Paukenschlag
am Donnerstag
No. 36 /2016
vom 8. Sepember 2016


Kommentare zum Zeitgeschehen von Egon W. Kreutzer

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Druckversion: Sigbert Döring


Verflucht sei die Klarheit des Gedankens

 

Was nicht auf einer einzigen Manuskriptseite zusammengefaßt werden kann, ist weder durchdacht noch entscheidungsreif.
(Dwight D. Eisenhower, amerik. General u. Politiker, 34. Präs. d. USA)

Hohe Bildung kann man dadurch beweisen, dass man die kompliziertesten Dinge auf einfache Art zu erläutern versteht.
(George Bernard Shaw, irischer Dramatiker)

 

Warum Angela Merkel sich vor jenen fürchtet, denen es gelingt, Probleme und Problemlösungen einfacher und klarer zu artikulieren als sie selbst es sich erlaubt, ist nicht schwer zu erraten.

Die klassische Erklärung dafür hat Hans Christian Anderson in seinem Märchen "Des Kaisers neue Kleider" abgeliefert.

Betrachtet man einen Sachverhalt unvoreingenommen und ausschließlich im Bestreben, die Wahrheit herauszufinden, schiebt also die Lügengengeschichte von jenem feinst gewobenen Gespinst beiseite, das angeblich von Menschen, die für ihr Amt nichts taugen, nicht gesehen werden kann, nimmt man also das Risiko in Kauf, von allen Heuchlern für unfähig erklärt zu werden, kommt man schnell und sicher zu der einfachen und klaren Wahrheit: Der Kaiser ist nackt.

Angela Merkels Statement in der gestrigen Haushaltsdebatte geht mir immer noch nicht aus dem Kopf:

"Wenn auch wir anfangen, in unserer Sprache zu eskalieren, gewinnen nur die, die es immer noch einfacher und noch klarer ausdrücken."

Die Analyse dieses Satzes lässt keine andere Interpretation zu: Mit der bedrohlich wirkenden Floskel von der "sprachlichen Eskalation" kann sie nichts anderes meinen, als von einer komplizierten, schwer verständlichen und nebulösen Ausdrucksweise zu einer einfachen, verständlichen und klaren Sprache zu gelangen, was ihr offenbar ungeheuerliche Angst einjagt. Angst vor der Gefahr, im Versuch, sich einfach und klar auszudrücken, zu weit zu gehen und damit schon jenen Recht zu geben, die es noch einfacher und klarer können. Jenen, die nur vier Worte brauchen, um zu überzeugen: Der Kaiser ist nackt.

 

Es gab eine Phase in meinem Berufsleben, in der ich mich lernend, experimentierend und lehrend mit Kreativitäts- und Problemlösungstechniken beschäftigt habe.

Wesentlich für den Erfolg sind dabei zwei Voraussetzungen:

  • bestehende Erfahrungen und altes Wissen in Frage stellen zu können, und
  • eine konstruktiv handlungsorientierte Problemdefinition zu finden.
Die erste Voraussetzung erklärt sich von selbst. Das Festhalten am Altbekannten schließt jede gravierende Neuorientierung aus.
 
Die zweite Voraussetzung ist erklärungsbedürftig, weil die Erkenntnis, dass der Zugang zu möglichen Problemlösungsansätzen ganz massiv von der gewählten Problemdefinition abhängt, nicht weit verbreitet ist. Man geht im allgemeinen davon aus, wenn man "etwas" als Problem erkannt hat, also mit einem Zustand oder einer Entwicklung unzufrieden ist, sei eine konsequente Arbeit an der Beschreibung/Definition des Problems überflüssig.
 
Das sieht dann so aus:
 
Problem: Kopfschmerzen.
Lösung: Pille einwerfen.
 
oder:
 
Problem: Stimmenverlust bei Wahlen.
Lösung: Den politischen Gegner diskreditieren.
 
In beiden Fällen werden weder alte Erfahrungen und Rezepte hinterfragt, noch nach dem ursächlichen Problem hinter dem Symptom gesucht. In beiden Fällen liegt eine nachhaltige Problemlösung in weiter Ferne.
 
Der erste Schritt zur Problemdefinition sollte darin bestehen, die möglichen Ursachen für die Symptomatik zu erkennen und dabei nicht nur äußere Einwirkungen zu betrachten, sondern auch mögliche Folgen eigenen (für richtig gehaltenen) Handelns nicht auszuschließen.
 
Bei Kopfschmerzen kommen dafür Alkohol- und Nikotinabusus ebenso in Frage, wie Sauerstoffmangel in der Atemluft, zu hoher Puls nach massiver körperlicher Anstrengung, Nebenwirkungen von Medikamenten, Unterkühlung der Kopfhaut, usw., usw.
 
Nach der Auswahl der wahrscheinlichsten Ursachen wird es spannend, denn jetzt kommt es darauf an, das Problem (Kopfschmerz) in ein ganz anderes, lösbares Problem, eine "Denksportaufgabe" zu überführen. Das beginnt in aller Regel mit einem "Wie?", und das Problem heißt dann nicht mehr "Kopfschmerzen", sondern zum Beispiel:

"Wie kann ich künftig die Temperatur meiner Kopfhaut positiv beeinflussen?"

Und die möglichen Lösungen lauten - ohne Anspruch auf Vollständigkeit:

- Aufenthalt im Freien bei niedrigen/frostigen Temperaturen vermeiden.
- Haare nach dem Duschen stets gut trocknen.
- Eine warme Kopfbedeckung aufsetzen.
- Durchblutung der Kopfhaut durch Massage fördern.

usw., usw.

Schon dieses einfache Beispiel lässt erkennen, wie weit sich eine echte Problemlösung von der reinen Symptombekämpfung unterscheiden kann.

Es lässt aber auch erkennen, wie eine einfache, klare Sprache das Problem und seine Lösung verständlich werden lassen. Wogegen die Aussage "Ich habe Kopfschmerzen und nehme eine Pille", die gerade eben noch so sinnvoll erschien, in der vergleichenden Gegenüberstellung ihre ganze "geistige Armut" offenbart.

Nicht anders ist es beim größten (innen-) politischen Problem unserer Tage, dem Umgang mit der Zuwanderung.

Der Gedanke: "Die AfD macht Stimmung gegen meine Flüchtlingspolitik, also mache ich Stimmung gegen die AfD", der sich dann öffentlich mit Schlagwörtern wie "Rechtspopulismus", "Islamophobie" und "Rassismus" äußert und einen erbitterten "Kampf gegen Rechts" mit "Null Toleranz" beschwört, zeugt von geistiger Armut.

Eigene Fehler werden als Ursache für den Stimmenschwund bei den Landtagswahlen gar nicht ernsthaft in Betracht gezogen - und sämtliche äußeren Umstände, die zu der Situation geführt haben, werden ausgeblendet, bis auf den einen Umstand, dass es "eine neue Partei" gibt, die deswegen an allem Schuld sein muss, und bis auf die Erkenntnis(?), dass jeder, der - wie Seehofer - auf Selbstbesinnung und Umkehr pocht, dieses Übel "AfD" nur noch stärkt.

Dies alles beruht jedoch auf einer vollkommen abwegigen Problemdefinition. Statt nach Lösungen für die vielfältigen realen Probleme der unkontrollierten Zuwanderung zu suchen, statt die Frage zu stellen, WIE die Gesetze des Rechtsstaats wieder in Kraft und Vollzug gesetzt werden können, WIE die Asylberechtigten klar erkannt und die nicht Asylberechtigten abgewiesen und rückgeführt werden können, WIE die Lasten der Intergrationsaufwendungen und die Kosten der Sozialsysteme aufgebracht und gerecht verteilt werden können, glaubt man, bisher alles richtig gemacht zu haben, erkennt als Problem nur den Verlust an Wählerstimmen und weist die Schuld an der rückläufigen Akzeptanz des Regierungshandelns jenen zu, die in einfachen und klaren Aussagen auf die Probleme und die zu ihrer Lösung notwendigen Maßnahmen hinweisen.

Sicherlich, wenn es keine kritischen Stimmen gäbe, könnte der Kaiser nackt bleiben und brauchte sich dessen nicht zu schämen. Aber das Kind, das als erstes ausrief: "Der Kaiser ist nackt", trägt doch an dessen törichter Nacktheit keine Schuld!

Je länger ich mich mit der Thematik beschäftige, desto fragwürdiger wird es für mich, ob Angela Merkle überhaupt noch wahrnimmt, dass ihr Vorwurf, ihre Kritiker bedienten sich einer zu einfachen, zu klaren Sprache, im Grunde sie selbst nicht noch viel stärker trifft. Mit der Klarheit hapert es zwar, aber vereinfachen kann sie perfekt.

"Deutschland bleibt Deutschland" - ist das nicht die platteste, nichtssagendste Vereinfachung, die man sich angesichts der realen Situation im Lande vorstellen kann?

Sind dagegen die Forderungen der CSU nicht ein Musterbeispiel an Klarheit? Sind hier nicht Lösungen vorgeschlagen, die auf die Behebung der tatsächlichen Ursachen abzielen?

Was spricht wirklich gegen eine Obergrenze von 200 000 Flüchtlingen pro Jahr?

Was spricht wirklich gegen die Einrichtung von Transitzonen an der Grenze?

Was spricht wirklich gegen die konsequente Zurückweisung von Ausländern ohne Bleiberecht?

Was spricht wirklich gegen die Abschaffung der doppelten Staatsbürgerschaft?

Was spricht wirklich dagegen, diese und weitere Maßnahmen in einem Einwanderungsgesetz zu rechtsverbindlichen Regeln zu machen?

Was spricht wirklich dagegen, das Zuwanderungsproblem selbst zu lösen, statt darauf zu hoffen, dass der Selbstschutz der anderen (Mazedonien, Ungarn, Österreich) auch uns zugute kommt und dies dann als eigenen Erfolg ausgeben zu können?

Das einzige, was dagegen spricht, ist die Tatsache, dass die Tür zur Selbstkritik - und damit zu wirksamen Maßnahmen zur Eindämmung der Folgen eigener Fehler - von vornherein zugeschlagen wurde, indem der falsche Weg als alternativlos ausgegeben wurde. Dieses Argument gilt aber nur für diejenigen, die jetzt fürchten das Gesicht zu verlieren.

Allen anderen kann es - muss es - vollkommen egal sein.


Am Ende dieses Paukenschlages habe ich eine Reihe von Fragen aufgeworfen.

Sie beginnen alle mit "Was spricht wirklich gegen ...?"

Bitte scheuen Sie nicht davor zurück, diese Fragen zu beantworten.

Das Erkennen von Rahmenbedingungen und Determinanten, die einer Lösung (machmal auch nur vermeintlich) im Wege stehen, ist ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur realisierbaren Lösung. Gerne gehe ich dazu einen öffentlichen Dialog mit Ihnen ein.

Schreiben Sie mir hier: Das spricht m.E. wirklich dagegen.


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 Egon W. Kreutzer

Egon W. Kreutzer, PortraitAutor und Verleger - mit einem außergewöhnlichen Hang zur Nachhaltigkeit, meint:

Kritik muss weder beschönigen noch verharmlosen, weder heucheln noch trösten, um konstruktiv zu sein.

Wirksame Kritik muss in aller Klarheit und mit der gebotenen Schärfe auf allgemeine Anstrengungen zur Veränderung von Sachverhalten und Umständen abzielen.

Verhaltensänderungen kritisierter Personen sind dafür nicht Bedingung, sondern bestenfalls erfreuliche Folge.


 

 

 

 

 Anker Julie