6. Mai 2015
 
12.00 Uhr TTIP, TISA, CETA und kein Ende
 
Gestern Abend stellte ein Freund in einer umfangreichen Mail unter anderem die folgende Frage:
 
Da ich mich auch aktiv am Widerstand gegen TTIP,CETA und TISA beteilige stelle ich mir aber jetzt seit Samstag auch die Frage:
 
"Was können wir den Vertragspateien als Alternative bieten?"

Nur gegen diese Abkommen zu sein reicht wohl in keinster Weise um die Rolle der Supermacht USA zu kippen. Ich denke auch, dass die USA in Europa sehr aktiv sind, mit ihrer Strategie uns als Wirtschaftskonkurrent klein zu halten. Man stelle sich nur mal das Szenario vor, dass Europa ein Wachstum hätte und daraus resultierend eine Supermacht entstünde die mit Ihrer Währung sogar den Dollar ablöst. Oder noch g'sponnener: deutsches Know-how und russische Ressourcen. Was für ein Wahnsinn!
Dass es Handelsabkommen braucht, möchte ich nicht bestreiten. Nur, wie könnten die einzelnen Punkte stattdessen bei TTIP aussehen?
 
Die Frage hat mich beschäftigt - und die Antwort ist dann so ausgefallen:
 
Hallo, A...,

vielen Dank für Deine längste Mail seit ewigen Zeiten! Als ich gestern Abend mit schon fast geschlossenen Augen auf dem Weg zum Bett noch an meinem PC vorbeikam, hab ich sie gelesen, war aber nicht mehr fähig, gleich darauf zu antworten.

Die Frage, die Du stellst, ist wahrhaftig bedeutungsvoll.

"Was können wir den Verhandlungspartnern anbieten?"

Damit stellst Du nämlich schon klar, dass es Verhandlungspartner gibt. Solche, die die Interessen der US-Wirtschaft und der USA überhaupt vertreten, und solche, die die Interessen der EU-Wirtschaft und der EU überhaupt vertreten.

Du stellst weiter klar, dass es neben den Verhandlungspartnern, die sich fraglos einigen werden, noch etwas gibt, was Du "wir" nennst. Dieses "Wir" ist nicht an den Verhandlungen beteiligt, gegenüber diesem "wir" werden alle Details der Vertragsentwicklung geheimgehalten. Dieses "wir" wird weder gefragt, noch gehört.

Der Schluss liegt nahe, dass die Verhandlungspartner einen Vertrag zu Lasten Dritter abzuschließen gedenken. Und diese "Dritten", das sind "wir".

Wenn nun aber "Zwei" sich einig sind, dem "Dritten" das Hemd auszuziehen, und in der Gewissheit stehen, dass ihnen das auch gelingen wird, was kann der "Dritte" anbieten?

Wenn er das Hemd behalten will, muss er die Hose ausziehen.

Will sagen, es gibt kein Angebot, das Aussicht auf Annahme hat, solange es nicht noch mehr zu Gunsten der Verhandlungspartner - und damit zu unseren Lasten - ausfällt.

Außerdem - und das ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit anzunehmen - wird es ja mit dem Hemd nicht aufhören. Das Hemd ist der erste Schritt. Wenn das weg ist, kommt sowieso die Hose dran.

Meine Schlussfolgerung: "Wir" können überhaupt nichts anbieten.

Wer aber nichts anbieten kann, um in einem "Tauschgeschäft" als Partner akzeptiert zu werden, dem bleibt nur übrig, entweder duldsam alles über sich ergehen zu lassen, oder endlich die eigene Position zu erkennen, festzustellen, dass er nicht Partner, sondern "Feind" ist, und dann, für den Fall tatsächlich eintretender kriegerischer Maßnahmen, mit "Ungemach" zu drohen.

Positiv ausgedrückt: "Wir" können nur anbieten, keinen Aufstand anzuzetteln, falls TTIP, CETA, TISA und wie die Vier-Buchstaben alle noch heißen, nicht kommen.

Dies setzt allerdings voraus, dass die Drohung mit einem - wie auch immer gearteten - Aufstand, von den Gegnern ernstgenommen wird. Um ernstgenommen zu werden, muss da allerdings außer starken Worten auch ein starker Wille und eine starke Kraft vorhanden sein.

Davon allerdings kann ich weit und breit, links und rechts, hint' und vorn, oben und unten - NICHTS erkennen.

Der Frosch kann mit dem Storch nicht verhandeln, und mit der Sumpftrockenlegungsgesellschaft schon gar nicht.

Der Storch schadet sich allerdings schnell selbst, wenn er mehr Frösche frisst, als das gemeinsame Biotop verträgt. Die Sumpftrockenlegungsgesellschaft allerdings "scheißt" auf das Biotop.

Das ist der Wandel, der mit der Erfindung von weitreichenden Massenvernichtungswaffen eingetreten ist.

Es kommt nicht mehr darauf an, möglichst viele Menschen im eigenen Land zu haben und diese in "vaterländischer Gesinnung" verteidigungsbereit zu halten. Es kommt nicht mehr darauf an, jeden wehrfähigen Mann zu ernähren und fit zu halten. Es kommt einzig darauf an, über jene Spezialisten zu verfügen, die in der Lage sind, den eigenen Einflussbereich zu erhalten und auszuweiten, und das sind weniger als fünf Prozent der Bevölkerung.
Darüber hinaus braucht man vielleicht weitere fünf Prozent, um den wenigen beherrschenden Familien den gewohnten Luxus bereitzustellen.

Die übrigen 90 Prozent sind vollkommen überflüssig. Im Gegenteil: Durch ihren Konsum zehren sie an den Ressourcen, und das vollkommen unnütz, es handelt sich um einen Bodensatz, vergleichbar den Schlammalgen am Grund von Zisternen. Die verderben das Trinkwasser, und wenn sie es schon nicht wirklich verderben, so lassen sie es doch mindestens ekelerregend aussehen...

Dass die Lage so eingeschätzt wird, ist rings um den Globus zu erkennen. Der "Internationale Wettbewerb" führt dazu, dass die - immer noch wachsende - Bevölkerung mit immer weniger Lohn und damit immer weniger Konsum und damit mit immer weniger Ressourcenverzehr zurechtkommen muss. Die Einschränkungen in den Gesundheitssystemen tragen das ihre dazu bei, dass die Lebenserwartung weltweit wieder sinken wird. Den Schlammalgen ist der Krieg angesagt.

Sie werden soweit reduziert, dass das obere Ende der Nahrungskette bestimmt, wie groß das untere Ende sein darf. Über den Bedarf des oberen Endes hinaus besteht für keine Schlammalge und keinen auf Schlammalgenbasis lebenden höheren Organismus noch eine Existenzberechtigung.

Ich weiß, das ist eine sehr niederschmetternde, dystopische Einsicht.

Was also können und sollen die Frösche und Schlammalgen tun?
Was sind ihre Fähigkeiten, welche "Waffen" stehen ihnen zur Verfügung?

Beide haben eine gemeinsame Eigenschaft. Sie sind glitschig. Die Algen, solange sie feucht bleiben, die Frösche, sobald sie zertreten werden.

10.000 Frösche vor der scharfen Kurve auf der Bundesstraße können mehrere Fahrzeuge der Sumpftrockenlegungsgesellschaft in den Graben befördern. Das kostet 1000 Fröschen das Leben, die überlebenden 9.000 haben wertvolle Zeit gewonnen.

Natürlich wird man sie jagen. Mit Gift besprühen, vielleicht mit Flammenwerfern zu rösten versuchen, doch solange der Sumpf nicht trocken ist, haben die Frösche eine Chance.

Womöglich stellt sich sogar die Einsicht ein, dass Frösche, deren Biotope ungestört bleiben, keine Anstalten machen, sich auf den Straßen zu Marschkolonnen zu formieren.
 
Womöglich stellt sich die Einsicht ein, dass Frösche, die nicht wandern, auch keine Schlammalgen mit sich schleppen und damit die Unfallgefahr noch verstärken.

Womöglich stellt sich die Einsicht ein, dass es "betriebswirtschaftlich sinnvoll" wäre, eine friedliche Koexistenz zwischen Fröschen und Herrenmenschen anzustreben. Wer weiß?

Ich meine, wir haben lange genug "Angebote" gemacht. Lohnverzicht gegen Arbeitsplatzerhalt, zum Beispiel, was nichts anderes war, als die freiwillige Zustimmung zu noch effizienterer Ausbeutung.
 
Oder die stillschweigende Zustimmung zur Eingliederung in ein an reinen Kapitalinteressen orientiertes, staatsähnliches Gebilde namens EU, die stillschweigende Akzeptanz einer von vornherein zum Scheitern verurteilten Währung namens Euro, die stillschweigende Zustimmung zu Angriffskriegen der vom Grundgesetz als Verteidigungsarmee bestimmten Bundeswehr, und, und, und ...

Und immer haben wir darauf vertraut, dass damit, dass wir, wenn auch leise murrend, all das geschehen lassen, nun wirklich alles besser werden wird.

"Wir" haben uns Glasmurmeln andrehen lassen, und dafür unsere Rechte, unsere Freiheit und unseren Wohlstand verkauft.

"Wir" haben gar nichts mehr anzubieten.

Die einzige Frage, die noch bleibt, lautet meines Erachtens:
 
"Haben wir uns noch einen Rest von Ehrgefühl und Selbstachtung erhalten?", und, falls ja, "haben wir noch den Mut, wenigstens diesen Rest zu verteidigen?".

Ein Esel bleibt stehen, wenn man ihm zu viel auflädt.

Doch "wir" glauben offenbar, dass im Grundgesetzt geschrieben steht:

"Die Bürde des Menschen ist unbeschränkbar".


Liebe Grüße
Wolfgang
 
dazu kam gerade noch diese Reaktion:
 
Lieber Wolfgang,
 
habe gerade Deinen Tageskommentar gelesen. Ich stimme Dir in vollem Umfang zu. "Wir" können gar nichts anbieten.
 
Streng genommen konnten "Wir" noch nie etwas anbieten.
"Uns" blieb immer nur das Erdulden, sich Anpassen und letztlich Mitmachen übrig. Und regte sich doch mal Protest (Occupy etc.), so schmolz dieser nach kurzer Zeit schneller als ein Schneeball im Hochofen.
 
Erst wenn die 42 Millionen Frösche sich einig sind und für fünf Tage die Arbeit niederlegen, erst dann haben "Wir" etwas zum Anbieten.
Doch vorher muss eine Revolution stattfinden, eine Revolution im Kopf der Frösche.
 
Besten Gruß
Michael


Herbert Ludwig nennt seinen Internet-Auftritt so.
 
Fassadenkratzer.
 
 
Und dieser Name ist Programm. Sein Anspruch ist es, zu den verursachenden Kräften der Zeitereignisse vorzudringen. Dazu ist es unerlässlich, an den Fassaden zu kratzen, um das ans Licht zu bringen, was für gewöhnlich hinter der Oberfläche verborgen bleibt oder einfach in der Fülle der Informationen untergeht.
 
1939 in Marburg an der Lahn geboren, war er, nach Studium und praktischer Ausbildung zum Rechtspfleger mehrere Jahre an verschiedenen Amtsgerichten in Nordhessen tätig. Er studierte dann Pädagogik, Philosophie, Geschichte und Deutsch an der Pädagogischen Hochschule in Reutlingen, sowie Waldorfpädagogik am Waldorflehrer-Seminar in Stuttgart und unterrichtete 27 Jahre an einer süddeutschen Waldorfschule.
 
Sein großes Thema ist die Entwicklung des Menschen zur Freiheit - und davon ausgehend die Untersuchung der inneren und äußeren Bedingungen, die diese Entwicklung fördern oder behindern. Als aufmerksamer Beobachter des Zeitgeschehens erkennt er Chancen und Gefahren und nimmt regelmäßig Stellung zu grundsätzlichen Fragen der sozialen Gestaltung des geistig-kulturellen, staatlichen und wirtschaftlichen Lebens.
 
Ich habe mich sehr gefreut, als Herbert Ludwig mir anbot, eine Sammlung von Aufsätzen aus den letzten beiden Jahren im EWK-Verlag in Buchform zu veröffentlichen.
 
Die gezielte Auswahl für diese Veröffentlichung und die dabei geschaffene thematische Ordnung machen den Leser dabei umfasender und tiefgründiger mit den Themen und Problemen vertraut, als dies mit einzelnen Aufsätzen erreicht werden kann. Der innere Zusammenhang tritt hervor und verstärkt die Eindringlichkeit, mit der die gesellschaftliche Problematik und die notwendigen freiheitlichen Entwicklungsrichtungen beschrieben sind.
 
Sein Buch trägt den Titel:
      Macht macht untertan


      Methoden der Unterdrückung
      in der Demokratie
 
 
In unserm Online-Shop finden Sie ausführlichere Informationen und eine Vorschau auf den Inhalt.


 

Allmählich spricht es sich herum:


Sogar im SWR fand das Buch über
den Stuttgarter Grubenbahnhof
inzwischen lobende Erwähnung.

Der Autor hat einige Stimmen zu seinem jüngst im EWK-Verlag erschienenen Buch auf seiner Homepage veröffentlicht.

Schauen Sie doch mal selbst bei
Manfred J. Schmitz vorbei.

Bestellen können Sie
"Dr. Feist im Fegefeuer" direkt online.

Und natürlich gilt das auch für Schmitz's
ersten Roman "Wer weiß schon, wie tief der Fluss unter der Brücke ist ..."


 Egon W. Kreutzer

Egon W. Kreutzer, PortraitAutor und Verleger - mit einem außergewöhnlichen Hang zur Nachhaltigkeit, meint:

Kritik muss weder beschönigen noch verharmlosen, weder heucheln noch trösten, um konstruktiv zu sein.

Wirksame Kritik muss in aller Klarheit und mit der gebotenen Schärfe auf allgemeine Anstrengungen zur Veränderung von Sachverhalten und Umständen abzielen.

Verhaltensänderungen kritisierter Personen sind dafür nicht Bedingung, sondern bestenfalls erfreuliche Folge.


 



 

 

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