Paukenschlag
am Donnerstag
No. 10 /2016
vom 10. März 2016


Kommentare zum Zeitgeschehen von Egon W. Kreutzer

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Druckversion: Sigbert Döring


Draghi, der Währungswüter

 

Immer, wenn Mario Draghi seine monatlichen 60 Milliarden Euro aus dem Hut zauberte, stieg der DAX.

Wenn dieser Effekt nicht gewünscht gewesen wäre, hätte die EZB spätestens nach zwei Versuchen etwas ändern müssen. Das ist jedoch nicht geschehen, so dass durchaus guten Gewissens behauptet werden kann: Die EZB versorgt das Kasino Monat für Monat mit frischem Spielgeld.

Dafür, dass die EZB Anleihen ankauft und den Anlegern damit immer wieder Liquidität verschafft, nimmt Draghi allerdings auch eine Gebühr. Den sogenannten "Negativzins", bei dem es sich allerdings bei genauer Betrachtung um einen Schuldzins handelt, wie ihn die Banken auch zu zahlen hätten, würden sie sich das Geld nicht als Kaufpreis für Wertpapiere auszahlen lassen, sondern sich ihr Spielgeld von der EZB borgen.

Da Banker rechnen können, muss es Möglichkeiten geben, trotz Negativzins mit der zusätzlichen Liquidität gute Geschäfte zu machen, jedenfalls bessere und profitablere als mit den Papieren, die Draghi so bereitwillig in seiner Giftmülldeponie abkippen lässt.

Das gilt auch dann, wenn Banken sich einfach durch das Abstoßen von Wertpapieren in Richtung EZB flüssig machen, um eigenen Zahlungsverpflichtungen nachkommen zu können. Zum Beispiel auch, um gegenüber Großeinlegern, die ihr Kapital abziehen wollen, Zahlungfähigkeit demonstrieren zu können.

War da nicht neulich von der Deutschen Bank zu hören: "Wir sind zahlungsfähig"? Ein Spruch, über den sich viele lustig gemacht haben, weil er so beschwörend von Banken eigentlich nur dann zu hören ist, wenn das Dach schon brennt. Was wäre, wenn fällige Strafzahlungen wegen unsauberer Geschäfte nicht pünktlich überwiesen werden könnten? Auch hier sorgt die EZB für Liquidität, solange ein Institut noch über Anleihen verfügt, die auf der Einkaufsliste der EZB stehen.

Eine feine Sache.

Banken retten und die Börsen beleben, gegen einen kleinen Obulus von weniger als einem halben Prozent jährlich.

Nur das erklärte Ziel, nämlich die Inflation in der Euro-Zone nahe an den vermeintlichen Idealwert von knapp unter zwei Prozent jährlich heranzuführen, ist bisher mit dem Einsatz von 600 Milliarden Euro frischem EZB-Geld in keiner Weise näher gerückt.

 

Heute nun hat der oberste Währungshüter beschlossen, die Schleusen noch weiter zu öffnen.

  • Der Leitzins wurde auf glatte Null Prozent gesenkt, das heißt, wer keine Anleihen an die EZB verkaufen will, bekommt das Geld auch umsonst geliehen.
  • Statt 60 Milliarden Euro will die EZB ab sofort monatlich 80 Milliarden Euro in die Finanzmärkte pumpen, und
  • Der Negativzins für Guthaben der Banken auf ihren Zentralbankkonten wird auf 0,4 Prozent angehoben.
Der DAX reagiert umgehend mit einem steilen Kurssprung von 9.700 Punkten gegen Mittag auf 9.960 kurz nach der Verkündigung des neuen Geldsegens.
 
Es ist also wieder nichts anderes passiert, als dass Milliarden unmittelbar in die Aktienspekulation geflossen sind. Bei einer Börsenkapitalisierung der DAX-Gesellschaften in der Größenordnung von knapp 1 Billion Euro bedeutet dieser Kurssprung von 2,7 % nicht weniger als einen Kursgewinn von 25 Milliarden Euro für die glücklichen Aktionäre.
 
Und das, obwohl die Ausweitung des Anleihekaufprogramms von den Anlegern durchaus in den letzten Tagen schon "eingepreist" worden war, so dass die Bestätigung letztlich nur noch das Sahnehäubchen auf dem von der EZB spendierten Gewinn darstellt.
 

 Einwurf von Frank Meyer

...und dann kam es vorübergehend anders. Denn der Herr Draghi hat vielleicht nur irrtümlich etwas verkündet, wofür er von seiner Nachbarin einen Stoß während der Pressekonferenz in die Rippen bekam. Er sagte nämlich sinngemäß, und sicherlich ganz unbedacht, dass das Ende der Fahnenstange mit den Zinsen erreicht sei. Keine Minus-Leitzinsen? Kein Geld dafür, dass Banken Kredite bei der EZB aufnehmen? Ach! Das nimmt natürlich jede Fantasie aus dem Markt, wer auch immer dieser Markt heute ist.

Von den 10.000 Punkten im DAX blieben am Ende nur noch 9.500 Punkte übrig. Auf dem Parkett rief man: „Wo ist Draghi?“ 50 Milliarden Euro Börsenwert im DAX waren plötzlich weg. Sie kamen aus dem Nichts. Dorthin gingen sie auch wieder.

Statt den Euro weiter abzuverkaufen, stieg dieses Elektrogeld Europas gegenüber dem US-Dollar auf 1,12. Oh Mario, die Presse schrieb sogar von einem Glaubwürdigkeitsverlust. Hätte der DAX über 10.000 Punkten geschlossen, wäre Mario Draghi der Held der Welt, der Magier, der Zauberer – kurzum: der Super-Mario. So aber…

Auch ich als Börsenreporter bin da befangen. Sehen Sie mir es bitte nach! Ich ging am Mittwoch noch am Main entlang. Dort sitzt die EZB in ihrem so teurer gewordenen Gebäude (Hallo Teuerung, wir vermissen Dich!) und sah in Gedanken einen Mann über das Wasser laufen. Es war klar, das kann nur Mario Draghi gewesen sein. Wer sonst? Petra Roth etwa?

Der Mario, das ist der Mann fürs Grobe, der Mann, der alles kann… Den Winter abschalten, die Züge der Bahn pünktlich abfahren und abkommen lassen und auch Wasser in Wein verwandeln. Wäre nur nicht dieser Donnerstag gewesen. Alles wäre so gut geworden. Wäre...

Wolfgang.. bitte übernehmen...


Es ist in meinen Augen ein vollkommen irrsinniger Kurs, der, nachdem die angestrebte Wirkung - wie auch von mir erwartet - ausgeblieben ist, nun mit noch mehr Einsatz, ja mit nachgerade blindwütiger Euro-Verschleuderei fortgesetzt wird.
 
John Maynard Keynes schrieb 1919:
 
„Mit anhaltender Inflation können Regierungen still und heimlich einen bedeutenden Teil des Wohlstands ihrer Bürger konfiszieren. … Der Prozess lässt viele verarmen und bereichert wenige. … Lenin hatte sicher recht. Es gibt keinen subtileren, sichereren Weg, die bestehenden Grundlagen der Gesellschaft umzustürzen, als die Währung verderben. Der Prozess lässt alle die verborgenen Kräfte ökonomischer Gesetze auf der Seite der Zerstörung in einer Weise wirken, die kaum jemand zu diagnostizieren in der Lage ist.“ (The Economic Consequences of the Peace (1919), Chapter VI, pg.235-236)
Quelle: http://www.timepatternanalysis.de/Blog/2012/10/28/inflation-die-grose-unordnung/
 
Dies muss man heute auf die veränderten Zustände übertragen. Es sind nicht mehr die Regierungen, die den Wohlstand ihrer Bürger konfiszieren wollen, es sind unabhängige Institutionen, frei von jeder wirklichen Verantwortung und von keinem Gericht zur Rechenschaft zu ziehen, die im Auftrag und im Sinne des Kapitalismus die Währungen verderben.
 
Eine ungedeckte Geldflut auszulösen, die einigen wenigen die Möglichkeit verschafft, sich die Sachwerte anzueignen, während deren Verkäufer am Ende mit nichts als ein paar Blättern Papier dastehen, die nicht einmal lange genug brennen, um sich die Hände daran zu wärmen, ist im Kampf "Arm gegen Reich" eine volle Breitseite aus der Brigg der Reichen auf die Jolle der Armen.
 
Die Inflation wird kommen. Sie wird kommen, sobald es nichts wirklich Wertvolles mehr aufzukaufen gibt. Dann aber kommt sie nicht mit 2 Prozent pro Jahr, sondern mit mehreren hundert Prozent pro Woche.
 
An den bisherigen Wirkungen der EZB-Politik ist bereits zu erkennen, was die Absicht dahinter ist. Wenn die große, finale Schadwirkung eintritt, wird es unter Umständen auch der Letzte begreifen müssen.

 

 

 

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 Egon W. Kreutzer

Egon W. Kreutzer, PortraitAutor und Verleger - mit einem außergewöhnlichen Hang zur Nachhaltigkeit, meint:

Kritik muss weder beschönigen noch verharmlosen, weder heucheln noch trösten, um konstruktiv zu sein.

Wirksame Kritik muss in aller Klarheit und mit der gebotenen Schärfe auf allgemeine Anstrengungen zur Veränderung von Sachverhalten und Umständen abzielen.

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 Anker Julie