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1. November 2016

14.45 Uhr Wenn die Kupplung versagt (Feiertagsgedanken)

Es war gestern. Ich kam von Regensburg auf der A93 und nahm, wie immer, die heimatliche Ausfahrt Elsendorf. Die enge Kurve der Ausfahrt, bremsen, runterschalten - ein vollautomatischer Ablauf, irgendwo im Hintergrund der eingeübten Gewohnheiten.

Diesmal jedoch war es anders. Der linke Fuß trat ins Leere. Ist das möglich? Einfach neben den Kupplungshebel zu treten? Die rechte Hand immer noch am Schaltknüppel suchte der linke Fuß nach dem Kupplungspedal. Es war nicht mehr da. Der Bremsfuß und die linke Hand hatten das Auto derweil durch die Kurve gebracht. Allmählich kam das Großhirn zum Schluss, dass die Kupplung kaputt, das Auto ohne Antrieb sei - und dass das Auto vielleicht noch hundertfünfzig, vielleicht auch noch 200 Meter rollen würde. Noch in der Ausfahrt entdeckte ich ein breiteres Stück befestigten Seitenstreifens. Warnblinkanlage, bremsen, rauslenken, aus.

Mit einer guten Werkstatt (Helmut Prummer) in meiner unmittelbaren Nachbarschaft war der Abschleppwagen in weniger als fünf Minuten da und nach zehn Minuten war ich mit dem Leihwagen zuhause. Alles gut.

Da es zu meinen wesentlichen Eigenschaften gehört, in Analogien zu denken, hat mich diese kleine Unpässlichkeit meines Autos allerdings weiter beschäftigt.

Kaputtgegangen war vermutlich ein Hydraulik-Zylinder, ein eher unscheinbares und technisch sehr einfaches Bauteil, das letztlich nur dazu dient, den Druck aufs Kupplungspedal über eine Hydraulik-Flüssigkeit so an die Kupplung weiterzugeben, dass die Kupplung die Antriebskraft des Motors vom Getriebe trennt, bzw. sie schleifend oder kraftschlüssig verbindet.

Ausnahmsweise und eher zufällig habe ich mir dann am Abend "hart aber fair" mit Frank Plasberg angesehen. Es ging um die Frage, ob Volksentscheide auf Bundesebene sinnvoll oder gefährlich, unsinnig oder nützlich seien. Trotz häufigem und für mich und ärgerlichem Eingrätschen des Moderators, konnten die Befürworter von Volksentscheiden klar punkten und der freidemokratische Widerpart aus Schleswig Holstein, Wolfgang Kubicki, sah dabei gegen Markus Söder und den Experten in der Runde, Prof. Patzelt aus Dresden, ziemlich alt aus.

Und hier setzt meine Kupplungs-Analogie an:

Setzen wir die Bundesrepublik Deutschland mit einem Automobil gleich,

dann kann die Regierung als ein auf die speziellen Besonderheiten des Fahrzeugs ausgelegtes Getriebe angesehen werden. Ist der politische Weg eben, kann eine Regierung im Sechsten Gang alles laufen lassen, das Fahrzeug kommt bei geringem Kraftstoffverbrauch zügig voran. Sind politische Kraftakte zu bestehen, würde der sechste Gang den Motor abwürgen. Es kann notwendig werden, bis in den ersten Gang herunter- und dann langsam wieder in höhere Gänge zu schalten. Sie alle haben einen Führerschein und Fahrpraxis - ich muss das nicht weiter mit Beispielen ausschmücken.

Es wird - in dieser Analogie - auch klar, dass die "Volkswirtschaft" (also wir alle, als Produzenten und Konsumenten, als Schüler, Arbeiter und Angestellte, als Rentner und Arbeitslose, im Zusammenwirken mit den vorhandenen Produktionsmitteln und der existierenden Infrastruktur) den Motor dieses Gefährts ausmacht.

Daraus ergibt sich die spannende Frage nach dem Lenker des Fahrzeugs, nach jenem entscheidenden Willen, der über das Zusammenspiel von Motordrehzahl und Getriebestellung das Tempo und letztlich auch die Sicherheit des Vorankommens bestimmt.

Unsere Verfassung sagt: Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus.

In der Analogie ist dem leicht zu folgen. Es ist der Motor, der die Energie bereitstellt. Versagt der Motor, steht auch das Getriebe - und mit der Zeit entleert sich auch die Batterie.

Unsere Verfassung hat als den Fahrzeuglenker das gewählte Parlament, die kluge, erfahrene und verantwortungsbewusste Vertretung des Volkes vorgesehen.

Das Parlament soll darüber beraten, wo die Reise hingeht und den Weg und das Tempo bestimmen. Dazu beschließt es in Vertretung des gesamten Volkes Gesetze, an welche die Regierung gebunden ist. Das Parlament sollte also, wenn es aus seiner Mitte den Bundeskanzler wählt und damit die Regierungsbildung ermöglicht, den Gang einlegen, mit dem der Motor dann zurechtkommen soll. Ergeben sich veränderte Bedingungen, wäre es wieder am Parlament, den Handlungsspielraum der Regierung neu festzulegen, also - im Fahrzeugbeispiel - einen anderen Gang, eine andere politische Gangart zu wählen.

Wobei die Analogie nun zu dem Schluss führt, dass die Wahlen zum Deutschen Bundestag nichts anderes sind, als die Möglichkeit, bei Bedarf den Lenker auszuwechseln und ein bisschen am Getriebe herumzubasteln, um die Motorleistung bestmöglich auf die bevorstehende Wegstrecke zu bringen.

Das allerdings ist Theorie.

In der Praxis ist das Parlament so tot
wie der Inhalt einer großen Dose Kieler Sprotten.

Gesetze werden faktisch von der Regierung beschlossen und vom Parlament nur noch in Form einer gewohnheitsmäßigen rituellen Handlung bestätigt. Es ist wie das Abschiednehmen am offenen Sarg. Man sieht noch einmal, was man verabschiedet, aber man kann den Gang der Dinge nicht mehr ändern. Was da im Sarg liegt, kommt unter die Erde, was da dem Parlament vorgelegt wird, kommt ins Gesetzbuch.

Das Getriebe selbst bestimmt also, in welchem Gang es das Fahrzeug bewegen will, und das ohne Rücksicht auf den Motor. Die Regierung, die sich ständig selbst neue Ziele setzt und alte über den Haufen wirft, die sich nicht an die Gesetze hält und sich notfalls neue gibt, quält damit den Motor, der keine Chance mehr hat, seine Arbeit im optimalen Drehzahlbereich zu verrichten, sondern durch Unter- und Überforderung weit stärker beansprucht und beschädigt wird, als dies bei einem guten Fahrzeuglenker der Fall wäre.

In einem modernen Auto kann der Lenker die Motordrehzahl an einer Anzeige ablesen und erhält Hinweise, welchen Gang er in der jeweiligen Lastsituation wählen sollte. Er hat Informationen über die Kühlwasser- und die Öltemperatur, die Tankfüllung, den Reifendruck und vieles mehr, und wenn der Fahrzeugzustand kritisch wird, flammen Warnleuchten auf.

Volksbegehren würden die Funktion solcher Instrumente und Warnleuchten übernehmen. Reagiert der Lenker darauf rechtzeitig mit den richtigen Maßnahmen, gehen die Warnleuchten wieder aus und die Zeiger der Instrumente kehren in den grünen Bereich zurück.

Der Volksentscheid wäre die Möglichkeit, die Kupplung zu treten und einen geeigneteren Gang zu wählen, ohne dass deshalb das Getriebe ausgewechselt werden muss.

Die Einführung von Volksbegehren und Volksentscheiden auf Bundesebene wäre also die zwingend erforderliche Reaktion auf das Totalversagen eines Parlaments, das nur noch als serviler Appendix der jeweiligen Regierung in Erscheinung tritt.

Moderne Autos verfügen über eine Vielzahl von Assistenzsysteme, die automatisch die Spur halten, bei plötzlich auftauchenden Hindernissen bremsen, selbstständig einparken, und, und, und …

Der Volksentscheid wäre ein solches Assistenzsystem, das die Lenker davor bewahren könnte, im Übereifer den Motor zu ruinieren, indem es im richtigen Augenblick die Kupplung betätigt und den angemessenen Gang einlegt.

Mein allererstes Auto, 1971 gekauft, ein Fiat 1500 L Bj. 1963 , hat mir eines Tages vorgeführt, wie es sich fährt, wenn sich der einmal eingelegte Gang (es war der zweite) nicht mehr herausnehmen lässt.
So ungefähr kommt mir unser politisches System im Augenblick vor. Anfahren nur noch mit viel Gas und schleifender Kupplung - und dann, unter Höchstlast mit großem Lärm bei hohem Energieverbrauch mit maximal 50 km/h vorwärtskommen. Grausam.

Mein jetziges Auto steht in der Werkstatt und in ein paar Tagen ist mit der Kupplung alles wieder in Ordnung.
Ich fürchte, das politische System in Deutschland braucht sehr viel länger, um überhaupt wieder in Ordnung zu kommen. Vielleicht sollte man es verschrotten und gleich auf Elektro-Mobilität setzen. Da kommt die Motorleistung ganz ohne Getriebe direkt auf die Antriebsräder.

Das würde allerdings dann in Berlin, ebenso wie in Wolfsburg jetzt angekündigt, sehr viele gut- und überbezahlte Arbeitsplätze kosten.

 

 


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Egon W. Kreutzer, PortraitAutor und Verleger - mit einem außergewöhnlichen Hang zur Nachhaltigkeit, meint:

Kritik muss weder beschönigen noch verharmlosen, weder heucheln noch trösten, um konstruktiv zu sein.

Wirksame Kritik muss in aller Klarheit und mit der gebotenen Schärfe auf allgemeine Anstrengungen zur Veränderung von Sachverhalten und Umständen abzielen.

Verhaltensänderungen kritisierter Personen sind dafür nicht Bedingung, sondern bestenfalls erfreuliche Folge.


 
 

 

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