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Paukenschlag
am Donnerstag
No. 12 /2015
vom 26. März 2015


Kommentare zum Zeitgeschehen von Egon W. Kreutzer

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Druckversion: Sigbert Döring


Jens Weidmann
Zwischen Amt und Vernunft
 
Über Jahrzehnte galt die Deutsche Bundesbank als Hort der Stabilität und die Deutsche Mark als eine der stabilsten Währungen der Welt. Und wenn die meisten Deutschen von Geld und Währung auch keine Ahnung hatten, einig waren sich alle darin, mit ihrer Mark über ein "gutes Geld" zu verfügen.
 
Gestern Abend war der Präsident der Deutschen Bundesbank, die mit dem Übergang zum Euro wenig von ihrer Reputation aber viel an Einfluss verloren hat, in München und sprach im Rahmen der "Münchner Seminare" über den Zusammenhang zwischen der Stabilität an den Finanzmärkten und der Geldpolitik der Notenbanken.
 
Ein wichtiges - und in meinen Augen seit mehr als einem Jahrzehnt überfälliges - Thema.
 
Was Weidmann dazu vortrug, habe ich dem Bericht der Süddeutschen Zeitung über diese Veranstaltung entnommen. Auf Mimik, Gestik und feine Untertöne kann ich mich also nicht stützen, und auch die wörtlichen Zitate sind in der Süddeutschen dünn gesät, doch genügt das von Jan Willmroth Übermittelte, um einen neuen Einblick in die Tragik des obersten Bundesbankers zu gewinnen.
 
Im höchsten Gremium der Währungsunion, dem EZB-Rat hat er die Rolle des Enfant terrible eingenommen und wird regel- und routinemäßig überstimmt. Im Direktorium der EZB, das die Beschlüsse des Rates in Anweisungen an die nationalen Zentralbanken umsetzt, ist er nicht vertreten, und als Chef der Bundesbank hat er damit, auf Weisung des Direktoriums umzusetzen, was im Rat gegen seinen Rat beschlossen wurde.
 
...und weil das Amt verpflichtet, hat er nicht nur die Verantwortung für die Umsetzung, sondern muss auch die Politik der EZB mittragen und gegebenenfalls verteidigen. Axel Weber, sein Vorgänger, hat diesen Spagat nicht durchgehalten und vorzeitig seinen Rücktritt erklärt, weil er Beschlüsse vertreten musste, die er für falsch gehalten hatte.
 
Weidmann ist also keinesfalls in einer beneidenswerten Situation. Daher ist der Hauptteil seines Münchner Vortrages besonders interessant, weil er zeigt, dass Weidmann noch nicht aufgegeben hat und auf der Suche nach einem neuen Hebel zur Eindämmung der lockeren Geldpolitik fündig geworden ist. Ob er die Kraft hat, diesen Hebel auch umzulegen, sei dahingestellt. Wichtig ist, dass die Problematik endlich auch in den obersten Rängen der Geldpolitik auf der Tagesordnung angekommen ist.
 
Seit ich über Geld schreibe, und das ist inzwischen schon eine sehr lange Zeit, weise ich darauf hin, dass auch die Kursentwicklungen an den Börsen und Devisenmärkten zu einem großen Teil inflationsbedingt sind und ebenso wie Preissprünge im Immobilienmarkt mehr den Anlagebedarf "fehlgeleiteter" Liquidität anzeigen, als tatsächliche, in Qualität und Bedarf begründete "Wert"-Steigerungen zum Ausdruck zu bringen.
 
Diese Betrachtungsweise war lange Zeit tabu, wurde als unwissenschaftlich verunglimpft, weil die Lehrstühle der Makro-Ökonomie Inflation eben nur in Verbraucherpreisen erkennen wollten, und ihr Postulat, Inflation ginge stets von den Löhnen aus, und von sonst nichts, ebensowenig aufgeben wollten, wie ihre professionelle Abneigung, sich mit der Entstehung und dem Wachstum großer Privat-Vermögen zu beschäftigen. Der Ertrag des Wirtschaftens wird von der Mehrzahl der Ökonomen in ihren Modellen lediglich als zusätzlich verfügbares Investitionskapital angesehen und entzieht sich damit jeglicher Kritik.
 
Selbstverständlich hat Weidmann in seinem Vortrag dieses Thema nicht frontal auf die Hörner genommen. Er ist zunächst einmal seiner Pflicht gerecht geworden, die EZB und ihre Geldpolitik im Zusammenhang mit der Euro-Krise gegen ihre Kritiker zu verteidigen. Das war sozusagen der politisch korrekte Teil seines Vortrags. Er folgte dabei durchaus dem bewährten Muster, die einzelnen Elemente des Problems isoliert zu betrachten. So kann man Symptome zu Ursachen erklären und fröhlich an diesen herumdoktern, wie es die EZB stets tut, wenn sie die Sinnhaftigkeit ihres Handelns - trotz miserabler Ergebnisse - begründet.
 
Der Höhepunkt dieser rhetorischen Pflichtübung bestand wohl in jenem nichtssagend-vieldeutigen Satz, der von Jan Willmroth wörtlich zitiert wird:
 
"Diejenigen, die nun der EZB und der europäischen Politik die Schuld an der wirtschaftlichen Schwächephase in den Krisenländern geben, verwechseln Ursache und Wirkung."
 
Dieser Satz könnte auch von einem mittelalterlichen Bader stammen, der den Tod seines Patienten damit rechtfertigt, dass er sagt: "Diejenigen, die nun dem Bader wegen des wöchentlich vorgenommenen Aderlasses die Schuld am Siechtum des Patienten geben, verwechseln Ursache und Wirkung."
 
Fakt ist, dass weder der Bader noch die EU-EZB-IWF-Politik die im Laufe der Kur immer dramatischer werdende Verschlechterung des Allgemeinzustandes ihrer "Patienten" zum Anlass nahmen, auch nur im Ansatz an der Wirksamkeit ihrer Therapie zu zweifeln.
 
Um diesem Einwand zuvorzukommen, baute Weidmann dann noch die übliche Kulisse aus "Schäuble-Argumenten" auf, die wir hinlänglich kennen und die auch durch stete Wiederholung nicht glaubhafter werden.

Die erfolgreiche Geldpolitik habe die Wettbewerbsfähigkeit Griechenlands gestärkt, die gravierenden Härten für die Menschen seien nur die Folgen unausweichlicher (alternativloser?) Anpassungen, usw.
 
So könnte auch Hagen von Tronje geklungen haben, wenn er sich als Siegfrieds treuer Freund darstellen wollte.
 
Als er Kriemhild dann aber dazu gebracht hatte, die verwundbare Stelle Siegfrieds mit einem kleinen gestickten Kreuz zu markieren, fand Hagen, während einer Jagdgesellschaft die Gelegenheit, seinen Speer genau in diese verwundbare Stelle zu bohren.
 
Nun ist Jens Weidmann nicht der Nibelungensage entsprungen und Draghi hat noch nie einen Drachen getötet, auch wer in diesem Spiel die Rolle der Kriemhild übernommen haben könnte, ist vollkommen unklar, doch Weidmann hat in der Fortsetzung seines Vortrags den Speer geworfen.
 
Ruhig abwägend, das Ziel ins Auge fassend, sprach er davon, dass schon einmal niedrige Ölpreise zu einer niedrigen Inflation geführt hätten, dass eine Geldpolitik der ruhigen Hand auch angesichts der derzeitigen Ölpreise zu vertreten wäre, um dann endgültig Mut zu fassen und darauf hinzuweisen, dass die lockere Geldpolitik auch die Motivation der Krisenstaaten für Reformene beschädigen könne - und dann schleuderte er den Speer mitten in die verletztliche Stelle des Kapitals:
 
Die ultra-lockere Geldpolitik habe die Preise der Vermögensgüter, wie Aktien oder Immobilien in die Höhe getrieben und Blasenbildungen ermöglicht. Die Geldpolitik müsse daher die Risiken auf den Vermögensmärkten in ihre Überlegungen und Entscheidungen einbeziehen.
 
Und jetzt zitiert Jan Willmroth auch den tatsächlich wichtigen Satz:
 
"Egal, ob Absicht oder Nebenwirkung: Geldpolitik beeinflusst den Risikoappetit der Finanzmarktteilnehmer und damit die Finanzstabilität"
 
Das dürfte der Mann mit dem Stallgeruch von Goldman Sachs in seinem EZB-Chefsessel gar nicht gerne gehört haben.
 
Mag sein, dass Draghi nicht das U-Boot von Goldman Sachs in der EZB ist, wie es manchen vorkommt, doch auch hier könnte man (in Anlehnung an Weidmanns starken Satz) formulieren: "Egal, ob Absicht oder Nebenwirkung: Das Denken eines gelernten Finanzmarktteilnehmers in der Schaltzentrale des Euro beeinflusst die Finanzstabilität."
 
Danach wiegelte Weidmann wieder ein bisschen ab.Es sei alles noch gar nicht so schlimm, zwar lägen die Immobilienpreise in den deutschen Städten mancherorts um 10 bis 20 Prozent über den realen Werten, in angesagten Lagen sogar noch darüber, doch insgesamt (Lieb Vaterland, magst ruhig sein!) ist in Deutschland keine substanzielle Überbewertung zu erkennen. Ein bisschen Gift mischte er aber auch noch in diese Aussage, als er erklärte, von einer Immobilienblase wolle er nicht sprechen, denn dazu fehlte es an zwei Dingen: am kräftigen Kreditwachstum und (und?) an einem steigenden Verschuldungsgrad.
 
Mit dieser Aussage widerspricht er nämlich total den Aussagen des obersten Währungshüters Draghi, der seine Geldschwemme ja damit begründet, dass den Banken die Möglichkeit gegeben werden müsse, wieder mehr Kredite auszureichen, auf dass die Löhne steigen und die Inflation dahin wächst, wo sie nach den Statuten der EZB zu sein hat.
 
Ginge Weidmann nämlich davon aus, dass dieses Ziel erreicht wird, und die Billion, die ins Feuer geworfen wird, tatsächlich in der Realwirtschaft ankommt, müsste er in konsequenter Fortsetzung seiner Argumentation als Folge der QE-Politik eine drohende, gigantische Immobilienblase an die Wand malen.
 
Damit, dass er dies nicht tut, sondern die Preisentwicklung bei den Immobilien kleinredet, mit der Begründung, es gäbe kein ausreichendes Kreditwachstum, keinen steigenden Verschuldungsgrad, konkretisiert er implizit seine Aussage, die von ihm so zwar nicht ausgesprochen wird, auf den Punkt gebracht aber besagt: "Draghi füttert gezielt und ausschließlich die Spekulation."
 
Mit dieser Erkenntnis ist er meines Erachtens an dem Punkt angelangt, an dem Axel Weber hingeschmissen hat.
 
Vielleicht hat Weidmann ja, anders als Weber seinerzeit, Anzeichen dafür erkannt, dass eine Änderung der EZB-Strategie immer noch möglich scheint. Vielleicht glaubt er, im EZB-Rat könnte sich die Stimmung noch umdrehen, vielleicht sieht er wirklich einen Weg, die Liquidität, die Draghi schafft, dahin zu lenken, wo sie bitter nötig ist. Es wäre schön, demnächst von einer solchen Wende überrascht zu werden.
 
Viel Hoffnung setze ich darauf allerdigs nicht.
 
 
 
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 Egon W. Kreutzer

Egon W. Kreutzer, PortraitAutor und Verleger - mit einem außergewöhnlichen Hang zur Nachhaltigkeit, meint:

Kritik muss weder beschönigen noch verharmlosen, weder heucheln noch trösten, um konstruktiv zu sein.

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