihre Enttäuschung nicht so groß war, dass Sie deswegen eine andere Wahl treffen würden:

Mit einer anderen Wahl können Sie die nächste Regierung (unter gleicher Leitung) jedenfalls auf Ihre Enttäuschung, unter Umständen sogar deutlich auf die Ursache Ihrer Enttäuschung hinweisen.

…und, glauben Sie mir, die Union wird ihre Politik so weit ändern, dass sie begründete Hoffnung hat, die Abtrünnigen bei der nächsten Wahl wieder einzufangen.

 

Was Sie auf keinen Fall tun sollten:
Ihre Stimme nicht abgeben.

Es zählen nur die gültig abgegebenen Stimmen. Die Wahlbeteiligung wird zwar erwähnt, aber sie hat für die Sitzverteilung keine Wirkung.
Nichtwähler geben ihre Stimmen faktisch anteilig jenen Parteien, die in den Bundestag einziehen. So wie die Demoskopen die Lage jetzt einschätzen, heißt das, dass jeder Nichtwähler mit etwa einem Drittel seiner Stimme für die Union und damit für Angela Merkel stimmt. Das muss man sich klar machen und für gut halten. Mit immer noch einem Fünftel seiner Stimme entscheidet sich der Nichtwähler für die SPD und Martin Schulz - und damit trägt jeder Nichtwähler mit seiner nicht abgegebenen Stimme direkt zur Fortsetzung der GroKo bei!

Sie wüssten schon, wen Sie wählen würden, doch die Partei bleibt garantiert an der 5%-Hürde hängen?

Wählen Sie trotzdem!

Natürlich wünscht sich jeder, dass die Partei, die ihm gefällt, auch in den Bundestag einzieht. Aber nicht zu wählen, weil die 5%-Hürde zu hoch liegt, ist ebenfalls falsch und - auch das gilt es zu bedenken - zumindest verschenktes Geld!

Sie erinnern sich: Es gibt so etwas wie eine Wahlkampfkostenentschädigung. Das heißt, das Parlament genehmigt sich einen großen Topf, aus dem nach der Wahl für jede erhaltene Stimme ein gewisser Betrag an die Parteien ausgezahlt wird. Dieser Segen geht auch an die kleinen Parteien, die an der 5%-Hürde scheitern! Sie machen also, wenn Sie wählen, aus Ihren schon gezahlten Steuern nachträglich noch eine gezielte Parteispende für Ihre Lieblingspartei.


Wahrscheinlich werden viele, die diesen Text noch vor der Wahl lesen, ihre Entscheidung längst getroffen haben. Ich will Sie davon nicht abbringen.

Allerdings kann ich mir gut vorstellen, dass es auch in Ihrem Umfeld Menschen gibt, die immer noch nicht wissen, was sie diesmal wählen sollen.

Vielleicht können Sie denen mit den hier vorgestellten Argumenten ja kurz vor dem Wahlsonntag noch helfen, ihre Wahlentscheidung zu treffen, ohne mit Bauchschmerzen ein Kreuz zu malen, oder gar nicht wählen zu gehen.

 

Wenn die Demokratie auch schwer gelitten hat:
Wahlen sind das letzte gewaltfreie Mittel,
das wir noch haben, um Einfluss zu nehmen.
Mag dieser Einfluss auch noch so gering erscheinen,
wir sollten nicht darauf verzichten.

Einen schönen Sonntag!
Egon W. Kreutzer

 

 


 

Kommentare zu diesem Paukenschlag

 

 


 

 

Natürlich kann man einfach nur abwarten, ob sich "das" nicht irgendwann von alleine erledigt. Die meisten Menschen verhalten sich so - und viele davon fahren sogar gut damit. Engagement ist nicht immer nur ein Zuckerschlecken, man stößt auf Widerstände, wird immer wieder frustriert, das kann man sich, zurückgezogen ins Schneckenhaus, durchaus ersparen.

Wo aber wäre die Welt, wenn es nicht auch jene gäbe, die den Kampf aufnehmen? Man muss dazu nicht brennende Barrikaden besteigen. Oft genügt es, einfach nur im richtigen Augenblick das Richtige zu tun. Lassen Sie sich von Heide S. Nyagas Buch inspirieren:

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 Egon W. Kreutzer

Egon W. Kreutzer, PortraitAutor und Verleger - mit einem außergewöhnlichen Hang zur Nachhaltigkeit, meint:

Kritik muss weder beschönigen noch verharmlosen, weder heucheln noch trösten, um konstruktiv zu sein.

Wirksame Kritik muss in aller Klarheit und mit der gebotenen Schärfe auf allgemeine Anstrengungen zur Veränderung von Sachverhalten und Umständen abzielen.

Verhaltensänderungen kritisierter Personen sind dafür nicht Bedingung, sondern bestenfalls erfreuliche Folge.