Paukenschlag
am Donnerstag
No. 16 /2017
vom 27. April 2017


Kommentare zum Zeitgeschehen von Egon W. Kreutzer

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Druckversion: Sigbert Döring


Der unrühmliche Abgang des Generals

Walter Spindler, *1954, General der Bundeswehr, wurde kurz vor Erreichen des Ruhestandes seines Amtes enthoben.

Walter Spindler hat weder geheime Aufmarschpläne der NATO an den Feind verraten, noch hat er versucht, Bundeswehrgerät an internationale Waffenhändler zu verschieben.

Er hat nur seinen Dienst versehen und dabei militärische Gepflogenheiten und Bräuche so bewertet, wie sie es verdienen: Als unvermeidliche und letztlich dem Ausbildungsziel dienliche Geschehnisse, bei denen man, solange sie nicht total aufufern, beide Augen geschlossen halten sollte.

Nun heißt es aus dem Bendlerblock, er habe sich nicht genug eingesetzt, um "Vorgänge" und "Übergriffe" aufzuklären, und müsse deshalb gehen.

Reden wir Tacheles, Frau von der Leyen.

Mit der Entscheidung, den Chefausbilder des Heeres zu suspendieren, weil er zu lasch ermittelt habe, machen Sie es sich zu leicht. Die Begründung für diese Entscheidung erscheint mir viel zu einfach, um wahr sein zu können. Obwohl sie natürlich auch gut ins Konzept passt und ein schönes Bild von der Truppe zeichnen soll.

Die kriegsführende Truppe soll nach außen so sauber und rein wie ein Nonnenstift erscheinen: Soldat ist ein Beruf wie jeder andere, mit geregelten Arbeitszeiten und allem Komfort, der den Nichtdienenden, draußen, vor dem Kasernentor, auch zur Verfügung steht, abgesehen davon, dass dem Soldaten halt einige Grundrechte abhanden kommen, aber das interessiert ja niemanden.

Dieser schöne Schein hat zwei Vorteile. Erstens wird die gutgläubige Bevölkerung in der Sicherheit gewiegt, dass die Soldaten der Bundeswehr ja schließlich auch Menschen sind und von diesen daher - im Ausland, wie im Inland - nur humanitäre Aktionen ausgehen können, niemals aber die Gräuel des Krieges, was die Zustimmung zu Militäreinsätzen zweifellos erhöht. Zweitens wird jungen Männern (und Frauen), die nach einer Aufgabe suchen, die Angst genommen, es könnte ihnen beim Bund etwas widerfahren, was sie physisch wie psychisch an den Rand ihrer persönlichen Leistungsfähigkeit, bzw. ihres Leidensvermögens führen könnte.

Bitte widersprechen Sie, wenn Sie andere Überzeugungen hegen.
Für mich steht fest:

  • Die Bundeswehr ist, wie jede andere Armee der Welt, dazu geschaffen, im Bedarfsfall, zu kämpfen.
  • Kämpfen bedeutet dabei: Kriegsmaterial des Gegners zu zerstören oder unwirksam zu machen, und dabei gegnerische Soldaten (und, wenn erforderlich oder unvermeidlich, auch Zivilisten) zu verwunden und zu töten.
  • Für diesen Auftrag stehen den Soldaten der Bundeswehr einfache Handfeuerwaffen ebenso zur Verfügung, wie tonnenschwere Kampfpanzer, Kriegsschiffe, Kampfflugzeuge, sowie ggfs. auch die Fähigkeit, die in Deutschland lagernden Atomwaffen der USA ins Ziel zu bringen.
  • Krieg ist also kein Schulausflug, sondern eine Abfolgen von Schlachten unterschiedlichen Ausgangs, wobei der Wortstamm "schlachten" überdeutlich macht, worum es dabei hauptsächlich geht.
Für mich steht weiterhin fest:
  • Der Mensch als Mitglied der Familie der Säugetiere verfügt über eine genetisch festgelegte Tötungshemmung gegenüber seinen Artgenossen.
  • Diese Tötungshemmung ist für Soldaten aller Waffengattungen kontraproduktiv, würde sie doch jede Form von "Schlachten" sicher verhindern.
  • Einzelne Exemplare der Gattung Mensch verfügen nicht über diese Tötungshemmung, sondern können aus dem Mord an Artgenossen sogar einen gewisen Lustgewinn erzielen. Diese nennt man gemeinhin Massenmörder oder gefährliche Sadisten und steckt sie, wann immer möglich, zur Verwahrung in geschlossene psychiatrische Anstalten. Sie stehen einer Armee also üblicherweise nicht in ausreichender Zahl zur Verfügung.
  • Die große Mehrheit der Soldaten muss daher im Rahmen der Ausbildung zu Tötungsgesellen oder Tötungsmeistern dazu gebracht werden, diese angeborene Tötungshemmung zu verlieren oder doch zumindest bei Bedarf überwinden zu können.
  • Dafür gibt es zwei Konzepte, die parallel angewendet werden: Gewöhnung und Hass.
  • Gewöhnung (oder Abstumpfung) geschieht durch das immer neue Üben aller zur erfolgreichen Tötung erforderlichen Abläufe und Handgriffe, wobei nur selten vergessen wird, einen imaginären Feind in den Raum zu stellen, der jeden Fehler, jede Verzögerung mitleidslos bestrafen wird. Dabei verwischen die Grenzen zwischen dem Feind und dem Ausbilder (Schleifer), der unentwegt "schneller, schneller!" brüllt und den Drill solange wiederholt, bis die Abläufe aufgrund der Ermüdung gar nicht mehr hinterfragt werden können, sondern vollautomatisch bis an den Punkt führen, an dem die Granate den Lauf in Richtung feindliche Linien verlassen hat. Diese Handlungsweisen lassen sich dann auf Befehl nahezu beliebig wieder abrufen.
  • Hass macht aber erst richtig blind. Auch der absolut mechanisch abrufbare Vorgang zum Abfeuern einer Waffe kann vom Soldaten abgebrochen werden, wenn ihm für einen Augenblick klar wird, dass sein nächster Handgriff den Tod einer ganzen Reihe von Menschen, von Söhnen, Vätern, Geliebten, Studenten, vielleicht auch Frauen und Kindern führen wird. Ohne Hass auf den Feind könnte die entscheidende Schlacht verloren gehen. Also wird Hass auf Vorrat produziert. Dieser Hass richtet sich grundsätzlich zuerst gegen die Ausbilder und deren vermeintlich schikanöses Handeln. Doch diesen gelingt es, den Hass von sich abzulenken und ihm andere Projektionsflächen zu bieten. Im Krieg ist es der Gegner, der den Ausbilder, bzw. dann den Vorgesetzten, dazu zwingt, vom Soldaten per Befehl Unmenschliches zu verlangen. Nicht der Vorgesetzte, nicht der kriegsführende Präsident oder Kanzler verlangen dem Soldaten unmenschliche Handlungen ab, sondern der Feind. Deshalb wird der Feind eliminiert, in der trügerischen Hoffnung, danach endlich selbst wieder Mensch sein zu dürfen.
    Im Frieden, wo der Hass einstudiert und ebenfalls auf Vorrat angehäuft wird, damit die Soldaten den Hass gewöhnt sind, wenn es ernst werden sollte, kann man zum Abreagieren nicht einfach mal auf eigene Faust mit dem Panzer nach Russland karriolen, um den verhassten Feind zu killen. Im Frieden kann mann auch nur selten einen Ausbilder halbtot prügeln, ohne hinterher selbst eine unangenehme Strafe gewärtigen zu müssen. Im Frieden wendet sich der Hass gegen die Außenseiter. Seien es nun die körperlich nicht so Leistungsfähigen oder die intellektuell Überlegenen, oder einfach nur die Neuen, die noch keine Ahnung haben, denen "wir alten Kameraden" schon mal zeigen, was eine Harke ist, damit sie wissen, was noch alles auf sie zukommt.
Sicherlich ließe sich das alles noch sehr weit und detailliert ausführen, doch sollte das bisher Gesagte genügen, um zu verstehen, wie Krieg funktioniert, und, im Umkehrschluss, um zu verstehen, wie Krieg eben nicht funktionieren kann.
 
So genannte Aufnahmerituale und der daraus erwachsende, so genannte Korps-Geist mögen furchtbar abscheulich sein und so manchen jungen Menschen für das ganze Leben traumatisieren. Sie bilden meines Erachtens aber genau jenen Dunghaufen, auf dem eine schlagkräftige Interventionsarmee erst wirklich gedeihen kann.
 
Eine Verteidigungsarmee, noch dazu mit einem hohen Anteil an Wehrpflichtigen, bringt ausreichend Hass für einen aggressiven Feind auf, dessen Invasion aufgehalten oder zurückgeschlagen werden soll, braucht also zwar ebenfalls den Drill und die Abstumpfung, die Einübung von Hass während der Ausbildung im Frieden ist jedoch nicht so vorrangig.
 
Wir leben jedoch im Krieg, besser gesagt: In mehreren Kriegen. Die Wehrpflicht ist ausgesetzt. Die Personaldecke dünn, das Gerät in schlimmem Zustand. Da kommt es ganz besonders darauf an, dass "Soldat" bestimmungsgemäß funktioniert.
 
Denn wenn "Soldat" im Krieg nicht bestimmungsgemäß funktioniert, ist die Wahrscheinlichkeit, dass er die Abscheulichkeiten des Krieges an sich selbst erleben muss, und - falls er sie überlebt - für das ganze Leben traumatisiert ist, ebenfalls sehr hoch. Mindestens.
Es ist also für alle Seiten das Beste, wenn eine/einer nach dem brutalen und erniedrigenden Aufnahmeritual ihren/seinen Vertrag mit der Bundeswehr vorzeitig kündigt.
 
Die Grundsätze der Inneren Führung standen immer schon mehr auf dem Papier als im Inneren des Kampfanzuges. Gut, dass wir sie haben. Sie sind Ideale, an denen man sich orientieren, manchmal auch aufrichten kann.
 
Übergriffe in der nun kriminalisierten Art gibt es in allen Armeen. Sie helfen, kriegsuntaugliche Personen zu erkennen und auszusortieren und schweißen die Missetäter zusammen. Sie sind Teil des Systems "Krieg", so wie auch die Bundeswehr insgesamt Teil des Systems "Krieg" ist, das weltumspannend in Gang gehalten wird, weil sich damit und daran so gut verdienen lässt.
 
Deshalb werden "Übergriffe" von den Vorgesetzten toleriert, zum Teil auch unterstützt. Wer ernsthaft dagegen vorgeht, schwächt das eigene Militär.
 
Natürlich darf hin und wieder ein Exempel statuiert werden. Vielleicht ist General Spindler ja auch anderweitig unangenehm aufgefallen. Dann sind das zwei Fliegen mit einer Klappe.
Die öffentliche Empörung wird mit einem Bauern-Opfer ruhiggestellt - und die Erfolge der Jugendoffiziere bei der Nachwuchswerbung können sich wieder sehen lassen.
 
Das war Tacheles.
Vergessen Sie es schnell wieder.

Es geht sowieso um etwas ganz Anderes.

Sie, Frau von der Leyen, haben ja nun der Bundeswehr auch noch eine kriminologische Untersuchung aufgebürdet, deren Chef, Christian Pfeiffer, einst SPD-Justizminister in Niedersachsen, offenbar mehr über das System "Krieg" weiß, und das auch sagen will, als Ihnen recht sein kann. Sonst könnte er nicht schon bevor die Arbeit richtig begonnen hat, voraussagen, dass es zu hässlichen Enthüllungen kommen werde.

Reicht ja im Grunde auch schon, dass er das jetzt sagt, bevor er angefangen hat, um die richtige Stimmung zu erzeugen. Denn es soll Stimmung gemacht werden, nur darum geht es.

Mich erinnert dieses Schauspiel wieder einmal daran, wie einst der Chef der Bundesanstalt für Arbeit, Bernhard Jagoda, mit im Grunde haltlos zusammengeschusterten Vorwürfen bei voll aufgeblasenen Backen aller Qualitätsmedien aus dem Amt gejagt wurde, um einem Verfechter des Neoliberalismus und der Hartz-Gesetze Platz zu machen. Wobei anzumerken ist, dass Jagodas Statistik, in der lediglich der Vermittlungserfolg zu Gunsten der Arbeitsämter (aber schon immer auch vor Jagoda nach der gleichen Art und Weise) geschönt war, ein sehr viel klareres, vollständigeres und richtigeres Bild der tatsächlichen Arbeitslosigkeit gezeigt hat, als die danach von Gerster bis Weise und Scheele in die Welt gesetzten Zahlen.

Wenn also der Chefausbilder des Heeres wegen an den Haaren herangezogener Vorwürfe (Er habe nicht engagiert genug aufgeklärt! Lach!) nun in die Wüste geschickt wurde, womit haben wir dann im nächsten Schritt der Bundeswehr-Reform zu rechnen.

Wird die Ankündigung, das Militär müsse wieder mehr auf Verteidigung ausgerichtet werden, womöglich bedeuten, dass es nun ernst wird, mit dem Bundeswehreinsatz im Inneren zur Verteidigung der Regierung gegen die "Opposition"?

In meinen Augen wird hier eine Schmierenkomödie aufgeführt, deren einziger Zweck es ist, einen General, der sich einem solchen Ansinnen in den Weg stellen könnte, aus eben diesem Weg zu räumen.

Sein Aufgabenbereich ist von grundlegender Bedeutung für das gesamte Heer. Und wer, außer dem Heer, wird wohl gebraucht, wenn die Bundeswehr im Inneren neue Aufgaben übernehmen soll? Die U-Boot-Flotte? Nein. Im Inneren geht es in erster Linie um den Häuserkampf, und dafür kann halt nur das Heer ausgebildet werden. Folglich muss dort in die Ausbildung wieder etwas einfließen, was den notwendigen Hass auch für den Einsatz im Inneren transportiert. Sonst, siehe oben, funktioniert Krieg nämlich nicht.

Wenn alle Politiker, die sich ihrer Verantwortung wegen kleiner Verfehlungen in ihrem Zuständigkeitsbereich durch "Nichtwissen" oder "vorgebliches Nichtwissen" schon entzogen und ihren Rücktritt abgelehnt haben, weil sie ja schließlich ihrer Verantwortung nur durch Weitermachen gerecht werden können, wegen solcher Kleinigkeiten (im Vergleich zur großen Aufgabe) allesamt entlassen worden wären (vom Ehrenwort-Kanzler Kohl oder dem Köfferchenträger Schäuble gar nicht erst zu reden), es sähe mancherorts ziemlich leer aus.

Wenn ein deutscher Oberst in Kundus weit über hundert Zivilisten zusammenbomben lässt, weil es ja Terroristen hätten sein können, obwohl der Pilot des Bombenfliegers mehrmals nachfragte, ob er das wirklich ernst meint, dann wäre das eher ein Grund für eine Entlassung gewesen. Oberst Klein ist allerdings jetzt General. Sein Befehl zum Angriff war im Rahmen seiner Aufgabe keine Kleinigkeit, für die man die Verantwortung auf die dritte Ebene der Untergebenen hätte delegieren können. Sein Befehl hatte weit gravierendere Folgen als die so genannten "Übergriffe", deretwegen man Walter Spindler entsorgt hat, obwohl er daran nicht beteiligt war.

Nein. Verschwörungstheorien hin oder hier. Hier stinkt es gewaltig. Das sind vorgeschobene Gründe, die eine solche Aktion in keiner Weise rechtfertigen würden. Es geht nicht um die Sache. Es geht um den Mann, der stört.

... und dass es jetzt so schnell gehen muss, könnte daran liegen, dass die Grundgesetzänderung vielleicht noch von dieser GroKo über die Bühne gebracht werden muss, weil es schon im Oktober nicht mehr für die Zweidrittel-Mehrheit reichen könnte.

 

 

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 Egon W. Kreutzer

Egon W. Kreutzer, PortraitAutor und Verleger - mit einem außergewöhnlichen Hang zur Nachhaltigkeit, meint:

Kritik muss weder beschönigen noch verharmlosen, weder heucheln noch trösten, um konstruktiv zu sein.

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 Anker Julie