Paukenschlag
am Donnerstag
No. 14 /2017
vom 13. April 2017


Kommentare zum Zeitgeschehen von Egon W. Kreutzer

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Druckversion: Sigbert Döring


Frohe Ostern 2017
oder Frieden von Libyen bis Pakistan

 

Die Nachrichten der letzten Tage, angefangen mit dem Angriff auf einen syrischen Luftwaffenstützpunkt, haben mich sprachlos gemacht. Sprachlos, weil ich dem alten Motto folge:

"Vor Inbetriebnahme des Mundwerks:

Hirn einschalten nicht vergessen!"

Das Hirn arbeitet. Immer noch. Es kommt zu keinem schlüssigen Ergebnis. Die erhältlichen Informationen sind unzureichend, und was auf dem Tisch liegt, ist widersprüchlich. Die vielen Meinungen und Spekulationen, die verbreitet wurden und werden, laufen - auf der gleichen unzureichenden Datenbasis - so weit auseinander, wie selten beim Auftreten eines unerwarteten und zugleich wichtigen Ereignisses. Ich mag mich keiner dieser Spekulationen anschließen, obwohl wiederum keine vollkommen unwahrscheinlich erscheint.

Ich habe daher in den letzten Tagen sehr viel Zeit mit anstrengender körperlicher Arbeit im Garten verbracht. Da kann das Hirn im Hintergrund ungestört weiterwursteln, während sich bekannte und unbekannte Muskeln mit ihren Katern anfreunden. Geschrieben habe ich nichts. Auch EWK-Zur Lage, die im April wieder fällige Zusammenfassung der aktuellen Trends, ist noch nicht wirklich begonnen.

Vom Besuch des amerikanischen Außenministers in Moskau ist auch nichts Neues nach außen gedrungen, außer, dass man sich im Luftraum über Syrien wieder abstimmen und irgendwie doch - mit und ohne Assad - zusammenarbeiten will.

Ich wage daher die vorsichtige Prognose, dass der selbstgemachte Weltuntergang noch einmal für eine Weile verschoben worden ist. Damals, bei der Ukraine, war das einfacher. Da war es klar, dass dort nicht der Funke für den dritten Weltkrieg an die Lunte überspringen wird.

Syrien ist ein heißerer Preis. Syrien heißt: Iran in Schussweite, Russische Marinebasis im Mittelmeer, Kurdenfrage, Türkei, Israel und die Golanhöhen, aber auch China als potentieller Partner Russlands.

Syrien ist jedoch weit weg, und das heißt: Auch die USA haben ein Problem mit dem Nachschub über die ganz lange Linie rund um die halbe Welt. Ein Torpedo ist viel billiger als ein Transportschiff voller Munition. Die US-Kriegsschiffe im Mittelmeer sind große, verletzliche Ziele, für einen Gegner, der über die entsprechenden Waffen verfügt. Solche Waffen fehlten in Afghanistan, im Irak, in Libyen - aber Russland verfügt darüber. Immer noch nicht vergessen ist der Bericht von 2014 über die vollkommene Ausschaltung der Elektronik auf einem US-Kriegsschiff durch ein einzelnes russisches Kampfflugzeug.

Doch wenn auch der große Knall noch ausbleibt, die kleinen Ballereien mitten in Europa sind auch nicht geeignet, wirkliche Freude aufkommen zu lassen. Wenn auch drei kleine Explosionen neben einem Mannschaftsbus die Nachrichten in Deutschland dominieren, gegen die beiden Sprengsätze in koptischen Kirchen in Ägypten oder die neuerliche Lkw-Attacke in Schweden war das immer noch harmlos. Allerdings habe ich immer noch Erdogans Ankündigung im Ohr, kein Europäer könne mehr unbesorgt auf die Straße gehen. Die Häufung von Messerattacken auf offener Straße, die schon kaum mehr wahrgenommen werden, erscheint mir als die derzeit gefährlichste Entwicklung. Wenn auch die Medien strikt vermeiden, über den oder die Täter mehr mitzuteilen, als dass es sich um einen "Mann" gehandelt habe, es macht sich Angst breit. Die Umsätze mit Pfefferspray lassen erahnen, dass es sich da nicht um ein paar überängstliche Einzelfälle handelt, sondern um ein Symptom einer breiten Aufrüstung, wobei das Pfefferspray meines Erachtens nur die Spitze des Eisbergs darstellt. Was daneben illegal an Waffen und Munition beschafft und gebunkert wird, dürfte noch viel erschreckender sein.

Auch die vorläufige Statistik des Bundeskriminalamtes über die Straftaten von Zuwanderern im Jahr 2016 - über die allerdings auch kaum berichtet wird, rechtfertigt den Wunsch, einem Angriff auf Leib, Leben und Eigentum nicht wehrlos ausgeliefert zu sein.

Wenn an sieben Tagen in der Woche rund um die Uhr stündlich mehr als acht Körperverletzungen, stündlich mehr als acht Diebstähle registriert werden, wenn es jeden Tag mindestens einen Tötungsversuch und jede Woche mindestens eine vollendete Tötung gegeben hat, dann sind das weder bedauerliche Einzelfälle noch lauter Kleinigkeiten. Es sind "zusätzliche" Straftaten, bei denen Asylbewerber, anerkannte Flüchtlinge, Ausländer mit Duldung und Menschen ohne Aufenthaltsrecht als Tatverdächtige ermittelt wurden. Nachzulesen hier.

Mir drängt sich immer mehr das Bild eines Wassertopfes auf dem Herd auf. Es kocht noch nicht, aber am Grund bilden sich kleine Blasen, das System "Wasser, Topf, Energie" gibt leise Geräusche von sich. Wenn das Wasser um zwölf kochen soll, dann ist es jetzt fünf vor.
Wer, so frage ich mich, ist noch in der Lage, den Topf vom Herd zu nehmen, oder die Herdplatte abzuschalten, kaltes Wasser nachzufüllen oder Eiswürfel in den Topf zu werfen?

Dazu ist in dieser verzwickten Lage einer alleine nicht mehr fähig. Der Präsident der USA, in vergangenen Zeiten tatsächlich der mächtigste Mann der Welt, steht im eigenen Land heftiger unter Kritik als der Präsident der Türkei in seinem! Seine Spielräume sind eng geworden, denn er steht einer sehr mächtigen parlamentarischen und außerparlamentarischen Opposition gegenüber, die nur auf die Gelegenheit wartet, ihn zu Fall zu bringen.
Der Präsident Russlands steht im Inneren deutlich besser da, seine militärische Stärke ist für die Verteidigung Russlands ausreichend, er ist auch in der Lage, punktuell erfolgreich zu intervenieren, doch letztlich kann er nur Stellungen halten, wie er es in der Ukraine und in Syrien tut, ohne jedoch den jeweiligen Konflikt beenden zu können.

 

Der Islamische Staat - und alles was an Terrororganisationen und Freischärlern unter häufig wechselnden Fantasienamen irgendwie mittut - wäre meines Erachtens leicht und vollständig auszuschalten, wenn es dazu in der Region einen gemeinsamen Willen gäbe. Doch davon ist nichts zu erkennen. An diesem Feuer im Nahen Osten werden zu viele Süppchen gekocht, um es wirklich auslöschen zu können. Dabei ist vollkommen klar, dass niemand in der Region in der Lage sein wird, das gesamte geographische Gebilde - Türkei - Irak - Iran - Syrien - Libanon - Jordanien - Israel - Ägypten - Libyen - Saudi-Arabien - Jemen - Oman - Afghanistan - Pakistan - zu einen und zu beherrschen.

Doch auch die Supermächte, USA, Russland und China, sind nicht in der Lage das Territorium zu kontrollieren. Jeder versucht, so gut er kann, einen Teil des Kuchens zumindest als sein Einflussgebiet zu markieren und seine jeweiligen Gegner kurz zu halten. Wir erleben einen Stellungskrieg wie vor hundert Jahren in den Ardennen, nur dass die Reichweiten der Waffen sehr viel größer und die Reihen der Gegner sehr viel weiter auseinander gezogen sind, so dass auch die massivsten Raketenschläge nur zermürben können, aber für einen wirklichen Sieg vollkommen unzureichend sind. Ein Friedensplan für den Nahen Osten, der Aussicht auf Erfolg haben könnte, braucht m.E. zwei Grundbedingungen:

1. Ein absolutes und von allen Außenstehenden eingehaltenes Waffenembargo gegen jeden der Staaten in der Region.
2. Ein absolutes Gebot der Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten der gesamten Region.

Das hätte im Laufe der nächsten 10 bis 20 Jahre eine Reihe von Kriegen zur Folge, die jedoch auf die Region beschränkt blieben und niemals einen neuen Weltenbrand auslösen könnten. Vermutlich würde Ägypten versuchen, sich Libyen einzuverleiben. Pakistan würde sich nach Afghanistan ausdehnen wollen, der Iran würde versuchen, sich den Irak zu sichern. Die Türken würden im nördlichen Syrien Fuß fassen und Israel würde sich Jordanien, den Libanon und das südliche Syrien sichern, während die Saudis sich im Jemen und in Oman die Vorherrschaft sichern würden.


Doch ohne Nachschub aus dem Ausland, nur auf Basis der eigenen Fähigkeiten zur Erzeugung von Waffen und Munition, sowie ohne politische Einmischung und militärische Beratung von außen, könnte ein Teil dieser geografischen Bereinigungen sogar auf Basis diplomatischer Verständigung vonstattengehen.

Lässt man die Frage nach den widerstreitenden islamischen Glaubens-richtungen einmal außen vor und hält im Nahen Osten ebenfalls für möglich, was am 25. September 1555 im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation möglich war, nämlich einen Religionsfrieden zu schließen, dann würden sich in allen so geschaffenen Zusammenschlüssen für alle Beteiligten klare Synergie-Effekte ergeben.

Aber dazu müssen alle raus, die dort nichts verloren haben. Amis, Russen, Engländer, Franzosen, Deutsche, um nur einige zu nennen.

Wäre es furchtbar und unerträglich, wenn es im gesamten Raum weder russische noch amerikanische Militärbasen und Stützpunkte gäbe?

Nein. Es ist furchtbar und unerträglich, dass es sie gibt. Denn die Anwesenheit der Großmächte ermutigt und ermuntert jeden einzelnen dieser Staaten, und alle die sich dort tummelnden Militärs und Terrorgruppen, sich kriegerischer und selbstsicherer zu verhalten, als sie es sind. Man vertraut auf Unterstützung, mal von der einen, mal von der anderen Seite, man führt als Stellvertreter aus, was von den Großen gewünscht wird, ohne daran zu denken, dass dieser großflächige Unfrieden in einer instabilen Region nur jenen nützt, die ihn von außen befeuern.

Keiner dieser Staaten ist darauf angewiesen, sich seinen Lebensunterhalt durch Krieg zu "erwirtschaften". Keiner dieser Staaten braucht dringend ein Stück Land vom anderen, um überleben zu können. Und, so verrückt das klingt, das Gebiet wäre wie geschaffen für eine riesige Freihandelszone.

Von 1939 bis 1945 war Europa Kriegsgebiet. Zwölf Jahre danach gründeten Belgien, Frankreich, Italien, Luxemburg, die Niederlande und die Bundesrepublik Deutschland die EWG.

Damals brauchte es die Kapitulation der Wehrmacht vor materiell haushoch überlegenen Gegnern, um Europa zu befrieden. Heute ist es die Anwesenheit materiell haushoch überlegener Mächte, welche den Frieden im Nahen Osten verhindert.

Die USA sind auf das saudische Öl nicht mehr angewiesen. Sie haben sich per Fracking zum Öl-Exporteur entwickelt. Die Russen brauchen keinen Hafen im Mittelmeer - nicht, um einen Krieg gegen die USA zu führen. Israel hat die Atombombe. Wer sollte es wagen, Israel anzugreifen? Pakistan???

Wann endlich werden die Politiker der in den Großkonflikt involvierten Länder erkennen, dass sie alles andere dringender brauchen als Krieg und Bürgerkrieg?
Wann wird jemand den Mut finden, zu einer großen Konferenz einzuladen, um eine Vision einer gemeinsamen Zukunft zu entwickeln?

Ist das wirklich unmöglich?

Warum?


 

 

 

 

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 Egon W. Kreutzer

Egon W. Kreutzer, PortraitAutor und Verleger - mit einem außergewöhnlichen Hang zur Nachhaltigkeit, meint:

Kritik muss weder beschönigen noch verharmlosen, weder heucheln noch trösten, um konstruktiv zu sein.

Wirksame Kritik muss in aller Klarheit und mit der gebotenen Schärfe auf allgemeine Anstrengungen zur Veränderung von Sachverhalten und Umständen abzielen.

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 Anker Julie